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Der Poker um Osram ist eine Mahnung für die ganze Industrie

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Kommentar Von Michael Kerler
02.10.2019

Investoren ringen um den Licht-Spezialisten Osram, die Beschäftigten blicken in eine unsichere Zukunft. Denn eine Management-Strategie stößt an Grenzen.

Was der Münchner Licht-Spezialist Osram derzeit erlebt, ist – für die Verhältnisse der Wirtschaftswelt – mit der Spannung eines Piratenfilms vergleichbar. Interessen wollen den Traditionskonzern übernehmen – nicht jeder ist willkommen. Wie Piraten auf einem Handelsschiff. Um Osram buhlten zuletzt die ehrgeizigen Chefs des österreichischen Sensor-Herstellers AMS und die US-Finanzinvestoren Bain und Advent.

Die rund 24.000 Beschäftigten bei Osram haben in den vergangenen Jahren viel mitmachen müssen. Für sie beginnt eine neue Phase massiver Unsicherheit. Der Fall Osram ist eine Mahnung für die gesamte deutsche Industrie. Denn er zeigt, wie eine seit Jahren moderne Management-Strategie an Grenzen stößt. Nämlich die Idee, nicht zum Kerngeschäft gehörende Geschäftsbereiche abzustoßen, bis angeblich ein schlankes, agiles Unternehmen übrig bleibt.

Drama für Augsburg: Stück für Stück Unternehmensteile abgeschlagen

Ein Blick in die Geschichte zeigt das Osram-Drama: Die Traditionsfirma blickt auf über hundert Jahre Geschichte zurück, in der Region Augsburg gab es große Werke. Kritisch wurde es, als LED-Technik die Glüh- und Energiesparlampen ablöste. Erst trennte sich 2013 die Konzernmutter Siemens von Osram und brachte die Firma an die Börse. Ähnlich ging es der Chipsparte (Infineon), Handys (BenQ) oder der Gesundheitssparte.

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Bei Osram selbst ging der Prozess weiter, Firmenchef Olaf Berlien schlug ganze Unternehmensteile ab. Erst das Geschäft mit Leuchtstoffröhren und Energiesparlampen, das unter dem Namen Ledvance an chinesische Investoren verkauft wurde – samt den Augsburger Standorten, die bald geschlossen wurden. Hunderte Jobs – weg. Zuletzt trennte sich Osram vom Geschäft mit Beleuchtung für Straßen, Tunnels und Fabriken.

Konzentrieren wollte man sich auf Autobeleuchtung und moderne LED-Lösungen. Die verlockende Idee: Spezialisierte Unternehmen sind wendiger als Firmen-Konglomerate. Schnellboote statt Tanker. Zunächst ging die Rechnung auf, die Osram-Aktie legte zu. Doch heute zeigen sich die Risiken.

Wird der Wind rauer, geraten Schnellboote ins Trudeln. Handelskonflikte und sinkende Auto-Verkäufe haben Osram eiskalt erwischt. Mehrere Gewinnwarnungen setzten der Firma zu, der Aktienkurs sank, das Unternehmen ist zur leichten Beute geworden.

Osram: Druck für die Beschäftigten wird steigen

Wer auch immer in dem Pokerspiel um Osram zum Zuge kommt, eines ist klar: Für die Beschäftigten wird es ernst, der Druck wird steigen. Denn eine Übernahme kostet Geld. Immer mehr boten die Investoren für die Aktien. Diese Kosten müsste Osram später verdienen. AMS – deutlich kleiner als Osram – würde sich mit der Übernahme hoch verschulden. Das Unternehmen deutet an, dass es Interesse nur an bestimmten Sparten hat. Das könnte auf eine Zerschlagung hinauslaufen.

Der Fall Osram zeigt, dass es nicht genügt, Firmenbereiche in die Selbstständigkeit zu entlassen. Die Lösung ist nicht einfach. Sicher aber ist, dass die Bereiche keine Zukunft haben, wenn nicht Investitionen in Forschung, kluge Köpfe und Produkte erfolgen. An den Augsburger Standorten hatte Osram dies einst komplett vernachlässigt. Die Folge: Schließungen.

Der Innovationsdruck bei Osram ist heute nochmals höher. Die Firma stellt zum Beispiel auch Teile für Smartphones her. Neue Modelle kommen heute im Jahresrhythmus auf den Markt. Zumindest hier böte ein Kauf durch AMS eine Chance: Der Sensorik-Spezialist ist als Zulieferer für Apple und im Automobil-Sektor auf ähnlichen Gebieten aktiv wie Osram. Beide Firmen könnten sich gut ergänzen – wenn nach dem Übernahmekampf noch Geld für Investitionen da ist.

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Diese Traditions-Firmen in der Region gerieten in Schwierigkeiten
Bild: Ulrich Wagner
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