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03.08.2020

Deutschlands größter Hemdenhersteller: Wie Olymp der Krise trotzt

Früher Leistungsschwimmer, heute Mode-Unternehmer: Mark Bezner führt den Hemdenhersteller Olymp, ein Familienunternehmen in der Nähe von Stuttgart. „Wir werden das Thema durchstehen“, sagt er zu den Folgen der Corona-Krise.
Bild: Marijan Murat, dpa

Plus Der Einbruch im Handel hat den Hemdenhersteller Olymp getroffen, die Lager sind randvoll. Trotzdem sieht sich Chef Mark Bezner für die Zukunft gut gerüstet.

Jeden Morgen steigt Mark Bezner in den Swimmingpool und zieht seine Bahnen. 1,5 Kilometer. Für die Gesundheit. „Und um mich gedanklich zu ordnen“, sagt der 57-Jährige, eine gute Vorbereitung für einen strammen Arbeitstag. 15 Jahre lang war Bezner im Hochleistungssport aktiv und schwamm für die deutsche Jugend-Nationalmannschaft. Heute führt er den nach eigenen Angaben größten deutschen Hemdenhersteller Olymp. Kondition und Kraft hat er nötiger denn je. Denn die Corona-Krise hat die Bekleidungsbranche voll erfasst. Und Bezner setzt alles daran, das Familienunternehmen gut durch diese Krise zu steuern. Leicht ist dies nicht. Im Lager gebe es „einen wahnsinnigen Warenstau“, sagte er jüngst.

Hemdenhersteller Olymp: Bisher gingen die Zahlen Jahr für Jahr nach oben

Jahrelang ging es für den Hemdenhersteller Olymp nur nach oben. Mitte der 90er Jahre lag der Umsatz bei umgerechnet rund 22 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2019 war es über zehnmal so viel – 268 Millionen Euro. Über 900 Mitarbeiter beschäftigt Olymp heute. „Seit geraumer Zeit haben wir nie ein Jahr erlebt, in dem wir stagniert sind oder rückläufig waren“, erklärt Bezner. In der europäischen Bekleidungsindustrie ist dies eine außergewöhnliche Entwicklung.

Denn bereits vor der Corona-Krise hatte sich die Branche massiv gewandelt. „Es gibt seit Jahren gravierende Marktveränderungen und einen Strukturwandel“, sagt Bezner. Es genügt, sich dafür den Handel anzusehen: In den vergangenen Jahren haben renommierte Händler wie Wöhrl oder Sinn Leffers eine Insolvenz durchlitten. Das Versandunternehmen Quelle oder Ketten wie Hertie und Horten waren bereits davor verschwunden. „Der Bekleidungsmarkt ist stark unter Preisdruck geraten“, sagt Bezner. In die Innenstädte zogen preisaggressive Akteure wie H&M, Zara und Primark ein, dazu warfen Textildiscounter wie Kik und Takko Kleidung zu sehr günstigen Preisen auf den Markt. Seit einigen Jahren, sagt Bezner, kommt der Online-Handel als massive Konkurrenz hinzu.

In diesem Umfeld ist Bezner mit Olymp der Aufstieg gelungen: Das Unternehmen hatte noch sein Großvater Eugen Bezner gegründet. Der Kriegsheimkehrer soll in der Waschküche des Wohnhauses im Jahr 1951 mit der Produktion von Hemden begonnen haben. Das Geschäft lief gut, das Unternehmen expandierte und machte sich mit bügelfreien Hemden einen Ruf. Die Familie modernisierte in den vergangenen Jahren die Marke, auch das Markenzeichen, der griechische Buchstabe Omega, bekam ein neues modernes Aussehen. Seit 2001 sitzt Olymp am neuen Standort am Ortsrand von Bietigheim-Bissingen, siebenmal ist seit dem Umzug erweitert oder ausgebaut worden. Im neuen automatischen Warenlager könnten Mitarbeiter in einer Stunde rund 10.000 Teile versandfertig machen. Im Lager ist Platz für vier Millionen Bekleidungsstücke.

Corona-Krise durchkreuzt die Pläne des Hemdenherstellers für das Jahr 2020

Doch die Corona-Krise durchkreuzt die Pläne für dieses Jahr gründlich. Erst hatten Bekleidungsgeschäfte geschlossen, dann zögerten viele Kunden, mit Maske einkaufen zu gehen. Der Online-Handel konnte diese Verluste nicht ausgleichen. Das Problem bei Olymp: „Wir haben seit Jahren feste Partner, die unsere Hemden fertigen, die lassen wir nicht auf der Ware sitzen“, berichtete Bezner kürzlich. Sechs Partnerbetriebe liegen davon in Asien, zwei in Europa. Teilweise bestehen die Geschäftsbeziehungen seit Jahrzehnten. Alles, was bei den Partnern bestellt wurde, habe Olymp auch in der Corona-Krise abgenommen. Die Ware rollte an das Lager, Container für Container. Doch Auslieferungen gab es zu wenige. Jetzt hat Olymp sogar weitere Lager angemietet, um Waren unterzubringen.

Trotzdem ist Mark Bezner sicher, die Krise überstehen zu können. In normalen Zeiten führt Bezner – Dreitagebart, klug blitzende Augen – voll Stolz durch das Haus. In der Designabteilung arbeiten rund 15 Mitarbeiter an der Kollektion für das kommende Jahr. Sie bewerten die modischen Trends und ob oder wie sich diese für die Olymp-Kundschaft umsetzen lassen. Muster auf Papier lassen erahnen, was nächstes Jahr in den Geschäften zu sehen sein kann. Vier Kollektionen entstehen pro Jahr. Längst gibt es Herrenhemden nicht nur in klassischem Weiß oder Hellblau, manche Stoffe tragen zur neuen Saison auch Blumenmuster, psychedelische Kreise wie in den 70er Jahren oder Afrika-Motive mit kleinen Elefanten und Giraffen. In einer Näherei können ebenfalls rund 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Prototypen oder Hemden in Kleinserie nähen. Dann hört man dort das Sirren und Klicken der Nähmaschinen. Derzeit ist alles etwas anders: Durch die Corona-Krise arbeiten auch zahlreiche Olymp-Mitarbeiter im Homeoffice, für einen Teil der Belegschaft hat Bezner Kurzarbeit beantragt.

Das Hemd steht bei Olymp im Fokus. „Wir sind ein Hemdenspezialist, ergänzt um Strick- und Wirkartikel, Krawatten und spezielle andere Produkte wie Schleifen oder Hosenträger“, beschreibt Bezner die Strategie. „Ich trage selbst Krawatten, allerdings immer seltener“, gibt er zu. „Das Business-Outfit ist einfach legerer geworden, die Männer tragen auch Sneaker zum Anzug.“ Wie sich die Homeoffice-Welle im Zuge der Corona-Epidemie auf das Einkaufsverhalten der männlichen Kundschaft auswirkt, ist noch gar nicht absehbar. Und trotzdem ist man sich bei Olymp sicher, passende Antworten zu haben, sollte der Kleidungsstil noch weiter an Förmlichkeit verlieren.

Mark Bezner im Lager neben Kartons. Er wollte seine Zulieferer nicht hängen lassen und nahm alles ab, was bestellt war. 
Bild: Tom Weller, dpa

Olymp-Chef Mark Bezner: „Die Leute müssen in der Stimmung sein, sich neu einzukleiden“

Längst setzt Olymp nicht mehr allein auf Hemden für die Bank oder das Büro. „Wir haben unseren Bereich für Freizeithemden gestärkt“, sagt Bezner. Und mit dem Münchner Pulloverhersteller Maerz hat sich Bezner vor einigen Jahren eine Marke für Strickwaren an Bord geholt – bekannt vor allem durch die gelben Pullover des früheren FDP-Außenministers Hans-Dietrich Genscher. „Olymp gibt es heute mit einem Feuerwerk an ergänzenden Produkten: Westen, Poloshirts, Strickkollektionen“, sagt Bezner. Überzeugen will er mit einem guten „Preis-Leistungs-Verhältnis“. Das sei die DNA des schwäbischen Unternehmens. Ein Olymp-Hemd gibt es für 59 bis 69 Euro, die Premium-Linie „Signature“ kostet bis zu 129 Euro. Durch die Fortentwicklung der Marke sei es gelungen, auch immer mehr junge Kunden anzusprechen, die bereits mit Olymp-Hemden ins Berufsleben starten, sagt der Firmenchef. Den Trend zur lockeren Mode – die „Casualisierung“, wie er sagt – wird Olymp also in Zukunft eher verstärken.

Nur ein Problem gibt es hier derzeit: „Die Leute müssen in der Stimmung sein, zu konsumieren und sich zum Saisonbeginn neu einzukleiden.“ Die Corona-Krise hatte den meisten in diesem Frühjahr und Sommer die Laune auf einen Stadtbummel verdorben. Zeitweise waren die Geschäfte ganz zu. Fatal für Olymp – denn das Unternehmen liefert stark an klassische Einzelhändler wie Peek & Cloppenburg oder Rübsamen und Jung in Augsburg. Dazu kommen rund 60 eigene Olymp-Geschäfte und eine starke Expansion ins Ausland.

Olymp-Geschäft in Augsburg.
Bild: Olymp

Olymp setzt auf hohe Eigenkapitalbasis und stabil aufgestellte Unternehmensführung: „Wir werden das durchstehen“  

Jetzt hofft man bei Olymp, dass das Geschäft im Herbst wieder anzieht. Überzeugen kann das Unternehmen dabei auch mit einer fairen Produktion, ist sich Bezner sicher. „Wir setzen Verantwortung voraus und können das auch dokumentieren“, sagt er. Das Unternehmen legt seine Klimabilanz offen. „Und aufgrund der langjährigen Lieferbeziehungen wissen wir auch, wie und unter welchen Bedingungen ein Hemd gefertigt worden ist.“ Kriterien wie diese werden in der Bekleidungsindustrie immer wichtiger.

Bezner ist sich sicher, mit seiner Strategie auch die Corona-Krise überstehen zu können: „Wir werden das Thema durchstehen, was allerdings nicht repräsentativ für den Modemarkt ist“, sagte er kürzlich. Ihm helfe eine hohe Eigenkapitalbasis und eine Unternehmensführung auf solider Basis.

Behält er recht, wäre die Corona-Krise nur eine Delle im Wachstumskurs von Olymp. (mit dpa)

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