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Den deutschen Auto-Bossen sitzt die Angst im Nacken

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Kommentar Von Stefan Stahl
04.03.2019

Um den Anschluss an die internationale Konkurrenz nicht zu verlieren, müssen die deutschen Autobauer 2019 kräftig investieren: ein hohes Risiko.

Deutsche Auto-Bosse haben sich zu lange als Chef-Verdränger betätigt. Blech gewordenes Symbol ihrer Wegschau-Mentalität sind Dieselfahrzeuge. Sie sollten das Zaubermittel sein, um die immer strikteren Klimaschutz-, also CO2-Vorgaben aus Brüssel einzuhalten, entpuppten sich aber als gesundheitsschädigende Stickoxid-Dreckschleudern. Letzteres sollte mit geschönten Abgaswerten vertuscht werden, doch der Betrug flog auf und zog Milliardenstrafen nach sich.

So misslang der Plan der Auto-Manager, sich mit dem Diesel Zeit zu erkaufen, um langsam, also evolutionär in die Elektromobilität einzusteigen. Gerade Daimler, Audi und VW wollten ewig nicht zu Revolutionären werden und wie Tesla mit E-Autos radikal nach vorne stürmen, weil die Technik noch Wehwehchen hat. BMW wiederum erweckte mit dem optisch allzu sperrigen Elektroauto i3 den Anschein, ein Revoluzzer zu sein. In Wahrheit ist das Auto nur ein, wenn auch ambitioniertes und mutiges Nischenprodukt. Deutsche Hersteller verfahren also nach der Devise „Gescheit oder gar nicht“.

Autokäufer haben die Qual bei der Wahl

Die E-Nachzügler kommen erst dann mit Fahrzeugen auf den Markt, wenn sie ausgereift sind. Deswegen lassen Elektro-Angebote von Daimler & Co. lange auf sich warten. Kunden, die ein Batterie-Auto kaufen wollen, haben leider nicht die Qual der Wahl, sondern eher die Qual bei der Wahl. Den bezahlbaren, soliden, schnell aufladbaren und für Urlaubsfahrten geeigneten Volks-Elektro-Wagen etwa für eine Familie mit zwei Kindern und Hund suchen viele vergebens.

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Was dagegen existiert und diese Woche den Autosalon in Genf bestimmen wird, sind kühne Ankündigungen unserer Auto-Revolutionäre wider Willen. Denn den Fahrzeug-Bossen sitzt die Angst im Nacken, zu lange auf Diesel-Dinosaurier gesetzt zu haben. Würde ein Manager wie Dieter Zetsche sonst über seinen Noch-Arbeitgeber sagen: „Es ist kein Naturgesetz, dass Daimler ewig besteht.“ Aus dem Satz spricht Verunsicherung, auch darüber, dass deutsche Hersteller von US-Herausforderern wie der Google-Schwester Waymo oder Uber abgehängt werden, wenn es um das autonome Fahren geht.

Die Ingenieurs-Power wird gebündelt

Die Angst muss bei Daimler und BMW derart groß sein, dass sich die Erzrivalen auf dem Hightech-Feld zusammengeschlossen haben. Auch wenn es zwischen den Münchner und Stuttgarter Autobauern schon Kooperationen gab, kommt das einem Tabubruch gleich. Vor allem gestehen die Konzerne endgültig ein, dass ihre Strategie des Verdrängens gescheitert ist. Um den Dagobert Ducks der in die Autowelt drängenden US-IT-Industrie Paroli zu bieten, helfen Allianzen. Daher haben die deutschen Autobauer ihren Struktur-Konservatismus – wenn auch zu spät – überwunden. Dank geballter heimischer Ingenieur-Power können sie den Rückstand vielleicht aufholen und ihre Position retten. Denn wenn ein Riese wie VW ins Rollen kommt, rollt er gewaltig. Und Volkswagen hat sich an die Spitze der hiesigen E-Revolution gestellt.

Dabei gehen die Konzerne ein Risiko ein: Sie investieren zweistellige Milliardenbeträge etwa in die E-Mobilität, ohne zu wissen, ob die Verbraucher solche Autos einmal in großer Menge kaufen oder sich der Revolution so lange verweigern, wie es geht. Schließlich ist die Lade-Infrastruktur noch mangelhaft und die Reichweite der Fahrzeuge wirkt unbefriedigend.

So wird 2019 ein schwieriges Jahr für die Autohersteller. Sie investieren Unsummen in die Revolution, während die Nachfrage nach Autos auf wichtigen Märkten wie China und den USA zurückgeht. Das führt zu einer schlechteren Produktionsauslastung und könnte auf Dauer Arbeitsplätze kosten.

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05.03.2019

Herr Kamm, es wundert mich, dass Sie die Probleme, die die Gewinnung der für den Batteriebau notwendigen Rohstoffe vor allem in Südamerika, so gar nicht wahrnehmen und thematisieren wollen. Umweltschäden größeren Ausmaßes für saubere Luft bei uns? Ja, ist das okay und moralisch wie ökolgisch einwandfrei?

https://www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-der-wahre-preis-der-elektroautos-100.html

Früher konnte man lesen, dass man mit einem E-Auto 100.000 km weit fahren müsse, um den CO2-Rucksack, den es hinsichtlich der Produktion der Batterie aufgeschnallt hätte, abgetragen sei. Offenbar ist man inzwischen zu anderen Erkenntnissen gekommen oder die Fertigung ist umweltfreundlicher geworden. Fakt ist aber nach wie vor das Problem der Reichweite und dass man mit einer Batterie, die Reichweiten ermöglichte, wie sie der durchschnittliche Autofahrer benötigt und wünscht in Rückstand zu herkömmlichen Autos geriete, die sich gar nicht mehr aufholen ließen. Dabei bleibt die Luft vor Ort und in Deutschland und Europa dann weitgehend sauber, ja das stimmt. Aber das kann es ja an sich auch nicht sein, oder?

Wenn das Stromthema keines ist (bis auf den Preis, der dann allgemein für Strom gezahlt werden dürfte, denn die Regierung wird sich ihre Steuereinnahmen - die ja durch den zurückgehenden Mineralölverkauf stark einbrechen dürften - nicht nehmen lassen. Zahlen wir dann für den Haushaltsstrom so viel wie fürs Benzin? ) so ist das erfreulich.

Die Stickoxide können doch durch Adblue neutralisiert werden, dachte ich. Dann muss man das halt machen.

https://www.spektrum.de/news/wie-ist-die-umweltbilanz-von-elektroautos/1514423

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07.03.2019

@ Frau S.
1.
Die Gewinnung von seltenen Erden und problematischen Rohstoffen ist kein spezielles Problem von Windkraft- oder Photovoltaikanlagen oder E-Autos. In nahezu allen elektronischen Geräten und Kraftwerken und Autos sind sie enthalten. Die Folgen des Uranabbaus für die bayerische Stromversorgung werden in unserem Land beispielsweise ausgeblendet.
Ein Ausweg könnte privat sein, weniger solcher Geräte zu kaufen und wegzuschmeißen und staatlich könnten und sollten wir Vorschriften erlassen, dass diese Stoffe nur wiederverwertbar genutzt werden dürfen. Die jetzigen Regierungsparteien trauen sich das allerdings nicht, da sie den Populismus der AFD und eigener Parteimitglieder scheuen. Ich erinnere an den blinden Aufstand gegen das Dosenpfand und die dummen Kampagnen gegen die ökologisch soziale Steuerreform und die europäischen Ökodesignrichtlinien (Verbot der Glühlampe usw.).

2.
Christopher Schrader äußert in seinem Artikel, der allerdings schon aus dem Jahre 2017 stammt und einige veraltete Zahlen enthält, berechtigte Mahnungen: E-Mobilität löst nicht all unsere Klima- und Verkehrsprobleme!
• Wenn weiter tonnenschwere SUV-Autos gekauft werden, bringt E-Mobilität nichts
• Wenn die Batterien mit Ökostrom hergestellt werden, ist die Ökobilanz nicht schlecht
• E-Autos sollte man nicht „volltanken“ sondern nach Angebot von PV-und Windstrom gesteuert nachladen
• E-Autos kommen gut mit einer Reichweite von beispielsweise 250 - 300 km und einer Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h aus
• Die Stromversorgung von E-Autos wird mit dem Ausbau von Photovoltaik und Windkraft immer sauberer

Raimund Kamm

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05.03.2019

@ Frau S.

Nur kurz, da die Fakten aus wissenschaftlichen Studien eindeutig und im Internet gut zu finden sind:

1. E-Autos haben gegenüber Verbrennerautos in der Umweltbilanz große Vorteile. Sehen Sie beispielsweise: 19.12.18 https://www.ffe.de/publikationen/pressemeldungen/856-klimabilanz-von-elektrofahrzeugen-ein-plaedoyer-fuer-mehr-sachlichkeit
2. Führen alle PKW in Deutschland elektrisch, würde der Stromverbrauch um rund ein Fünftel steigen. Mit 10 Quadratmetern PV kann man so viel Strom erzeugen, wie ein E-Auto durchschnittlich verbraucht. Mit einer modernen Windkraftanlage in Bayern kann man rund 4000 E-Autos versorgen.
3. Stickoxide sind ein krankmachendes Gas. Besonders Kleinkinder, Asthmakranke und Stadtbewohner werden hierdurch geschädigt. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/360/dokumente/telegramm_01_2016_stickstoffdioxid.pdf
4. E-Autos kann man klimaneutral bauen und klimaneutral fahren! Tesla setzt angeblich in seiner Batteriefabrik nur Solarenergie ein. Volvo und sogar VW haben angekündigt, in ihren neuen Fabriken für E-Autos nur Strom aus PV, Wind- und Wasserkraft zu verwenden. Dass man als UmweltschützerIn E-Autos nur mit Strom aus PV und Wasserkraft lädt, versteht sich von selbst und ist leicht machbar.

Raimund Kamm

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05.03.2019

Das Leben ist Evolution.
Hier wollen einge Revolution und merken den Unterschied nicht...
Evolution führt zu langfristig tragfähigen Lösungen. Revolution zu..

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05.03.2019

Wer im Jahr 1900 weiter auf die Pferdekutsche gesetzt hat und die Revolution in der Fahrzeugtechnik verkannte, war 15 Jahre später pleite und arbeitslos.
Wer heute verkennt, wie beispielsweise im zweitgrößten Absatzmarkt der deutschen Automobilindustrie die Vorzeichen für den Autoverkehr aussehen, wird in fünf Jahren viel Umsatz verloren haben.
Wer heute verkennt, wie zwar langsam aber immer schneller werdend die Nachfrage sich im deutschen Automobilmarkt ändert, wird auch in Deutschland in fünf Jahren deutliche Umsatzeinbußen haben.

Raimund Kamm

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05.03.2019

Guter Kommentar von Stefan Stahl und Klasse die Anmerkung von BENJAMIN M.!

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05.03.2019

Ich finde den Kommentar nicht besonders beeindruckend. Er ignoriert vollkommen, wie überhaupt alle Befürworter und Förderer des E-Autos, dass dieses gar keine besonders positive Umweltbilanz hat, dass es neue Probleme schafft hinsichtlich alter Akkus, Verbrauch von seltenen Rohstoffen UND (!) des 'Spritverbrauchs', der künftig eben in Form von Strom produziert werden muss. Kann doch noch keiner vorhersagen, wie sich das dann darstellen wird. Im Moment versuchen wir unseren derzeitgen Strombedarf durch regenerative Energien sicher zu stellen. Aber auch noch den von sämtlichen dann elektrischen Fahrzeugen? Von heute auf morgen ist eine Umstellung ohnedies nicht möglich und solange wäre der Diesel ein gutes sparsames und prinzipiell sauberes Produkt - wenn man ihn denn sauber gemacht hätte, statt zu betrügen. Was sich mir nicht erschließt ist, warum man ihn jetzt so mies macht, statt das zu tun, was nötig, ist, dass die Stickstoffoxide eben kein Problem mehr darastellen. Dass die Hersteller alte Fahrzeuge nicht nachträglich umrüsten wollen bedeutet doch nicht automatisch, dass man neue nicht mit Adblue ausrüsten könnte. Der vergleichsweise geringe Kraftstoffverbrauch ist doch nach wie vor ein Argument. 630,5 Milliarden Kilometer legten Pkws im Jahr 2017 in Deutschland zurück. Da kommt durch ein paar Liter eingesparten Sprit ganz schön was zusammen, was zum einen Ressourcen schont und zum anderen eben auch nicht in die Luft gerät. Ich verstehe wirklich nicht, warum man sich ein an sich gutes Produkt so schlecht redet (reden lässt).

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04.03.2019

Die deutsche Wirtschaft wurde gezielt zerstört, wenn jetzt noch den Autos die Luft raus gelassen wird, dann ist die "Made in Germany" und es macht pfffffft.

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05.03.2019

Die "Made in Germany" ist wirklich ein schöner Sprachwitz. Chapeau! Ihre Meinung teile ich aber nicht. Ich denke, der Dieselskandal zeigt vielmehr, was passiert, wenn die Politik versucht, heimische Schlüsselindustrien vor den freien Kräften des Marktes zu schützen, anstatt Regeln für den Markt zu definieren, die für alle gelten. Eine solche Industriepolitik ist innovationsfeindlich, weil sich die Produzenten nicht gegen Konkurrenten auf Augenhöhe durchsetzen müssen, und schadet sowohl den Verbrauchern wie der heimischen Wirtschaft, wie sich jetzt zeigt. Die Probleme der deutschen Autoindustrie sind hausgemacht und durch eine wenig vorausschauende Produktpolitik verursacht; so etwas geht nur, wenn das Management glaubt, sich auf die schützende Hand des Staates verlassen zu können.

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