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Deutschland leidet unter dem Aufschwung der US-Techkonzerne

Kommentar Von Christian Grimm
02.11.2020

Google, Amazon, Apple und Facebook haben ihre Gewinne in der Zeit der Pandemie massiv gesteigert. Die hiesige Wirtschaft zählt zu den Verlierern dieses Trends.

Das Rezept der Stunde heißt Digitalisierung. Um das Coronavirus einzudämmen, sollen die Menschen Dinge aus der Ferne tun und nicht mehr persönlich hingehen. Zum Beispiel in das Büro, wenn sie mit Computer und Internetverbindung von zu Hause arbeiten können. Oder in eine Universität, wenn sie die Vorlesung aus ihrem WG-Zimmer hören können. Oder in ein Geschäft, wenn sie vom Sofa aus einkaufen können.

Was aus Sicht der Pandemiebekämpfung sinnvoll ist, ist für die deutsche Wirtschaft ein schweres Problem. Denn die Unternehmen hierzulande sind – bis auf wenige Ausnahmen – keine Meister der Digitalisierung. Weder geben sie den Ton an bei der dafür nötigen Technik, noch bei den dafür nötigen elektronischen Marktplätzen oder sozialen Netzwerken. Tonangebend sind die Amerikaner. Vier Beispiele: Der Trend zum Einkauf im Internet sorgte beim Online-Händler Amazon für einen Rekordgewinn im dritten Quartal dieses Jahres. Google profitiert davon, dass mehr Menschen zu Hause sind auf der zum Unternehmen gehörenden Videoplattform Youtube Videos schauen. Facebook scheffelt Geld, weil mehr kleine Firmen im Netz Werbung schalten, um die Verluste im angestammten Geschäft abzufangen. Und Apple verkauft in Zeiten von Homeoffice schlicht mehr Computer.

 

Es gibt kein deutsches Facebook

In Deutschland gibt es keine Hersteller von Computern mehr. Es gibt kein deutsches Facebook mit zehntausenden Mitarbeitern. Die dominierenden Video- und Filmplattformen kommen aus Amerika, genau wie die Online-Händler.

In Deutschland gibt es hingegen die schwer angeschlagenen Kaufhäuser von Kaufhof und Karstadt und kleine Fachhändler, die die nächsten Monate vielleicht nicht überstehen werden. Ihr Überleben war schon vor Corona gefährdet, jetzt droht ihnen der Todesstoß und den Beschäftigten die Arbeitslosigkeit. Die Wertschöpfungskette hierzulande wird kürzer, die Einnahmen des Staates geringer, die Innenstädte öde. Die großen Vier sind Profis im Vermeiden von Steuern. Jeder Bäckermeister in Deutschland zahlt in Relation mehr auf seinen Gewinn als die US-Giganten. Wegfallende Jobs im Einzelhandel werden zwar teilweise ersetzt in der Logistik, aber zu schlechten Bedingungen. Ausgebeutete und gehetzte Paketboten, schlecht bezahlte Mannschaften in den Verteilzentren von Amazon, wo Mitbestimmung über Betriebsräte nicht erwünscht ist.

Dieses neue Prekariat ist eine weitere Schattenseite der Digitalisierung. Während die Kunden durch die Bestellung im Internet Kontakt zu anderen vermeiden, müssen die Ausfahrer die Pakete ganz leibhaftig an die Wohnungstür bringen. Die schlechte Nachricht für die deutsche Wirtschaft ist, dass ein deutscher oder europäischer Konkurrent zu den amerikanischen Riesen wohl nicht herangezüchtet werden kann. Zu groß ist die Marktmacht der Amerikaner, zu gut ihre Produkte.

 

Deutschland und die EU können US-Konzerne einhegen

Denn die Internetwirtschaft neigt zum Monopol, nur eine Handvoll Konkurrenten macht weite Teile des Weltmarktes unter sich aus. Das größte Netzwerk gewinnt. Es wäre dennoch falsch, wie das Kaninchen vor der Schlange zu verharren. Deutschland und die Europäische Union können die US-Konzerne zumindest einhegen. Es muss darum gehen, die Marktmacht zu brechen.

Zum Beispiel dadurch, dass die enormen Provisionen von Apple begrenzt werden, auf Amazon auch Konkurrenten zu gleichen Bedingungen Handel treiben können und das Kartellamt gestärkt wird. Vergangene Woche hat der Bundestag ein Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung erstmals beraten. Es weist in die richtige Richtung.

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02.11.2020

Wie sang Jerry Buttler vor einigen Jahrzehnten: "only the strong survive". Die US-Tech-Konzerne sind einfach in allen Belangen besser.

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02.11.2020

>> In Deutschland gibt es hingegen die schwer angeschlagenen Kaufhäuser von Kaufhof und Karstadt und kleine Fachhändler, die die nächsten Monate vielleicht nicht überstehen werden. Ihr Überleben war schon vor Corona gefährdet, jetzt droht ihnen der Todesstoß und den Beschäftigten die Arbeitslosigkeit. <<

Die müssen halt flexibel sein und können irgendwas mit Klimaschutz oder Migration machen.


>> Denn die Unternehmen hierzulande sind – bis auf wenige Ausnahmen – keine Meister der Digitalisierung. Weder geben sie den Ton an bei der dafür nötigen Technik, noch bei den dafür nötigen elektronischen Marktplätzen oder sozialen Netzwerken. Tonangebend sind die Amerikaner. <<

Dafür haben wir Frau Merkel und die global höchste Steuer- und Sozialabgabenbelastung.

https://www.welt.de/wirtschaft/article207627587/OECD-Bei-Steuern-und-Abgaben-ist-Deutschland-Spitzenreiter.html

>> Laut OECD hat Deutschland bei Steuern und Sozialabgaben unter den Industrieländern sogar Belgien vom Spitzenplatz verdrängt. <<

Jeder hat halt so seinen Spitzenplatz...

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02.11.2020

". . . Meister im Steuerrecht. Niemand hat soviel Literatur dazu wie wir. "

"Sehr häufig finden sich Behauptungen, daß zwischen 60 und 80 % der weltweiten Steuerliteratur auf deutsch erscheinen würde; allerdings fehlt bei derartigen Behauptungen in der Regel jeglicher Quellennachweis. Soweit die Behauptung überprüft wurde, ergaben sich völlig andere Ergebnisse." Also:

Einer oder eine setzt diesen Schwachsinn in die Welt und viele plappern es nach. Quelle:

https://steuermythen.de/mythen/mythos-14/

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02.11.2020

Warum diese Gier nach Beachtung, statt fair unter dem Beitrag von Frau L. zu antworten?

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02.11.2020

@ PETER P.

Ganz einfach: Der Wahrheit zu liebe . . .

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02.11.2020

"keine Meister der Digitalisierung" aber dafür sind wir Meister im Steuerrecht. Niemand hat soviel Literatur dazu wie wir. Weltmeister im Datenschutz. Damit kriegen wir jede Internetplattform kaputt. Und Klimaretter Nr.1 mit Stromspitzen die niemand braucht und Strommangel bei Dunkelflaute. Die höchsten Strompreise der Welt! Yes we can, wir schaffen das!

https://www.agrarheute.com/management/finanzen/deutschland-bleibt-weltmeister-strompreisen-573340

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02.11.2020

Datenschutz ist in Deutschland der gleiche wie in Kroatien oder Spanien. Der Unterschied zu den USA ist in erster Linie, dass es hier in der EU ein Grundrecht ist. In den USA Datenschutz eher als Wirtschaftsgut angesehen wird und nicht einheitlich geregelt ist. Sondern komplett zersplittert ist.
Wieso soll eine Internetplattform mehr wissen dürfen wie jede staatliche Behörde? Was geht amazon es an, ob man am 15.04.2009 um 14:36 Uhr in London nach ein paar Gummistiefel gesucht hat?
Es geht beim Datenschutz in erster Linie um Selbstbestimmung. Oder ist eine totale Überwachung der Gleichschaltung aufgrund grenzenlosen Datenzugriffs wie in China lieber?

Ist es in Ihren Augen in Ordnung, dass mit dem Verweis auf die Nationale Sicherheit, jeder einfach so ohne gerichtliche oder parlamentarische Überprüfung durchleuchtet werden kann? Macht braucht Kontrolle. Sonst wird Sie zu mißbraucht.

https://www.datenschutz.org/usa/

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02.11.2020

@Harald
Beim Datenschutz zahlt sich die Deutsche Gründlichkeit nicht wirklich aus. So ernst wie Deutschland das und andere Themen nimmt, verlieren wir leider die Wettbewerbsfähigkeit. Aber Jammern können wir auch wie die Weltmeister. Kein deutsches Amazon, Google, Microsoft, Facebook, Apple. Warum wohl?

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03.11.2020

@Nicola L.
Am Datenschutz liegt es sicher nicht. Abgesehen davon, dass die DSGVO viel jünger als Amazon, Facebook und Co. ist. In anderen europäischen Ländern und Russland war / ist Datenschutz deutlich geringer. Und wieviel entsprechende Firmen kennen Sie? Aber gut wenn man sich auf etwas rausreden kann.
Außerdem ist Datenschutz durchaus auch Wirtschaftsschutz. Wer seine Daten gut schützt, kann nicht so leicht ausspioniert werden. Kann sein KnowHow schützen.
Die Digitalisierung wurde in Deutschland von Politik und vorallem der Wirtschaft schlicht verpennt. Genauso wie der ehemalige "Weltenherrscher" Microsoft das Internet verpennt hat.
Die USA haben Californien als Motor. China hat Huawei und Alibaba. Deutschland .... mir fällt nichts ein.

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