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Interview

17.04.2020

Deka-Chefvolkswirt warnt: "Ein Einbruch, größer als in der Finanzkrise"

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater sieht die deutsche Industrie trotz vieler offener Fragen gut gerüstet.
Bild: Hermann/Deka Bank

In einigen Bereichen wird es mühsam, bis die Wirtschaft trotz Lockerungsmaßnahmen wieder anspringt, sagt Ulrich Kater. Zum Beispiel in der Autobranche.

Herr Kater, wie groß wird der wirtschaftliche Einbruch durch die Corona-Pandemie?

Ulrich Kater: Wir rechnen dieses Jahr für Deutschland mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von mehr als fünf Prozent. Damit liegen wir in der Mitte der Extremschätzungen. Der Internationale Währungsfonds erwartet sieben Prozent, der Sachverständigenrat der Bundesregierung drei Prozent. Der Rückgang ist größer als in der Finanzkrise, hoffentlich aber auch kürzer.

Schrittweise wollen die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten zur Normalität zurückkehren, angefangen mit den kleinen Läden. Bayern lässt sich mehr Zeit. Wie schnell kann sich da die Wirtschaft erholen?

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Kater: Für einzelne Unternehmen zählt jeder Tag, in der Gesamtheit kommt es leider auf ein oder zwei Wochen nicht an. Die Wirtschaft wird nicht auf Knopfdruck wieder anspringen. An einigen Stellen wird es schnelle Normalisierungen geben, an anderen wird es sehr mühsam werden.

Wie lange werden uns die Nachwirkungen beschäftigen?

Kater: Produktionsbänder anzuhalten ist leicht, sie wieder zu starten viel schwieriger. Um in Deutschland eine Maschine oder ein Auto herzustellen, sind Vorprodukte aus ganz Europa und der Welt nötig. Es wird ein Puzzlespiel, die Produktion wieder in Gang zu bringen. Dies wird uns den Rest des Jahres beschäftigen. Ich denke, dass wir am Jahresende rund 80 Prozent der gegenwärtigen monatlichen Produktionslücken wieder geschlossen haben könnten. Die Steigerungsraten werden anfangs sehr hoch sein, die letzten Meter sind deutlich schwieriger. Bei der gesamten Wirtschaftsleistung haben wir nach unseren Berechnungen erst Ende 2021 das Niveau vor der Corona-Krise wieder erreicht.

Wird die Wirtschaft noch genau so aussehen wie früher? Oder ist es nicht eine Illusion, dass man trotz der Staatshilfen am Ende genau da weitermachen kann, wo man vor der Krise aufgehört hat?

Kater: In einigen Branchen kann es schon dauerhafte Änderungen geben. Geschäftsreisende werden sich künftig wohl häufiger fragen, ob sie wirklich für jeden Termin nach London oder New York fliegen müssen oder ob sich viel nicht auch in Videokonferenzen erledigen lässt. Demgegenüber kann ich mir vorstellen, dass im Tourismus und bei Kreuzfahrten die ursprüngliche Nachfrage wieder erreicht wird, wenngleich das noch sehr lange dauern wird. Die Industrie wird die Produktionssicherheit höher gewichten und zum Beispiel wieder auf größere Lager bauen. Und die Produktion einiger Branchen, nicht nur in der Pharmabranche, wird aus Asien nach Europa zurückverlegt.

Ist das das Ende der Globalisierung, wie sie bisher stattfand?

Kater: Die Globalisierung erhält einen weiteren Dämpfer. Allerdings verstärkt das Coronavirus hier lediglich bestehende Trends. Es gab ja schon vor Corona Zweifel an der uneingeschränkten globalen Arbeitsteilung insbesondere durch die politischen Differenzen zwischen den USA und China. Durch die Corona-Krise rückt die Welt nochmals ein Stück weiter auseinander.

Sie haben Branchen genannt, die die Krise umkrempelt. Droht nicht auch der Autobranche ein Debakel, die für Deutschland so wichtig ist?

Kater: Die deutsche Industrie wird nach den unmittelbaren Aufholeffekten Schwierigkeiten haben, so viele Autos und Maschinen zu verkaufen, wie zuvor. So werden etwa die durch die Corona-Krise sowie den Ölpreisverfall schwer getroffenen Schwellenländer deutlich weniger einkaufen. In der Autoindustrie kommen die altbekannten Themen der Umstellung auf mehr Nachhaltigkeit noch dazu. Wenn aber eine Industrie den Wandel managen kann, dann die deutsche.

Der Staat versucht mit Milliarden, die Wirtschaft zu stützen, er könnte bei Unternehmen wie der Lufthansa gar selbst einsteigen. Ist das richtig?

Kater: Ja. Die Folgen einer solchen „Naturkatastrophe“ müssen gemildert werden, das ist Gemeinschaftsaufgabe. Genauso muss man jedoch darauf achten, später wieder herauszukommen. Das kann lange dauern, wie man am Beispiel der Beteiligung des deutschen Staates an Banken in der Finanzkrise sieht.

Die Staaten müssen sich für die Hilfen tief verschulden, Italien war bereits vor der Corona-Krise ein Sorgenkind. Droht hier eine zweite Finanzkrise im Nachgang?

Kater: In der Finanzkrise 2008/09 kam in Europa als zweite Welle die Eurokrise hinterher. Ich denke, dass die Staaten nach der Corona-Pandemie keine Eurokrise 2.0 entstehen lassen werden. Ein richtiger Weg wäre ein Wiederaufbaufonds, der die finanziellen Folgen insbesondere für die schwächeren Staaten abfedert. In der Krise grundsätzliche Maßnahmen wie zum Beispiel Eurobonds einzuführen, halte ich für falsch. Wer Geld zusammenwirft, muss auch die Verwendung der Gelder zusammen planen. Zu einer gemeinsamen Renten- oder Arbeitsmarktpolitik sind die EU-Staaten aber nach wie vor nicht bereit.

Könnte die Geldflut der Notenbanken und Staaten eigentlich in einer Inflation münden?

Kater: Ich sehe diese Gefahr nicht, zumindest nicht für die kommenden Jahre. Eine Krise ist ein Inflationsdämpfer. Einige Preise – für Atemmasken oder Saisongemüse – mögen derzeit steigen. Viele andere Preise sinken, zum Beispiel für Benzin oder Pauschalreisen. Nächstes Jahr sind angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung zudem keine großen Lohnsteigerungen zu er- warten, damit fällt der Inflationstreiber Nummer eins weg.

Bis wann könnten denn die hohen Verluste an der Börse wieder aufgeholt sein?

Kater: In acht von zehn Rückgängen der letzten 30 Jahre waren die Verluste nach zwei Jahren wieder aufgeholt. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende und nach der Finanzkrise hat es länger gedauert, nämlich mehr als 5 Jahre. Wir rechnen in der Corona-Krise damit, dass der Erholungszeitraum dazwischen liegt.

Ein bisschen haben sich die Märkte ja bereits erholt …

Kater: Ja, die Hälfte der Verluste seit dem Corona-Crash sind an einigen Börsen bereits wieder wettgemacht. Aber die Entwicklung ist noch nicht am Schlusspunkt. Die Erholung war eine positive Reaktion auf die Auffangnetze der Notenbanken und Regierungen. Feuerwehr und Notarzt sind praktisch vor Ort und alle sind zuversichtlich, dass sie ihr Handwerk verstehen, die Unfallstelle ist aber noch längst nicht aufgeräumt. Die Börsen können dieses Jahr nochmals die Tiefstände testen, wir sind aber zuversichtlich, dass wir am Jahresende über dem jetzigen Stand sein werden.

Einen Fonds-Sparplan kann man also weiterlaufen lassen?

Kater: Auf jeden Fall. Häufig kommt es in Krisen am Markt auch zur Untertreibung. Firmenanteile können dann mehr wert sein, als man dafür bezahlen muss.

Manche Firmen werden aber vielleicht auch verschwinden …

Kater: Daher ist es jetzt besonders wichtig, das Depot ausreichend breit zu streuen. Und es ist auch die Stunde der Fondsmanager, die nun am besten entscheiden können, welche Unternehmen zu den Gewinnern und welche zu den Verlierern der Krise gehören.

Wie erleben Sie selbst die Krise?

Kater: Wir sind ein Team von 20 Analysten. Die meiste Arbeit erledigen wir im Homeoffice und besprechen uns digital. Ich bin derzeit auch im Homeoffice, schaue aber mit dem Fahrrad hin und wieder im Büro vorbei. Vor zwanzig Jahren wären wir noch arbeitsunfähig gewesen. Heute mit den digitalen Kommunikationsmitteln lässt sich die Arbeit erstaunlich gut weiterführen.

Zur Person: Ulrich Kater ist Chefvolkswirt der Deka-Bank, die zur Finanzgruppe der Sparkassen gehört. Er arbeitet in Frankfurt.

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