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Rohstoffe

07.06.2020

Corona ist lebensgefährlich für die Ölbranche

Die Zeit der großen Tankerflotten könnte bald abgelaufen sein, glauben Ölexperten.
Bild: Kalyakan, Adobe Stock

Die großen Ölförderländer versuchen, den Barrelpreis zu stabilisieren. Doch der Schock durch die Krise könnte so groß sein, dass es kein Zurück mehr gibt.

Ein Doppelschlag hat in diesem Frühjahr den Ölpreis in den Keller geschickt. Während die Weltwirtschaft wegen der Corona-Pandemie in die Krise stürzte und die Nachfrage nach Öl so drastisch sank, dass die Lager überquollen, lieferten sich Saudi-Arabien und Russland einen ruinösen Preiskrieg. Zeitweise mussten Verkäufer draufzahlen, um Öl loszuwerden. Nun ist der Ölpreis zum ersten Mal seit März kurzzeitig wieder über die Marke von 40 Dollar pro Fass gestiegen. Doch auch wenn sich die chronisch zerstrittenen Ölförderländer der sogenannten Opec+ am Samstag auf eine weitere Drosselung der Ölproduktion bis Ende Juli geeinigt haben: Langfristig wird sich der Sektor nach der Corona-Krise wohl nie wieder komplett erholen.

Knapp zehn Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag wollen die großen Ölländer vorerst weniger fördern, um den Preisverfall in der Corona-Krise zu stoppen. Doch kurz nach Verkünden der überraschend schnell gefundenen Einigung, scherte das erste Land schon wieder aus: Mexiko will die Verlängerung der Drosselung nicht mitmachen, twitterte Energieministerin Rocío Nahle. Schon im April hatten sich die Organisation Erdöl produzierender Staaten (Opec) und die anderen Länder darauf verständigt, die Ölförderung um 9,7 Millionen Barrel pro Tag für die Monate Mai und Juni zu kürzen. Doch dieses Spiel auf Zeit könnte langfristig nicht zu gewinnen sein.

Veränderungen in der Arbeitswelt könnten für einen geringeren Ölverbrauch sorgen

Die Pandemie werde den Energiemarkt dauerhaft verändern, glaubt etwa Saad al-Kuwari, Chef des Öl-Marketing-Unternehmens Tasweeq in Katar. Erneuerbare Energiequellen seien die voraussichtlichen Gewinner, schrieb Kuwari jüngst in der Zeitung Gulf Times. Zwar gebe es nach dem Schock des Frühjahrs Anzeichen für höhere Ölpreise in nächster Zeit: Die Nachfrage aus China steige mit der Erholung der Wirtschaft, und Saudi-Arabien und Russland seien bereit, ihre Produktion weiterhin zu drosseln, um den Preis zu stützen. Aber die mittelfristige Zukunft ist unsicher.

 

Veränderungen der Arbeitswelt durch die Pandemie – Homeoffice und Videokonferenzen – könnten den Ölverbrauch auf Dauer senken, weil sie Fahrten zum Büro und Geschäftsreisen überflüssig machen. Große Unternehmen wie Facebook wollen zehntausenden Mitarbeitern erlauben, für immer von zu Hause aus zu arbeiten.

Die Nachfrage nach Öl dürfte nur langsam wieder auf das Niveau von vor der Krise klettern. Die internationale Energieagentur IEA rechnet für das laufende Jahr mit einem Einbruch von acht Prozent im Vergleich zu 2019. Erst in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres dürfte der Markt wieder so viel Öl nachfragen wie vor der Krise. Die Investmentbank Goldman Sachs erwartet, dass die Nachfrage erst Ende 2022 wieder den Stand der Vor-Corona-Zeit erreicht. Kingsmill Bond von der Energie-Denkfabrik Carbon Tracker sieht die Erholung in noch weiterer Ferne: Er schreibt in einer Analyse, dass der Stand von 2019 erst 2028 wieder erreicht wird.

Die Corona-Pandemie als Gelegenheit, eine „saubere“ Wirtschaft zu schaffen

Selbst wenn die Ölproduzenten die Förderung senken, können Ölquellen nicht wie Lichtschalter aus- und dann einfach wieder eingeschaltet werden. Ein Neustart der Ölförderung nach Stilllegung einer Anlage kann viel Geld kosten – was die Verluste verschlimmert. Die Krise behindert zudem Neuinvestitionen. In den USA, wo viel Öl aus Ölschiefer gewonnen wird, brauchen Firmen einen Ölpreis von rund 49 Dollar pro Fass, damit sich die Erschließung eines neuen Ölfelds lohnt. Selbst wenn sich die Weltwirtschaft wieder erholt, heißt das nicht, dass für die Ölindustrie wieder alles in Ordnung ist. Denn künftig wird der Energiebedarf möglicherweise anders gedeckt als mit Öl und Gas.

Nicht nur Deutschland will die Krise nutzen, um seine Volkswirtschaft zu modernisieren und besser auf den Klimawandel einzustellen. Das Nein zu einer Kaufprämie für Benzin- und Dieselautos im neuen Konjunkturpaket der Bundesregierung ist ein Beispiel für den weltweiten Trend. Die Pandemie sei eine einmalige Gelegenheit, eine „saubere“ Wirtschaft mit vielen neuen Arbeitsplätzen zu schaffen, schrieb der neuseeländische Klimaminister James Shaw in einem Beitrag für das Klima-Portal Climate Change News. Der Übergang wird Jahre dauern und könnte durch kleinere Öl-Booms unterbrochen werden. So verweisen einige Experten darauf, dass die derzeit niedrigen Ölpreise die Umstellung auf eine grünere Energiepolitik bremsen können: In vielen Ländern werden Rekorde momentan nicht beim Verkauf von Elektroautos erzielt, sondern bei den benzindurstigen SUV.

Eine Rückkehr zu der Zeit vor der Corona-Pandemie ist für die Ölindustrie aber schwer vorstellbar. Einige Fachleute nehmen schon an, dass die Nachfrage nach Öl ihren historischen Höhepunkt überschritten hat. Bisher erwartete die IEA diesen Gipfel für das kommende Jahrzehnt. Carbon-Tracker-Experte Bond glaubt dagegen, dass der Corona-Schock den Wendepunkt schon jetzt gebracht hat. „Dem fossilen Sektor hat das letzte Stündlein geschlagen“, ist Bond sich sicher. Bis sich die Ölindustrie von der Krise erholt habe, dürften Wind- und Sonnenenergie so weit entwickelt sein, dass sie eine wachsende Nachfrage nach Energie auffangen könnten, erwartet er. Anders gesagt: Öl wird wahrscheinlich nie mehr so dringend gebraucht wie vor Corona.

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07.06.2020

Angesichts der für unsere Nachkommen existenziellen Gefahren der Erdaufheizung könnte die Coronakrise der "Schuß" sein, der viele große Volkswirtschaften dazu bringt, auf klimaunschädliche Energien umzustellen. Allerdings ist der Bremsweg lang. Und wir haben durch unsere Treibhausgase unsere Erde schon um 1 ° Celsius in den letzten 200 Jahren erwärmt. Und das wird zu mehr Dürren, Hitzewellen aber auch Stürmen und Fluten führen. Durch den Anstieg des Meeresspiegels werden Lebensräume verloren gehen, wo heute noch hunderte Millionen Menschen leben.

Und dabei haben wir die Techniken entwickelt, um uns klimaunschädlich mit Energie zu versorgen. Strom ist nur ein Teil unserer Energieversorgung. Doch es ist hoch erfreulich, dass wir in den ersten fünf Monaten dieses Jahres rund 55 Prozent unseres Stroms aus Erneuerbaren Energien erzeugt haben. Also aus Bioenergie, Geothermie, Photovoltaik, Wasser- und Windkraft. In diesem Jahr stammte bisher EIN DRITTEL unseres Stroms aus der Windkraft.

Raimund Kamm

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