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Interview mit Energie-Forscher

26.03.2012

"Die Preise werden steigen"

Jeder Tropfen ist wertvoll. Der Benzinpreis näherte sich letzte Woche der Marke von 1,70 Euro.
Bild: dpa

Die Preise an den Tankstellen erreichen Höchststände. Der Energie-Forscher Steffen Bukold sieht langfristig keine Entspannung an der Zapfsäule und erklärt warum.

Die Preise an den Tankstellen erreichen Höchststände. Ein Liter Super E5 kostete in Deutschland letzte Woche im Schnitt 1,69 Euro und ein Liter E10 1,66 Euro, berichtete der ADAC. Wie geht diese Entwicklung weiter? Darüber haben wir mit dem Energiemarktforscher und Politikberater Steffen Bukold aus Hamburg gesprochen, Leiter des Forschungs- und Beratungsbüros Energy Comment.

Wie lässt sich der derzeit hohe Preis an den Tankstellen erklären?

Bukold: Die wichtigsten Ursachen sind die gestiegenen Rohölpreise und der im Vergleich zum Vorjahr schwächere Euro. Hinzu kommt eine Ausweitung der Margen im Downstream-Bereich, das heißt, auch die Raffinerien verdienen zurzeit besser als im letzten Jahr.

"Die Preise werden steigen"

Denken Sie, dass sich die Situation demnächst wieder entspannt?

Bukold: Eher nicht. Die Rohölpreise werden auch weiterhin langfristig steigen. Die globale Rohölnachfrage steigt ungebrochen, während das Ölangebot nur noch mit Mühe Schritt halten kann. Schon in wenigen Jahren könnte es zu einer relativen Verknappung kommen, die einen Preisschub auslöst.

Könnten einige Länder nicht die Ölförderung hochfahren?

Bukold: Kurzfristig könnte nur Saudi-Arabien die Förderung in nennenswertem Umfang ausweiten. Wenn ein großer Produzent wie der Iran ausfallen sollte, würde aber auch das nicht ausreichen. Dann müssten die staatlichen Notreserven genutzt werden, die aber nur in den Industrieländern und in China zur Verfügung stehen.

Das klingt danach, als würde die weltweite Ölversorgung immer anfälliger für Störungen und Öl damit sehr schnell sehr teuer?

Bukold: Das ist in der Tat ein Problem. Schon kleinere Störungen von ein bis zwei Prozent der globalen Förderung lösen einen steilen Preisanstieg aus. Und Störungen sind zum Normalfall geworden, wie jetzt zum Beispiel im Iran, Jemen und Südsudan.

Es werden aber doch noch immer neue Fördergebiete erschlossen: Brasilien bohrt vor seiner Küste nach Öl, Kanada beutet seine Ölsandvorkommen aus.

Bukold: Tatsächlich steigt das globale Ölangebot noch immer leicht an. Aber die Liste neuer Anbieter ist sehr überschaubar geworden, während die Zahl der Länder, die ihren Förderhöhepunkt überschritten haben, ständig steigt.

Wird dieser sogenannte „Peak“ – die Spitze – nicht seit Jahren beschworen und ist bisher noch nicht eingetreten?

Bukold: Einige Prognosen waren in der Tat zu pessimistisch. Dennoch ist der „Peak Oil“ bereits in Sicht, voraussichtlich zwischen 2017 und 2027. Das drängendere Problem ist deshalb die Verknappung, das heißt, eine steil steigende Nachfrage kann von einem nahezu stagnierenden Angebot nicht mehr gedeckt werden. Dieses Problem könnte sich schon 2014 stellen – und wenn sich die Iran-Krise zuspitzt, schon in diesem Jahr.

Spekulation spielt in Ihrem Modell keine Rolle?

Bukold: Doch. Inzwischen ist es aber so, dass Spekulanten eine Art „Dauergast“ im Ölmarkt geworden sind. Derzeit wird an den Ölbörsen in London und New York mit netto etwa 350 Millionen Fass auf steigende Preise gewettet. Das entspricht dem deutschen Ölverbrauch für rund 130 Tage. Auch das trägt zu höheren und stark schwankenden Preisen bei.

Wird es dann nicht Zeit, sich um Alternativen für das Erdöl Gedanken zu machen?

Bukold: Es wird höchste Zeit. Das Problem ist, dass Öl kurzfristig nicht ersetzt werden kann. Die Politik braucht also einen langen Atem. Der gesamte Verkehr, Millionen von Ölheizungen und die Petrochemie sind noch davon abhängig. Zwar sprechen wir derzeit von der „Energiewende“, aber was tatsächlich stattfindet, ist nur eine „Stromwende“. Strom macht aber nur 20 Prozent unseres Energiebedarfs aus.

Was schlagen Sie vor, um das Problem der Ölknappheit zu lösen?

Bukold: Die Einzellösungen sind bekannt, es fehlt aber am Gesamtkonzept und an der Umsetzung. Wir brauchen regionale, nationale und vor allem internationale Initiativen, denn Deutschland verbraucht selbst nur drei Prozent des Weltöls, ist aber von der Stabilität anderer Länder abhängig. Es gibt zahllose Möglichkeiten, den Ölbedarf zu verringern. Sie reichen von der Förderung von Fahrrad, Bus und Schiene über stärker regional orientierte Wirtschaftskreisläufe und effizientere Pkw bis zu alternativen Antriebsformen wie Erdgas oder Strom für den Straßenverkehr und Flüssiggas für Schiffe.

Am Umstieg führt kein Weg vorbei?

Bukold: Eine rasche Abfolge von Ölpreiskrisen ist aus heutiger Sicht wahrscheinlicher als eine störungsfreie Versorgung. Je früher wir uns darauf einrichten, desto besser – nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für die Wirtschaft. Beide haben dann die Chance, sich frühzeitig auf stark veränderte Rahmenbedingungen einzustellen.

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