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Landwirtschaft

02.06.2016

Die Idylle trügt

Hilfe von der Politik erhoffen sich die Landwirte Christian Neth (rechts) und Stefanie Fäustle (Zweite von links), damit ihr Milchviehbetrieb eine Zukunft hat. Von ihren Problemen berichteten sie gestern Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (links) und Angelika Schorer (Zweite von rechts), Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Landtag.
Bild: Mathias Wild

Von 25 Cent pro Liter Milch können die Bauern nicht leben. Sie hoffen auf einen raschen Ausweg aus der Krise, um ein langes Leiden zu verhindern.

Voller Zuversicht bauten Stefanie Fäustle, 27, und ihr Lebensgefährte Christian Neth, 36, im Jahr 2013 einen neuen Milchstall. Prächtig steht er heute da und bietet 100 Milchkühen Platz. Auch das private Glück ließ nicht lange auf sich warten: Vor fünf Monaten kam Sohn Matthias auf die Welt. Doch die scheinbare Idylle trügt: Mit voller Härte traf die Milchkrise die jungen Landwirte. „Wir leben derzeit von der Bank und mussten zwischenfinanzieren. Uns fehlen im Monat 12 000 Euro“, sagt die Bäuerin. Für eine Aushilfe, die sie eigentlich anstellen wollten, damit sich die Mutter um ihr Kind kümmern kann, reicht das Geld nicht mehr. Ihre ausweglose Situation schilderte Fäustle gestern als Gastgeberin des 1. Allgäu-Schwäbischen Milchbauerntags eindringlich Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner. Auf Einladung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist der Politiker einen Tag vor dem Milchgipfel in Berlin nach Irsee im Ostallgäu gekommen.

Die Stimmung unter den etwa 800 Besuchern aus der Landwirtschaft ist schlecht. Sie alle leiden unter dem Verfall des Milchpreises. Um die 25 Cent pro Liter bekommen sie im Moment lediglich von ihren Abnehmern. Das reiche gerade, um die Tiere mit Futter zu versorgen, sagt Peter Ried aus Unterthingau (Kreis Ostallgäu). „Das ist eine Tierhaltung wie im Zoo.“ Kein Cent bleibe für Strom, Gebäude, Sozialversicherungen, Altersvorsorge und schon gar nicht für die eigene Arbeitsleistung. „Das geht an die Substanz“, sagt Ried.

Um den Preisverfall aufzuhalten, scheint es nur eine Lösung zu geben: die europaweite Deckelung der Produktion. Das ist an diesem Tag immer wieder zu hören. Von günstigen Darlehen und einmaligen Zahlungen halten viele Bauern nichts: „Das bedeutet ein Sterben auf Raten“, sagt Bettina Foldenauer aus Irsee. 2013 hat ihr Betrieb mit 95 Milchkühen noch 40 Cent pro Liter Milch eingenommen, jetzt sind es 28. Das ergebe einen Einbruch von Januar 2014 bis jetzt von 225 000 Euro, hat sie ausgerechnet. „Momentan hält uns unsere Biogasanlage über Wasser. Aber da lassen uns die Politiker ja auch gerade im Regen stehen“, schimpft sie. Vom Milchgipfel am heutigen Montag erwartet sich die junge Bäuerin „gar nichts“.

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Und da ist sie nicht die Einzige: „Von Christian Schmidt fühle ich mich in keinster Weise vertreten“, sagt Peter Ried über den deutschen Landwirtschaftsminister. Die bayerischen Interessen sieht er derzeit am besten bei den Länderministern der Grünen aufgehoben, bei Brunner immerhin noch „mit einem Fuß“. Dennoch schenken dem Minister in der voll besetzten Maschinenhalle nun an die 600 Zuhörer Aufmerksamkeit. Sie applaudieren, wenn er fordert, die Milchmenge europaweit zu reduzieren. Trotzdem bleiben manche skeptisch: „Ich glaub dem auch nichts mehr“, sagt eine Landwirtin. Sie wünscht sich eine bessere Aufklärung der Verbraucher. „Die sehen nur unsere Maschinen und Häuser und meinen, es geht uns viel besser als ihnen selbst.“

Am Ende tritt BDM-Chef Romuald Schaber ans Mikrofon. Er spricht seinen Zuhörern aus der Seele, wenn er fordert, sich die Molkereien zur Brust zu nehmen. Denn: „Die Deppen im Spiel sind wir Bauern, nicht die Molkereien.“ Auch sie hätten die Landwirte zur Ausweitung der Produktion ermutigt. Nun müsse diese mit Verstand angepasst werden. „Wenn wir warten, bis das von selber geschieht, dann gnade uns Gott.“ Die Folge sei ein „langes Leiden und Sterben der Bauern.“ Und genau das möchten heute in Irsee alle verhindern.

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