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Corona-Impfstoff

21.01.2021

Corona-Impfstoffe an Affen getestet: Sind Tierversuche nötig?

In der Forschung zu Corona-Impfstoffen wurde und wird auch an Rhesusaffen getestet.
Foto: Marijan Murat, dpa (Symbolbild)

Plus Millionen Menschen sind weltweit bereits gegen das Coronavirus geimpft. Davor wurde der Wirkstoff an Tieren getestet. Wie Corona das ethische Dilemma noch schwieriger macht.

Die Hoffnungen der ganzen Welt ruhen auf den Impfstoffen gegen das Coronavirus. Möglicherweise sind diese die einzige Chance, um zur Normalität zurückzukehren. Davon geht unter anderem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder aus, der weitreichende Öffnungen erst dann für möglich hält, wenn ein Großteil der Bevölkerung geimpft ist. Die Mittel von Biontech, Pfizer, Moderna und AstraZeneca sind in aller Munde. Worüber jedoch kaum jemand spricht, sind die Tierversuche, die bei der Entwicklung der Impfstoffe durchgeführt wurden und werden. Rechtfertigt eine Pandemie es, reihenweise an Tieren zu experimentieren? Mit Medikamenten, die erst zahlreiche Tierleben kosten, bevor sie Menschenleben retten?

Nein, sagt Dr. Dilyana Filipova vom Verein "Ärzte gegen Tierversuche": "Es wäre falsch zu denken, man könne mittels Tierversuchen Menschenleben retten. Es gibt riesige biologische Unterschiede zwischen Menschen und Tieren, daher lassen sich die Ergebnisse von Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen und täuschen eine Sicherheit vor, die nicht existiert." Das heißt: Um herauszufinden, ob ein Medikament beim Menschen wirkt und gut vertragen wird, müsse es ohnehin am Menschen getestet werden. Eine Statistik des Vereins besagt, dass neun von zehn Medikamenten, die sich bei Tierversuchen als wirksam und sicher erwiesen haben, letztlich unbrauchbar für den Menschen sind. Gleichzeitig gebe es jedoch auch Mittel, die zwar für Menschen unbedenklich sind, dafür aber Tieren schaden. Als Beispiele nennt die wissenschaftliche Mitarbeiterin aus Köln Aspirin oder Penicillin.

Coronavirus: Gäbe es ohne Tierversuche schon einen Impfstoff?

Fakt ist: Bevor die Corona-Impfstoffe Menschen verabreicht wurden, gingen Tierversuche an Mäusen und Ratten voraus. Forscher erhielten dadurch Daten zur Immunantwort, zu Nebenwirkungen und Dosierungen. In späteren Phasen wurden Versuche mit Rhesusaffen durchgeführt. Rhesusaffen sind natürlicherweise empfänglich für eine Infektion mit Sars-CoV-2 und entwickeln auch Krankheitssymptome wie etwa eine Lungenentzündung. Nachdem Forscher den Rhesusaffen die Impfstoffe verabreicht hatten, infizierten sie die Tiere mit dem Virus. Eine Infektion war nicht nachweisbar.

Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin einer tierexperimentellen Forschungseinrichtung hat in einem Labor eine Maus in der Hand.
Foto: Friso Gentsch, dpa (Symbolbild)

Tierversuche wie diese seien der Hauptgrund, weshalb so schnell Impfstoffe gegen das Coronavirus entwickelt werden konnten, meint Dr. Roman Stilling, Referent der Initiative "Tierversuche verstehen", die von den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen wie der Leopoldina und der Max-Planck-Gesellschaft koordiniert wird. Über eine Impfstoff-Zulassung ohne Tierversuche sagt er: "Es wäre unmöglich gewesen, weil die heutigen Alternativmethoden allein nicht ausreichen." Das Risiko für die menschlichen Probanden wäre ohne Tierversuche nicht abschätzbar gewesen. Auch Virologe Christian Drosten sprach sich in einem seiner Podcasts für Tierversuche aus.

"Ärzte gegen Tierversuche": Impfstoff wurde Menschen und Affen zeitgleich verabreicht

Tierschützer wollen das Argument aber nicht zählen lassen. "Die rasche Entwicklung der Corona-Impfstoffe ist der jüngste Beweis dafür, wie ineffizient und unnötig Tierversuche sind. Die schnelle Entwicklung der Corona-Impfstoffe war zum großen Teil deswegen möglich, weil die üblichen Tierversuche verkürzt, übersprungen oder gleichzeitig mit den Tests an Menschen gemacht wurden", sagt Filipova.

Als Beispiel nennt die Naturwissenschaftlerin die Affenversuche beim Biontech-Impfstoff. Diese seien während der zweiten klinischen Phase gemacht worden, also während bereits Menschen der Impfstoff verabreicht wurde. Da für die weitere Zulassung die Menschendaten wichtiger gewesen seien als die der Affen, habe sich letztlich der Impfstoff-Kandidat durchgesetzt, der beim Menschen besser anschlug. "Die Affenversuche haben deswegen keinen wissenschaftlichen Beitrag für die Entwicklung und Testung der Corona-Impfstoffe geleistet, sondern sie wurden durchgeführt, um die veralteten, widersinnigen gesetzlichen Vorschriften zu erfüllen", betont Filipova.

Knapp drei Millionen Versuchstiere in Deutschland

2,9 Millionen Versuchstiere gab es 2019 in Deutschland. Die Zahl blieb in den vergangenen zehn Jahren stabil. Mäuse, Ratten und Fische machen über 90 Prozent der Versuchstiere aus. Eine Zahl, wie viele Versuchstiere pro Jahr sterben, gibt es nicht. Stilling von "Tierversuche verstehen" erklärt: "In aller Regel sterben Versuchstiere nicht durch den Versuch selbst, sondern werden meist im Anschluss an den Versuch tierschutzgerecht getötet, weil die Organe der Tiere im Rahmen des Forschungsprojekts untersucht werden." Rund ein Viertel der Versuchstiere nimmt letztlich an gar keinem Tierversuch teil, sondern wird "zur Gewinnung von Organen, Geweben oder Zellen getötet, an denen dann geforscht wird". Die Bedingungen, unter denen Versuchstiere leben, regelt in Europa die EU-Tierversuchsrichtlinie. Tierschützer wie Filipova kritisieren diese Standards allerdings: "Die Tiere, die für Versuche benutzt werden, verbringen ihr ganzes Leben in sehr engen, kahlen Käfigen und in einer komplett künstlichen Umgebung, die keineswegs als 'artgerecht' bezeichnet werden kann."

Aber darf man in einer Pandemie, die täglich Tausenden Menschen das Leben kostet, überhaupt Tierversuche in Frage stellen? Die Meinung der "Ärzte gegen Tierversuche" ist klar: "Die Corona-Krise hat es deutlich gemacht, wie langsam, unzuverlässig und überflüssig Tierversuche sind." Basierend auf den Daten der Tierversuche gäbe es heute noch keinen zugelassenen Corona-Impfstoff, argumentiert Filipova. "Wir müssen schnellstmöglich überholte Tierversuche abschaffen und die Entwicklung, Anwendung und Anerkennung der tierversuchsfreien, menschenbasierten Forschungsmethoden vorantreiben, wenn wir diese und die nächsten Pandemien bekämpfen möchten."

Corona-Forschung: Sind alternative Methoden die Zukunft?

Immerhin: Auch bei der Entwicklung der Corona-Impfstoffe kamen und kommen tierversuchsfreie Forschungsmethoden zum Einsatz. Virale Infektionswege werden beispielsweise anhand von Computerprogrammen analysiert. Diese kommen auch bei einem zentralen Aspekt der aktuellen Impfstoffe zum Einsatz, wie Filipova erklärt: "Eine aktuelle Studie mit Blutproben von Menschen, die mit dem Biontech-Impfstoff geimpft wurden, zeigte, dass die Vakzine auch gegen die neuen, sich schnell verbreitenden Coronavirus-Stämme aus Großbritannien und Südafrika wirksam ist."

Roman Stilling von "Tierversuche verstehen" glaubt, dass sich alternative Forschungsmethoden und Tierversuche gegenseitig ergänzen - gerade bei Corona. "Man muss bedenken: Covid-19 ist eine Krankheit, die verschiedene Organe betreffen kann - die Lunge, das Herz und auch das Gehirn. Auch das komplexe Immunsystem ist beteiligt und für die zum Teil schweren Symptome verantwortlich. Diese Komplexität können wir mit heutigen Methoden nur in einem lebenden Organismus untersuchen." In der Zulassungsphase eines Impfstoffs sind daher Tierversuche mit zwei Spezies gesetzlich vorgeschrieben.

Jedoch gilt schon jetzt: "In der vorherigen Entwicklung des Impfstoffs sind als erstes Alternativmethoden einzusetzen. Erst wenn diese nicht mehr zur Klärung der Forschungsfrage ausreichten, durften Tierversuche durchgeführt werden", sagt Stilling. Mit den Tierversuchen sollte unter anderem geklärt werden, ob ein mRNA-Wirkstoff funktioniert, welche Dosierung eine Immunantwort auslöst, welche Nebenwirkungen bestehen können und ob der Impfstoff verträglich ist.

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Die Diskussion ist geschlossen.

22.01.2021

Das Genom der Maus entspricht zu 99 Prozent dem des Menschen. Alles was an Signal und Stoffwechselvorgängen in den Zellen passiert, kann man fast uneingeschränkt auf menschliche Zellen übertragen. Genau dort setzt auch ein Impfstoff an. Aus diesem Grund sind Tierversuche alternativlos. Wer möchte schon die Labor Maus durch Menschen ersetzen?

Dennoch muss auch hier eine ethische Abwägung erfolgen. Kann man die Versuche auf "In Vitro" beschränken? Wie kann man Tierversuche minimieren? Wie kann man das Befinden der Tiere verbessern? Sind für Kosmetika Tierversuche wirklich notwendig?
Auch Tiere haben Gefühle wie Angst und Schmerz und verdienen unseren Respekt. Das sollte man immer bedenken.

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21.01.2021

Tierversuche sind nur bedingt aussagekräftig. Außer in extremen Ausnahmesituationen sollten Tierversuche definitiv verboten gehören.

Sollen sich doch freiwillig Menschen zur Verfügung stellen. Die können selbst entscheiden und die Testergebnisse sind auch aussagekräftiger.

Den Zustand einer Gesellschaft kann man an besten beurteilen, wenn man deren Umgang mit den Schwachen und Wehrlosen beobachtet.

Und da schaut es momentan nicht gut aus.

Der Mensch neigt leider regelmäßig dazu, Macht zu missbrauchen, je länger und mehr er diese hat.

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21.01.2021

Tiere für Versuche herzunehmen empfinde ich einfach als bestialisch.

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21.01.2021

Welche Alternative(n) schlagen Sie vor? Ich sehe keine.

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21.01.2021

Pharmakonzerne, aufgepasst: Herr Ronald H stellt sich als freiwillige Testperson zur Verfügung...

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