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Energie

17.05.2017

Der Niedergang der deutschen Solarwirtschaft

Die Herstellung von Solarmodulen in Deutschland rentiert sich kaum mehr. Aber warum nur, wenn der Sektor doch weltweit boomt?
Bild: Sebastian Kahnert, dpa

In den vergangenen Jahren sind immer mehr deutsche Photovoltaik-Hersteller pleitegegangen. Nun hat auch Solarworld Insolvenz angemeldet. Wie kann das sein, wenn gleichzeitig Milliarden Euro in diesen Bereich fließen?

Sie führten die Welt in ein neues Energiezeitalter, doch nun stecken sie in einer tiefen Krise. Es waren deutsche Unternehmen wie Q-Cells oder Centrotherm, die der Sonnenenergie zum globalen Erfolg verhalfen. Viele sind in der Zwischenzeit in eine tiefe Krise geraten oder pleitegegangen. Jetzt traf es den einstigen Branchenprimus Solarworld. Er musste vergangene Woche Insolvenz anmelden. Wie konnte es zu dieser Talfahrt kommen? Vor allem, wenn über die Ökostrom-Umlage auch viel Geld in die Branche fließt?

Noch in den 2000er Jahren lief es für die deutsche Solarindustrie hervorragend. Die rot-grüne Koalition hatte mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, die Vergütung von Solarstrom kräftig angehoben. Photovoltaik war plötzlich ein lukratives und vor allem planbares Geschäft. Die Branche begann rasant zu wachsen. So rasant, dass ausländische Mitbewerber einstiegen – vor allem aus China.

Unternehmen im Reich der Mitte übernahmen deutsche Expertise und bauten selbst riesige Fabriken zur Herstellung von Solarzellen und -modulen. Dank niedrigerer Arbeitslöhne und billigerer Energie produzieren sie günstiger als die deutschen Konkurrenten. Und wenn sie trotzdem ins Straucheln geraten, kommen chinesische Banken mit Krediten zu Hilfe. Bedingungen, mit denen die früheren Marktführer aus Deutschland kaum mehr mithalten können.

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Deutschland hat also mit seiner Förderung dafür gesorgt, dass die Solarwirtschaft global wettbewerbsfähig wurde, doch die heimische Wirtschaft hatte bald nicht mehr viel davon. Unter den 15 größten Solarfirmen befanden sich als einzige deutsche Firmen einer Aufstellung des Handelsblatts aus dem Jahr 2016 zufolge nur noch Solarworld und Q-Cells aus Bitterfeld, das inzwischen aber einem südkoreanischen Unternehmen gehört.

Im Jahr 2012 begann die Bundesregierung zudem, die Förderung der Photovoltaik stärker zu beschneiden. Denn mit dem Boom der Photovoltaik stiegen die Ökostromumlage und damit die Stromkosten. Der Markt brach nach den Kürzungen innerhalb weniger Jahre um rund 80 Prozent ein, sagen Fachleute. Das musste Auswirkungen auf alle beteiligten Firmen haben – vom deutschen Solarzellenhersteller bis zum Handwerksbetrieb. Dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge zählte die Branche in Deutschland im Jahr 2011 noch 110900 Beschäftigte. Danach ging es abwärts. Im Jahr 2013 lag die Beschäftigtenzahl noch bei 56000. Für das Jahr 2015 meldet das Ministerium nur noch 31600 Beschäftigte. Die Krise der deutschen Photovoltaik-Branche mag viele erstaunen, fließt doch noch immer viel Geld in den Markt.

Professor Manuel Frondel von der Ruhr-Universität Bochum hat vor einiger Zeit zusammen mit Kollegen die Kosten der Solarförderung aufsummiert und kam für den Zeitraum von 2000 bis 2012 auf über 107 Milliarden Euro an Zahlungsverpflichtungen der bis dahin installierten Solaranlagen in Deutschland. Den Börsenstrompreis hat der Forscher bereits abgezogen. Dieser ist mit rund zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde heute teilweise sehr niedrig. Für Solarstrom sei dagegen früher eine Vergütung von über 50 Cent garantiert worden – „ein absurd hoher Wert“. Mittlerweile, sagt Frondel, dürfte der Wert der Zahlungsverpflichtungen die 110-Milliarden-Euro-Marke deutlich überschritten haben. „Dies müssen die Stromverbraucher mit ihrer Stromrechnung zahlen“, erklärt er. „Sie zahlen den Betrag noch über 20 Jahre ab, wenn klar ist, dass es Unternehmen wie Solarworld wahrscheinlich längst nicht mehr geben wird – es ist eine traurige Sache.“

Trotzdem herrscht in der Solarbranche auch Zuversicht. „Die Insolvenz von Solarworld ist bitter. Doch das ist nicht das Ende der Solarenergie in Deutschland, die Energiewende geht weiter“, sagt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft. Der Verfall der Preise ärgert die Hersteller, ist aber eine Chance für die Betreiber von Solaranlagen. „Der Betrieb von Solaranlagen ist dadurch so attraktiv wie schon lange nicht mehr. Die Photovoltaik-Nachfrage zieht derzeit spürbar an, im ersten Quartal 2017 um 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr“, berichtet Körnig.

Außerdem sind einige Hersteller in Deutschland verblieben, zum Beispiel Solarwatt in Dresden. Professor Jürgen Werner, Leiter des Stuttgarter Instituts für Photovoltaik, fordert zu ihrem Schutz eine neue Industriepolitik von Berlin. Die Regierung könnte die Einspeisevergütung etwa auf Photovoltaik-Anlagen aus europäischer Produktion beschränken. Deutsche Innovationen sollten zudem über Jahre hinweg geschützt werden. „Bisher wurde das, was deutsche Firmen und Forschungsinstitute mit großzügigen staatlichen Förderungen entwickelten, schnell nach Asien exportiert“, erklärt Werner. „Auch deshalb stehen so viele deutsche Solarunternehmen nun mit dem Rücken zur Wand.“ Auch Werner hat die deutsche Solarbranche nicht aufgegeben. Immerhin wachse der Markt weltweit stark. Die Technik sei im Laufe der Jahre immer günstiger geworden. „Inflationsbereinigt kostete das Photovoltaik-Modul 1976 noch 100 Dollar pro Watt, heute sind es mitunter nur 37 Cent.“ Strom aus Sonnenenergie in Süddeutschland sei inzwischen billiger als der aus Steinkohle.

Was aber unternimmt die Bundesregierung zum Schutz deutscher Hersteller? „Faire Wettbewerbsbedingungen für Hersteller von Solarmodulen sind aus Sicht der Bundesregierung ein zentrales Anliegen“, berichtet das Ministerium auf Anfrage unserer Zeitung. Die EU-Kommission habe erstmals 2013 Anti-Dumping-Maßnahmen gegen chinesische Hersteller von Solarmodulen erlassen. Diese Maßnahmen wurden im Februar 2017 um weitere 18 Monate verlängert.

Die Branche sieht ihre Zukunft aber nicht nur in der Herstellung von Modulen, sondern auch in Lösungen, die es ermöglichen, eine sichere Versorgung mit dem stark schwankenden Solarstrom aufzubauen – zum Beispiel mit Batteriespeichern.

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