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09.12.2018

Die Saubermacher aus Schwaben: Wie Witty mit Seife groß wurde

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Hubert Witty führt die gleichnamige Chemie-Firma aus Dinkelscherben. Er setzt sich für unseren Fotografen an das Steuer des VW-Busses, mit dem das Unternehmen potenzielle Mitarbeiter auf sich aufmerksam machen will.
Bild: Marcus Merk

Plus Der Aufstieg von Witty begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute arbeiten über 300 Menschen für die Firma, die nicht nur im Schwimmbad für Hygiene sorgt.

Juristen können nach ihrem Selbstverständnis bekanntlich fast alles. Doch sind sie auch gute Seifenköche? Der Rechtsreferendar Siegfried Witty traute sich das nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Noch ehe der Mann das zweite juristische Staatsexamen abgelegt hatte, ging er in die völlig entgegengesetzte Richtung. Der Augsburger beschloss, Unternehmer zu werden. Er war in den Besitz eines Fasses Fettsäure gelangt und hatte ein Semester Chemie studiert. Der Tüftler wusste, dass sich so mit Natronlauge Seife machen lässt. In Kochkesseln des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes begann Witty dann Schmierseife für Arztpraxen zu produzieren – ein in Zeiten des Mangels begehrtes Produkt.

Das Geschäft lief vielversprechend an, sodass der Aufsteiger die Produktion in einer vom Wasserwirtschaftsamt angemieteten Baracke aufnahm. Wittys Vater Xaver, der im Krieg Zigarren verkauft hatte, übernahm den Vertrieb der Produkte. Dabei ist es letztlich einer Fehleinschätzung des Firmengründers zu verdanken, dass aus den seifigen Anfängen heute ein Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern entstanden ist. Denn Siegfried Witty machte zwar sein Jurastudium fertig, dachte sich aber: „In Augsburg gibt es schon drei Rechtsanwälte, da ist kein Platz für einen vierten.“

Die Wirtschaftswunderjahre bescherten stürmisches Wachstum

Zum Staat wollte der auf seine Unabhängigkeit bedachte Mann auch nicht gehen. Er zog die Selbstständigkeit vor und verkaufte etwa seine Handwaschpaste Witty Manulin immer besser. Die Wirtschaftswunderjahre bescherten auch dem Augsburger Unternehmen stürmisches Wachstum. Neue Produkte zur Bodenpflege gesellten sich hinzu. Dabei setzten die Unternehmer auf den Direktverkauf und führten die Produkte bei den Kunden vor – ein Erfolgsrezept, dem die Firma bis heute treu geblieben ist. Etwa die Hälfte der gut 300 Mitarbeiter arbeitet im Außendienst als Servicetechniker, Fachberater oder Fahrer – und das verteilt über Deutschland, Österreich und die Schweiz.

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Ein weiteres Prinzip der Anfangsjahre hat Hubert Witty, der heute mit Thilo Schindler die Geschäfte führt, ebenfalls beibehalten: Das Unternehmen versteht etwas von pfiffiger Werbung. Der Firmengründer kaufte in den frühen Jahren einen Käfer und einen VW-Bus. Er ließ die Fahrzeuge gelb-rot lackieren. Seine Frau, eine gelernte Schneiderin, entwarf Werbeaufschriften für die rollenden Marketing-Maßnahmen. Später, in den wilden 60er Jahren, kam noch der einprägsame und zungenbrecherische Werbespruch „Wer Witty tippt, tippt tipptopp“ hinzu.

Der gelbe Waschbär als Maskottchen

Die Geschäfte liefen dermaßen gut, dass die Firma dringend mehr Platz benötigte und sich in Dinkelscherben westlich von Augsburg ansiedelte. Dort sitzt das Unternehmen bis heute und hat an einem VW-Bus als Werbeträger festgehalten. Unter Hubert Witty, der 1984 in das Unternehmen eingestiegen ist und es seit 1999 als Geschäftsführer leitet, hat das Autokonzept eine kreative Erweiterung erfahren. Denn oben auf dem VW-Bus sitzt die Figur eines großen gelben Waschbärs. Das knallig-tierische Gefährt dient heute vor allem als Anlockmittel für dringend benötigte Fachkräfte. Der auffällige Bus fährt auch zum Computerwerk des japanischen Herstellers Fujitsu nach Augsburg, um vielleicht einen IT-Spezialisten des vor dem Aus stehenden Betriebs nach Dinkelscherben zu lotsen. Auf dem gelben VW-Fahrzeug steht: „Werde Teil unseres Teams.“

Das ist ein besonderes Team, was schon bei den kommunikativen Chefs anfängt. Witty, 63, und sein Geschäftsführungskollege Thilo Schindler, 47, sitzen sich in einem riesigen Großraumbüro gegenüber. Die Mitarbeiter haben so kurze Wege zu ihnen und müssen nicht an Türen anklopfen. „Bei uns genießen die Beschäftigten schon vom Auszubildenden an viele Freiheiten“, sagt Witty und fügt aber hinzu: „Wir erwarten, dass sie Probleme selbst lösen.“ Auf den Tischen aller Beschäftigten steht am Nikolaustag ein Weckglas mit Kerze und Süßigkeiten. Auch so bedankt sich der Chef bei seinen Mitarbeitern. Wenn ein dicker Auftrag hereinschneit – und das muss angesichts des regen Wachstums öfter passieren –, kommt ein an der Wand hängender asiatischer Gong zum Einsatz. Witty, ein schlanker, sportlicher Mann mit blaugefasster Brille und vollem grauen Haar, lacht: „Da hauen wir dann drauf. Das darf jeder.“

Die Firma Witty sitzt in Dinkelscherben und ist ein Chemie-Unternehmen.
Bild: Marcus Merk

Hygiene auch in Großküchen und Altersheimen

Dabei sind die schwäbischen Hygiene-Spezialisten keine Haudraufs. Sie gehen in ihren Geschäften sehr überlegt vor und legen – wie Witty immer wieder sagt – auf ihre Unabhängigkeit als Familienunternehmer großen Wert: „Manchmal treffen wir Entscheidungen auch, wenn sie teuer sind, um unsere Unabhängigkeit zu schützen.“ Zwei der goldenen Witty-Regeln lauten: „Das machen wir selbst.“ Und: „Das muss zu uns passen.“ Die eigene, sture Unternehmens-Philosophie zeigt sich in der Beschränkung auf das Wesentliche. Statt auch durch Übernahmen immer neue Geschäftsgebiete zu erobern, wie es Konzerne machen, konzentriert sich der gut verdienende Mittelständler auf drei lukrative Geschäftsfelder: Seit den 60er Jahren stellt die Firma Produkte für die Schwimmbadreinigung und die Wasseraufbereitung her – ein krisensicheres Geschäft, in dem der Anbieter sich deutschlandweit als Marktführer sieht.

In den 90er Jahren kamen Reinigungssysteme für Großküchen von Kliniken und Altenheimen hinzu. Zuletzt hat Witty auch unter Trinkwasserversorgern Kunden gefunden. Ihnen werden Chemie, Technik, Service und Wasseranalysen angeboten. Die Strategie funktioniert. Die Firma wurde für ihre Servicequalität ausgezeichnet. Die Erlöse steigen stetig an – in diesem Jahr auf etwa 31 Millionen Euro. Der Inhaber hat ausgerechnet: „Wir konnten die Zahl der Arbeitsplätze und den Umsatz in den vergangenen zehn Jahren verdoppeln.“

Um ausreichend Fachkräfte zu finden, belassen es die Schwaben nicht beim gelben VW-Bus. Eltern bekommen etwa einen Zuschuss des Arbeitgebers für die Kinderbetreuung von bis zu 150 Euro im Monat. „Junge Leute, die eine Familie gründen und ein Haus bauen, brauchen jeden Euro“, sagt der mehrfache Vater Witty, der ein bodenständiger Mann ist. Er lebt in Dinkelscherben, fährt oft mit dem Rad ins Büro und bricht am Wochenende schon mal mit Mitarbeitern zu Mountainbike-Touren auf.

Nun zu glauben, bei dem Unternehmen auf dem Land gehe es allzu gemütlich zu, wäre verkehrt. Der Chef macht deutlich: „Bei uns wird kein Bereich quersubventioniert. Jede Sparte muss Geld verdienen.“ Da sei man bei Witty sehr zäh. Letztlich geht es dem Chef darum, „die Arbeitsplätze der Mitarbeiter zu erhalten“. Das treibt ihn an.

Eine gewisse Entspanntheit gehört aber auch zur Witty-Welt. Die Kantine heißt „Gelber Waschbär“. Vor dem Chemiewerk weiden Pferde auf dem Unternehmensgelände. Sie gehören dem ehemaligen Betriebsleiter. „Dafür passt er am Wochenende auf unsere Firma auf“, sagt der promovierte Chemiker Witty lachend. Eben eine klassische Win-win-Situation.

Ja, meint der Chef, er habe in seinem Leben eben viel Glück gehabt. Und er könne es mit Menschen.

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