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Corona-Krise

06.06.2020

Die neue Angst vor der Arbeitslosigkeit: Wie Betroffene damit umgehen

Arbeitslosigkeit war in Deutschland lange kein großes Thema mehr. Der Aufschwung hielt, der Wohlstand wuchs. Doch dann kam Corona.
Bild: Edith Geuppert, dpa (Symbol)

Plus Über Jahre mussten sich die meisten Deutschen keinen Sorge um ihre Stelle machen. Doch dann kam Corona. Die Folgen der Pandemie stellen alte Gewissheiten infrage.

Es war an einem Freitag, dem 13., als sie ein ungutes Gefühl bekamen. Eigentlich hätte es in Kloster Holzen eine Tagung geben sollen. Aber dann, eine Stunde vor Beginn, kam ein Anruf. Die erwarteten Gäste sagten, es tue ihnen leid, aber sie könnten nicht kommen. Ansage vom Chef. Der habe alles abgesagt. Wegen des Virus. Diese Stornierung, sagt Beatrice Matic, „war der Moment, an dem sich die Stimmung bei uns gedreht hat. Da war klar: Es läuft in die falsche Richtung.“

Beatrice Matic arbeitet in dem vormaligen Benediktinerkloster in Allmannshofen an der Rezeption. Sie steht für Tausende, die in der Hotellerie und Gastronomie beschäftigt sind. Beziehungsweise waren. Kaum eine Branche hat unter der Pandemie und dem Lockdown derart gelitten. Tag für Tag, Freitag, der 13. Keine Gäste, kein Umsatz. Und das heißt in der Konsequenz: Kurzarbeit, Kündigungen. Die Arbeitslosigkeit im deutschen Gastgewerbe im April stieg um 208 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Laut Bayerischem Hotel- und Gaststättenverband war das die „höchste Steigerung aller Branchen der deutschen Wirtschaft“. Auch bei der Kurzarbeit sind die Zahlen heftig: Waren im Februar deutschlandweit 173 in Kurzarbeit, wurden im März und April für über eine Million Beschäftigte Kurzarbeit angezeigt. Und das sind nur die Zahlen aus einer Branche. Am Mittwoch hat die Bundesagentur für Arbeit ihre Mai-Statistik veröffentlicht. Völlig untypisch für die Jahreszeit ist die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum April noch einmal um 169.000 Menschen auf 2,813 Millionen gestiegen. Immer mehr Deutsche machen sich folglich Sorgen um die Zukunft ihres Jobs.

 

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Einer alleinerziehenden Köchin bleiben ohne Hilfe nur noch 40 Euro zum Leben

Jedenfalls läuft es am Arbeitsmarkt derzeit in die falsche Richtung. Matic erzählt, dass sie und ihre Kollegen dann, nach der ziemlich plötzlichen Absage, das schon fertig hergerichtete Buffet aufgegessen hätten. In dem schwäbischen Barockbau, wo man auch sehr schön Hochzeit feiern kann, hat es schon ausgelassenere Mahlzeiten gegeben. An dem auf den Freitag folgenden Montag, es war der 16. März, wurde der 53- Jährigen und ihren Kollegen gesagt, dass sie in Kurzarbeit müssten. Auf ihren Chef und ihren Arbeitgeber lässt sie dabei nichts Schlechtes kommen. Was hätte er machen sollen? Shutdown ist Shutdown. Kurzarbeit ist ein Instrument, um Menschen ihre Arbeitsstelle zu erhalten. Nicht, um sie loszuwerden. Diesen Montag geht es im Kloster wieder los. Die Mutter zweier Töchter ist darüber sehr froh, denn: „Dass es so lange dauert, hätte ich nicht gedacht.“

Wer hätte das damals schon? Das Virus ist wie unsichtbares Pech, das alle wirtschaftliche Dynamik verkleistert und zum Stillstand zwingt. Niemand kann was dafür, alle müssen sich dazu irgendwie verhalten. Die neue, deutlich unschönere Arbeitswelt sortiert sich gerade erst. Und sie verlangt vielen sehr vieles ab.

Wie viel, das weiß Verena Arnold. Sie arbeitet bei der Agentur für Arbeit in Ingolstadt. Weil bei ihnen derzeit deutlich mehr los ist als sonst, hilft die Berufsberaterin bei den Kollegen der Corona-Hotline aus. Sie beginnt um 7 Uhr. Ab 8 Uhr sind die Leitungen frei. Feierabend ist derzeit öfter später. Denn wer bei ihr anruft, dem ist es in aller Regel dringend. Arnold bekommt Härtefälle zu sprechen: Da ist zum Beispiel die alleinerziehende Mutter, eine Köchin. Auch sie in Kurzarbeit. Ihr blieben netto 700 Euro für sich und ihr Kind. Nach Abzug der Miete und sonstigen Fixkosten sind es nur noch 40 Euro. Die junge Frau kommt für das sogenannte „Notfall-KiZ“ infrage. Mit dem Sozialschutzpaket hat die Bundesregierung bei den Regelungen für den Kinderzuschlag kurzfristig etwas geändert. Für wen das Verdienst nicht mehr zum Leben reicht, erhält bis zu 185 Euro pro Kind. Das ist natürlich besser als nichts. Aber gut ist es damit auch nicht.

In Deutschland sind so viele Menschen wie noch nie in Kurzarbeit

Das weiß auch Bettina Kohlrausch. Sie ist Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Kurzarbeiterzahlen wie jetzt hat es in der Geschichte der Bundesrepublik nicht gegeben. Anders als in den USA sei die Arbeitslosigkeit in Deutschland anfangs nicht stark angestiegen. „Das Kurzarbeitermodell erfüllt erfolgreich die Funktion, dass die Menschen in Arbeit bleiben und wir ohne einen explosiven Anstieg der Arbeitslosigkeit durch die Krise kommen können“, sagt sie. Direkt zu Beginn der Krise habe sich dementsprechend in Deutschland die Angst vor Arbeitslosigkeit noch in Grenzen gehalten. „Jetzt sind allerdings die Arbeitslosenzahlen angestiegen – und es kann sein, dass sich dies ändert.“

Eine große Rolle habe bereits vor der Krise die Abstiegsangst gespielt, die Befürchtung, den Lebensstandard nicht halten zu können. Das könne durch die Krise verstärkt werden. Denn gerade den Dienstleistungsbereich hat die Krise massiv getroffen. Und dort sind die Löhne sowieso gering. „Wer an der Nordseeküste in einem Gasthaus arbeitet, in einem Kosmetikstudio oder als Friseur, kommt mit 100 Prozent des Lohnes nur schwer über die Runden, mit Kurzarbeitergeld wird die Lage noch prekärer“, sagt die Forscherin. In einer Umfrage des Instituts hätten rund 40 Prozent der Befragten, die keine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes erhielten, angegeben, maximal drei Monate mit dem geringeren Einkommen durchzuhalten.

Kohlrausch übt deshalb auch Kritik am deutschen Kurzarbeitermodell: „Das Kurzarbeitergeld ist für ärmere Haushalte nicht existenzsichernd“, sagt sie. Benachteiligt würden auch Frauen, wenn sie das Ehegattensplitting nutzen. Die Forscherin befürchtet zudem, dass die Corona-Krise Frauen doppelt trifft und sie zu den großen Verlierern zählen könnten. Zum Beispiel profitieren einer Studie ihres Instituts zufolge Frauen seltener von einer Aufstockung des Kurzarbeitergeldes – bei Frauen sind es 28 Prozent, bei Männern aber 36 Prozent. Gleichzeitig sind es die Frauen, die verstärkt auf die Kinder aufpassen, wenn Schulen oder Kindergärten geschlossen haben. „Damit besteht die Gefahr, dass sich bestimmte geschlechtsspezifische Muster wieder verfestigen – vor allem, je länger die Krise dauert“, warnt Kohlrausch. Lösung gebe es dafür vor allem eine: „Alles steht und fällt damit, schnell wieder eine vernünftige Betreuung der Kinder in Schulen und Kindergärten sicherzustellen“, sagt sie. „Hier sind kreative Lösungen wie digitales Homeschooling gefragt. Es muss schnell flexible und unbürokratische Lösungen für die Eltern geben.“

Beatrice Matic entschied sich auch für die Flexibilität und ging aufs Rübenfeld. Beim Biobauern im benachbarten Ehingen, der das Kloster Holzen beliefert, fehlen wegen Corona die Helfer aus Osteuropa. Es gab einen ziemlich verzweifelten Anruf bei ihrem Chef im Hotel. Der kümmerte sich und fragte bei seinen „Freigestellten“ an. Nun arbeiten Matic und ein paar ihrer Kollegen auf dem Hof und stocken ihr Kurzarbeitsgeld auf. Matic hat Fremdenverkehrs- und Hotelmanagement studiert. Jetzt steht sie morgens auf dem Feld und jätet Beikraut. Aber: Ihr gefällt, was sie tut. Klar, es ist ein Knochenjob für elf Euro die Stunde, den sie auch nicht für immer machen möchte. Aber: „Mir macht das großen Spaß. Es ist schön, am Abend seinen Körper zu spüren.“ Auf dem Hof seien alle wie eine große Familie. Nach der Schicht gebe es immer ein schönes gemeinsames Essen. Dann ist vergessen, wie lang so eine Rübenreihe werden kann.

In unserem aktuellen Podcast erzählt ein Augsburger Gastro-Profi, wie es Betrieben und Mitarbeitern mit der Corona-Krise geht. Hier reinhören:

 

Sogar bei Audi schauen sie sorgenvoll in die Zukunft

Das Hotel- und Gastgewerbe ist eine der Branchen, für die es hart auf hart kam und kommt. Denn das Geschäft läuft erst wieder schleppend an. Was den Beschäftigten der Automobilbranche bekannt vorkommt. Wenn auch auf anderem Niveau. Ein Kellner hat noch selten so viel verdient wie ein Mechatroniker. Ein Blick zu Audi nach Ingolstadt zeigt jedenfalls, dass auch in Pandemie-Zeiten Mitarbeiter der Branche gegenüber anderen Wirtschaftszweigen privilegiert sind. Zwar befand sich hier zu Hoch-Krisenzeiten etwa die Hälfte der rund 61.000 inländischen Beschäftigten in Kurzarbeit, nachdem die Produktion runtergefahren worden war. Doch wohl dem, der eine starke Gewerkschaft wie die IG Metall im Rücken hat. Der Arbeitnehmerseite um den Audi-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Peter Mosch gelang es, den finanziellen Besitzstand der Beschäftigten weitgehend zu wahren. So stockt Audi das Kurzarbeitergeld auf 95 Prozent des monatlichen Nettogehalts auf, was selbst für Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie, zu der die Autohersteller gehören, eine komfortable Lösung darstellt. Beschäftigte anderer Branchen, in denen weniger gewerkschaftlich organisiert sind und daher auch die Macht der Arbeitnehmervertretungen entsprechend geringer ausfällt, schneiden schlechter ab.

Dabei geht die Zahl der Kurzarbeiter bei Audi mit dem schrittweisen und schon weit fortgeschrittenen Hochfahren der Produktion immer mehr zurück. Inzwischen hat sich die Zahl der Kurzarbeiter auf knapp 15.000 in etwa halbiert. Am Hauptsitz in Ingolstadt sind noch rund 9200 der insgesamt etwa 44.100 Beschäftigten von den kürzeren Arbeitszeiten betroffen. Dabei sei die Tendenz weiter fallend, sagt Mosch.

Ist die Audi-Welt also in einigen Monaten wieder in Ordnung? Wohl kaum. Der Audi-Betriebsratsvorsitzende meint dazu: „Die Beschäftigten sind zwar zufrieden mit dem, was wir für sie in Corona-Zeiten herausgeholt haben. Sie schauen jedoch sorgenvoll in die Zukunft.“ Der Blick geht dabei auf die weitere konjunkturelle Entwicklung und die Auswirkungen der staatlichen Hilfen. Mosch ist aber zunächst einmal enttäuscht: „Das Konjunkturpaket der Bundesregierung hat im Bereich der Kaufanreize für Fahrzeuge einen entscheidenden Schönheitsfehler: Die einseitige Fokussierung auf E-Fahrzeuge geht an den Kaufoptionen der Kunden vorbei und wird auf dem Markt aktuell keinen kräftigen Nachfrage-Impuls für die heimische Automobil- und Zulieferindustrie setzen können.“ Und der Gewerkschafter warnt: „Wenn der Absatz nicht anspringt, werden auch wir Probleme bekommen.“

Im Spätsommer dürfte es Anhaltspunkte geben, ob die Zahl der durch Beschäftigungsgarantien abgesicherten Arbeitsplätze nach Auslaufen der Kurzarbeit in etwa gehalten werden kann. Denn die Autohersteller, nicht nur Audi, streichen Stellen – unabhängig von der Pandemie. Ob das ausreicht, wenn sich die Folgen der Corona-Krise weit in das nächste Jahr hineinziehen, ist offen. Auf alle Fälle steht für die Beschäftigten finanziell viel auf dem Spiel. Unternehmen und Angestellte, auch aus dem Maschinenbau, bilden ein Wohlstands- und Arbeitsplatzbollwerk gerade in Süddeutschland. Wenn es bröckelt, fällt erfahrungsgemäß der Putz in der Gesamtwirtschaft ab.

Die Corona-Krise trifft alle Branchen

Das Besondere dieser Krise ist, dass sie quer durch die Branchen geht. Sie wirkt in der Breite. Aber auch wenn gerade immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren, erklärt Verena Arnold von der Arbeitsagentur in Ingolstadt, warum ein differenzierter Blick auf den Arbeitsmarkt notwendig bleibt. Denn der Fachkräftemangel bleibe. Und in der Region Ingolstadt gebe es nach wie vor ein Überangebot an Ausbildungsplätzen. Zugleich sorgt sie sich um jene, die in der Probezeit sind oder befristete Verträge haben. Denn für die, die zum ersten Mal bei der Arbeitsagentur anriefen, für die sei das „ganz schlimm“. Der erste mit Scham erfüllte Satz ist oft: „Ich war noch nie arbeitslos.“

 

Mike Gallen ist diese Scham nur zu vertraut. Er ist der Arbeitslosenseelsorger des Bistums München und kennt viele, die diesen Satz schon vor Jahren zum ersten Mal gesagt haben, an denen der Aufschwung des vergangenen Jahrzehnts vorbeigegangen ist. Die Langzeitarbeitslosen, von denen sich mancher morgens noch immer über den Keller aus dem Haus schleicht, um den Fragen und Blicken der Nachbarn auszuweichen. Dabei, betont Gallen, sei gerade in so einer Situation sich zu verschließen der falsche Weg. Er sagt: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ und rät denen, die nun ihren Job verlieren, dringend dazu, sich jemandem zu öffnen, dem sie vertrauen. Und schnell mit den Behördengängen zu beginnen. Zeit ist Geld, das gilt auch für Arbeitslose. Gallen glaubt mit Blick auf das ganze Land: „Deutschland kann die Krise sicher besser stemmen als andere Länder. Das heißt aber noch nicht, dass es hier gut wird.“

Es macht aber Sinn, optimistisch zu bleiben. Beatrice Matic jedenfalls macht das Beste aus ihrer Situation. Dabei hat sie doppelt Pech gehabt. Denn ihr Mann Velko arbeitet ebenfalls im Kloster Holzen. Er ist dort der Bar-Chef und auch in Kurzarbeit. Trotzdem haben die beiden es vergleichsweise noch besser als andere. Ihr Haus ist abbezahlt. „Es ist“, sagt sie, „für eine Weile verkraftbar.“ Und ihr Mann, der vor Jahrzehnten aus Kroatien über Österreich nach Deutschland kam, hat in seiner Heimat schon härtere Zeiten mitgemacht. Dennoch freut auch er sich, wenn es am Montag wieder losgeht. Er hofft auf genügend Gäste, denn er weiß: „Zunächst muss ich was für das Hotel verdienen, dann bleibt auch etwas für mich übrig.“

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