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Müller Milch

28.01.2020

Der schwäbische Milch-Patriarch: Das ist der Mensch Theo Müller

Theo Müller feiert am Mittwoch seinen 80. Geburtstag.
Bild: Fred Schöllhorn (Archiv)

Plus Theo Müller wird am Mittwoch 80 Jahre alt. Er hat aus Milcherzeugnissen Markenware gemacht und ein Firmen-Imperium geschaffen. Unumstritten ist er nicht.

Wer ist Theo Müller? Wie passt das alles zusammen im Leben eines Mannes, der sich meist vorsätzlich aus der Öffentlichkeit raushält? Aus erbschaftssteuerlichen Erwägungen lebt er in der Schweiz. Vielen gilt der kantige Typ als Phantom, derart unsichtbar wirkt der Unternehmer hierzulande. Was sich verlässlich über den Erschaffer des gleichnamigen Milch-Reichs aus dem schwäbischen Ort Aretsried westlich von Augsburg sagen lässt: Der am Mittwoch seinen 80. Geburtstag feiernde Aufsteiger ist schwer zu fassen, zumal er keinen regelmäßigen Umgang mit Journalisten pflegt.

Theo Müller lebt aus steuerlichen Gründen in der Schweiz

Wer sich dem Molkerei-Unternehmer anzunähern versucht, erkennt hinter all den Nebelschwaden eine Persönlichkeit voller Widersprüche. In einem seiner seltenen Interviews begründet der vom Manager Magazin als Milliardär eingestufte Milch-Baron, warum er in die Schweiz gezogen ist, was den einstigen Bundesfinanzminister Hans Eichel erzürnt hatte. Er warf dem erfolgreichen Unternehmer („Alles Müller, oder was?“) vor, sich „unpatriotisch“ zu verhalten. Wegen Menschen wie ihm müsse der Staat Senioren die Rente kürzen. Eichels SPD-Parteifreund Sigmar Gabriel, der künftig ja in den Deutsche-Bank-Aufsichtsrat einziehen soll, ätzte gar noch als echter Sozialdemokrat, Müllers Verhalten sei „asozial“.

Der Unternehmer probierte es mit Argumenten, um zu begründen, weshalb er in die Schweiz gezogen und wegen der drohenden Erbschaftssteuer aus Deutschland weggegangen sei: „Ich erkannte, dass, wenn ich mein Geld weiter investiere, wesentlich mehr für das Unternehmen und den Staat herausschaut, als wenn ich es über die Erbschaftssteuer abgebe.“ Seine Investitionen hätten dem Staat ein Mehrfaches dessen eingebracht, „was ihm als Erbschaftssteuer von mir zugeflossen wäre“. All das offenbart einen Unternehmer, der, wenn er einmal eine Entscheidung gefällt hat, sei sie auch unpopulär, an ihr stur festhält.

Der schwäbische Milch-Patriarch: Das ist der Mensch Theo Müller

In Anlehnung an einen Film mit Marius Müller-Westernhagen ließe sich sagen: „Theo gegen den Rest der Welt.“ Wobei der Milch-Theo bei aller Härte und Konsequenz im Geschäftsleben durchaus feinsinnig sein kann, ja Bildung durchscheinen lässt. Im Interview mit der Schweizer Handelszeitung zitiert er den griechischen Dichter und Philosophen Xenophanes: „Nicht von Beginn an offenbaren die Götter den Sterblichen alles. Doch im Laufe der Zeit erreichen wir suchend das Bessere.“ Das Zitat brachte Theo Müller in einem durchaus ironischen Kontext an, wendet er sich so doch an die Kritiker in der Debatte um seinen Erbschaftssteuer-Entzug.

Theo Müllers Unternehmensgruppe erwirtschaftet 5,9 Milliarden Euro Umsatz

Dabei kontert der Unternehmer den Vorwurf, sich unpatriotisch zu gebärden, mit dem Bekenntnis, grundsätzlich Deutscher zu sein, denn Geschichte, Kultur und Literatur seines Heimatlandes stünden ihm sehr nahe. Musik auch, ließe sich noch hinzufügen, denn die Kunst schätzt der Schwabe besonders. Dabei beherrscht er selbst am meisten die Fertigkeit, aus kleinen Anfängen Großes zu bauen. Heute arbeiten in der weit über Deutschland hinaus – etwa auch in Großbritannien, Italien oder Polen – tätigen Unternehmensgruppe mit 19 Produktionsstandorten rund 24.000 Frauen und Männer. Sie erwirtschaften einen stattlichen Umsatz von etwa 5,9 Milliarden Euro.

Wie viel am Ende übrig bleibt, ist im verschwiegenen Reich des Theo Müller ein Geheimnis. Es müssen über all die Jahre seit 1971, als er die Familienmolkerei mit vier Mitarbeitern übernahm, erhebliche Gewinne angefallen sein, sonst hätte das Unternehmen nicht derart immense Summen investieren können.

Theo Müller lässt auf der Internetseite auflisten, dass er allein über eine Milliarde Euro seit 1994 in das Werk in Leppersdorf bei Dresden als eine „der modernsten Molkereien in Europa“ investiert habe. Dort sind rund 2500 Beschäftigte tätig, während in Aretsried etwa 1300 auf den Lohnlisten stehen. Theo Müller ist also ein wichtiger Arbeitgeber in Deutschland. In seine bunte Unternehmensgruppe hat er auch die Firma Homann integriert – einen Anbieter, der auf Feinkostsalate, Fischfeinkost, Remouladen, Brotaufstriche, Dressings und Würzsaucen spezialisiert ist. Im Werk des Unternehmens in Dissen am Teutoburger Wald arbeiten rund 3000 Menschen. Die Fabrik liegt zwischen Osnabrück und Bielefeld. Aretsried, Leppersdorf und Dissen: Müller Milch ist in der Provinz der Arbeitsplatzprinz.

Milchbaron Theo Müller: Die Liste der Marken, die zu seiner Gruppe gehören, ist lang

Hinzu kommt die im Jahr 2000 in den Schoß des Unternehmens geratene und über Bayern hinaus beliebte Molkerei Weihenstephan aus dem oberbayerischen Freising. Für den Betrieb mit der bekannten blau eingepackten Butter sind in Freising aber nur etwa 170 Mitarbeiter aktiv.

Die Liste der Marken, die Theo Müller seiner Sammlung hinzugefügt hat, ist lang. Milch, Fisch und Feinkost, so eigenwillig Theo Müller selbst wirkt, so speziell ist das Produktsortiment. Da findet der Joghurt mit der Ecke ebenso Platz wie ein Salat im Schälchen.

Die Werbung macht's. Dafür hat Theo Müller einen siebten Sinn. Unter seiner Regie gelang es früh, aus Milchprodukten gestandene Markenerzeugnisse zu kreieren. Da wird auch mal lustvoll gereimt: „Knusper, Knusper Knäuschen, ein Müsli steckt im Häuschen.“

Theo Müller erschuf aus dem Nichts einen der erfolgreichsten deutschen Markenartikler. Früh setzte er auf die Kraft der Prominenz und engagierte mit Gerd Müller den Bomber der Nation für seine Buttermilch: „Die ist g’sund, macht nicht dick und schmeckt einmalig gut.“ Es sollten viele weitere Marketing-Treffer folgen: kefirmäßig mit sonst härteren Getränken zugewandten Harald Juhnke, sportlich dank Boris Becker im Doppel mit einem Frucht-Molke-Getränk oder cool durch Dieter Bohlens Müller-Partei („Alles wird Becher“).

Laut Manager Magazin ist Theo Müller auf Platz 45 der reichsten Deutschen

Dabei flutschte das Müsli im Berufsleben des Theo Müller nicht immer schwuppdiwupp in den Joghurt rüber: Bisweilen war ein häufigerer Wechsel von Spitzenkräften des Unternehmens zu beobachten, Greenpeace setzte Müller Milch in einem Streit um „Gen-Milch“ heftig zu, was den Patriarch provozierte. Letztlich trennte sich der Konzern auch von dem durch die Restaurants bekannten, auf Fisch spezialisierten Unternehmen Nordsee.

Theo Müller selbst, der nach Berechnungen des Manager Magazins auf Platz 45 der reichsten Deutschen rangiert, scheint nun sein Erbe zu ordnen: Viele waren über den neuesten Fang des Zampanos überrascht, schließlich hat er Ex-Kuka-Chef Till Reuter zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats erkoren. Der Manager machte bisher nicht in milchigen und fischigen Angelegenheiten, sondern als Investmentbanker und späterer „Mister Roboter“ von sich reden. Die interessanteste Personalie sickerte jedoch kurz vor den Geburtstagsfeierlichkeiten durch: Theo Müller, dem nachgesagt wird, nicht loslassen zu können, versucht mit 80 das Gegenteil zu beweisen: Er tritt den Rückzug aus dem Aufsichtsrat an. Das Mandat übernimmt sein ältester Sohn Stefan, 52. Der Senior scheint erleichtert zu sein: „Ich bin froh, dass Stefan wieder da ist.“ Zuletzt war das älteste seiner neun Kinder Geschäftsführer des kleinen Unternehmens Colostrum Biotec aus Königsbrunn bei Augsburg. Stefan Müller leitete zeitweise die Müller-Molkerei im sächsischen Leppersdorf. Das klingt nach einem familiären Happy End.

In Aretsried, das zum Markt Fischach gehört, planen die Honoratioren auf jeden Fall eine Überraschung für ihren Theo Müller. Bürgermeister Peter Ziegelmeier will unserer Redaktion vorab nicht verraten, auf welches Präsent sich der Jubilar freuen darf. Lob gibt es aber mit Sicherheit. Ziegelmeier rühmt schon mal, dass der Markt Fischach heute knapp 5000 Einwohner zähle. während es, als Theo Müller Anfang der 70er-Jahre loszulegen begann, erst rund 3600 gewesen seien. „Heute haben wir 2269 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, mehr als die Hälfte davon stammt von Müller. Das ist der Verdienst von Theo Müller“, sagt der Bürgermeister. Hinzu kämen die Gewerbesteuerzahlungen. Dann unterstütze der Unternehmer auch noch die örtlichen Vereine, insbesondere musikalische, schwärmt Ziegelmeier.

Das alles klingt nach einem Patrioten, einem Lokalpatrioten allzumal und eben nicht nach einem Steuerflüchtling und heimatlosen Gesellen. Theo Müller entzieht sich eben einer einfachen Beurteilung.

Klar ist auf alle Fälle: Patriarchen mögen eigenwillig sein, am Ende kämpfen sie für den Erhalt von Jobs. Das ist für sie Ehrensache.

Lesen Sie dazu auch: Rückblick: Die Skandale des Erfolgsunternehmens Müller Milch

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28.01.2020

Das ist auch Vorbild für Merkel und unserer Regierung !!
Der Kleine soll bis 70 Arbeiten ???

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28.01.2020

(edit/mod)

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28.01.2020

Zwei Anmerkungen zu dieser (fast) kritiklosen Jubelarie:
- kein Wort zum Grundwasserstreit vor ca. 30 Jahren, kein Wort zum temporären Verseuchen der Schmutter - na ja
- der letzte Satz müsste richtigerweise lauten: Patriarchen mögen eigenwillig sein - am Ende kämpfen Sie für ihren Profit und dazu brauchen sie Menschen die die Werte schaffen, also einfach die Arbeit erledigen.

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