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Homeoffice

11.02.2021

Die stille Revolution: Wie die Krise das Büro zum Auslaufmodell macht

My home is my office – Millionen Menschen in Deutschland arbeiten mittlerweile von zu Hause.
Foto: Sebastian Gollnow, dpa

Plus Lahmes Internet, fehlende Kinderbetreuung und improvisierte Schreibtische bremsen das Homeoffice noch aus. Dennoch wird es bleiben. Wie geht es den Menschen damit?

Es war der 23. März 2020. Gabi Lichtblau kennt heute noch das Datum. Es war ein Montag – und Lichtblaus erster Arbeitstag im Homeoffice. Die 30-Jährige arbeitet in Augsburg bei einem Industriekonzern in der Entwicklung. Der erste Lockdown hat auch ihren Alltag auf den Kopf gestellt. Nachdem im Frühjahr und Sommer die Corona-Fallzahlen nach unten gingen, wechselten sich in ihrer Abteilung feste Teams mit Homeoffice- und Bürowochen ab. Seit dem 26. Oktober sind alle wieder ganz im Homeoffice – Ende offen. Millionen Menschen, nicht nur in Deutschland, arbeiten mittlerweile so. Vor allem in Deutschland aber schien so etwas vor gerade einmal einem Jahr völlig unvorstellbar.

Arbeitsschutzbestimmungen, Arbeitszeiterfassung, Mitbestimmungsrechte – es gibt viele Gründe, warum Revolutionen in der Arbeitswelt hierzulande länger brauchen. Aber nun geht es doch. Seit gut zwei Wochen gilt sogar die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung (Corona-ArbSchV) – die Antwort der Politik auf die immer lauter gestellte Frage, warum die Menschen im privaten Bereich so viele Einschränkungen hinnehmen sollen, aber weiter ins Büro kommen müssen. In der Verordnung steht unter Paragraf 2, Absatz 4: „Der Arbeitgeber hat den Beschäftigten im Fall von Büroarbeit oder vergleichbaren Tätigkeiten anzubieten, diese Tätigkeiten in deren Wohnung auszuführen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen.“

Das Gewerbeaufsichtsamt soll die Homeoffice-Pflicht kontrollieren

Homeoffice-Pflicht wurde das genannt. Doch anders, als es dieses Schlagwort vermuten lässt, kann der Staat damit keinen Arbeitnehmer ins Homeoffice zwingen. Und wie viel Druck so eine Regel auf sture Arbeitgeber ausübt, die trotz hoher Infektionszahlen ihre Mitarbeiter lieber unter enger Aufsicht im Büro sitzen haben, sei dahingestellt. Wer will denn gerichtsfest beurteilen, ob eine Tätigkeit besser vom Büro ausgeübt werden kann oder nicht? Mit Kontrollen einer so schwammigen Vorschrift tun sich die Behörden jedenfalls erwartungsgemäß schwer.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) rief sogar einen eigenen Homeoffice-Gipfel in die Staatskanzlei ein.
Foto: Matthias Balk, dpa

In Bayern sind die Gewerbeaufsichtsämter bei den Bezirksregierungen für den Arbeitsschutz zuständig. Bei der Regierung von Schwaben heißt es auf Anfrage, man kontrolliere Betriebe „gegenwärtig überwiegend anlassbezogen“. Anlass heißt aber nicht zwangsläufig ein möglicher Verstoß gegen die Homeoffice-Regelung. Die würden bei einer Kontrolle aber selbstverständlich mit überprüft. Gibt es denn Beschwerden diesbezüglich? Nur Einzelfälle, heißt es von der Bezirksregierung – denen man aber ebenso selbstverständlich nachgehe. Über Anzahl der Kontrollen oder gar verhängte Strafen werden aber keine gesonderten Statistiken geführt. Mit anderen Worten: Auskunft nicht möglich.

Mit Zwang ist dem Problem wohl ohnehin nicht beizukommen. Viel eher geht es in der aktuellen Lage für alle Beteiligten darum, Zwängen beizukommen. Gabi Lichtblaus Anfänge im Homeoffice decken sich da mit den Erfahrungen vieler: „Ich habe kein drittes Zimmer, also saß ich die Anfangszeit an meinem Esstisch im Wohnzimmer.“ Es folgen ein schmerzender Rücken, neue Möbel und technische Ausstattung – sowie das Gefühl: Man kann so arbeiten. Aber nicht ohne Schwierigkeiten.

„Gerade die ersten beiden Wochen ist es mir extrem schwer- gefallen, mir selbst eine gewisse Routine zu geben. Ich hatte 2014 eine schwere depressive Episode. Aktuell bin ich zum Glück so weit stabil, aber dennoch gibt es zwei unglaublich wichtige Stützpfeiler, um einem erneuten Zusammenbruch entgegenzuwirken: erstens Routinen und zweitens soziale Kontakte. Und dann kommt dieses doofe Covid19-Virus und nimmt mir beides“, beschreibt Lichtblau ihre Anfänge im Homeoffice.

Homeoffice mit Kindern ist eine andere Nummer

Mittlerweile hat sie die Startschwierigkeiten überwunden – und auch ein kleines Motivationsloch vor einigen Wochen. Die Produktivität ihrer Arbeit leidet nicht, sagt sie. Was aber fehlt, sind die kleinen Dinge, die in der Summe dazu führen, dass man sich als Teil eines Teams sieht und sich mit seiner Aufgabe identifiziert. „Den Renten-abschied des Kollegen, bei dem man nur online dabei sein konnte, die verpasste Mutterschutz-Verabschiedung der Kollegin oder einfach der wichtige Flur-Funk, den man jetzt einfach nicht mehr mitbekommt“, zählt Lichtblau die Dinge auf, die ihr am meisten fehlen. Immerhin: Lichtblau wohnt allein und muss neben der Arbeit nicht noch Kinder betreuen. Das ändert alles.

Für Eltern, die Kinder zu Hause betreuen, ist das Homeoffice eine Belastung.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Arbeitsbeginn um 6 Uhr morgens, von 8.30 Uhr bis 10.30 Uhr Homeschooling mit ihrem siebenjährigen Sohn, danach wieder kurz an den Rechner, spätestens um 11.30 Uhr dann Mittagessen machen. Nachmittags wieder Arbeit, unterbrochen von Hilfestellungen, Diskussionen oder einfach einem kurzen Gespräch mit dem Kind. Feierabend nie vor 18.30 oder 19 Uhr. Abendessen, Aufräumen, Kind ins Bett bringen – und wieder vor vorne. So ähnlich wie bei Sabrina Hotter läuft der Alltag derzeit in vielen Familien. Die Alleinerziehende arbeitet in einem Steuerbüro in Augsburg – und ist sehr froh darüber, wie flexibel ihre Chefs in dieser Ausnahmesituation sind. Aber die Nerven werden langsam dünn. „Für das Verhältnis zu meinem Sohn ist das alles sehr belastend. Er ist oft genauso genervt von mir wie ich von ihm. So viele Diskussionen wie derzeit hatten wir in den sieben Jahren zuvor nicht“, sagt Hotter.

Alle stehen unter Druck und nie hat man das Gefühl, seinen Aufgaben gerecht zu werden. „Ich arbeite auf jeden Fall mehr als früher. Wenn man nicht im Büro ist, will man ja auf keinen Fall, dass der Chef den Eindruck hat, man nutze die Situation jetzt aus“, erklärt sie. Aber im gleichen Raum sitzt eben auch das eigene Kind, das ja lernen und nicht ganz am Anfang der Schulkarriere ins Hintertreffen geraten soll. „Seit kurzem haben wir auch noch einmal die Woche eine Videokonferenz mit der Schule. Die Lehrerin macht das gut und bei den Kindern kommt das gut an. Es ist nur leider wieder zu Zeiten, an denen ich mich schwertue“, sagt die Mutter.

Der Breitbandausbau stockt vielerorts noch immer

Doch immerhin kann ihr Sohn so den Kontakt zur Schule und den Mitschülern halten. Auch das fällt manchmal schwer. Denn obwohl sich durch eine Reihe von Förderprogrammen beim schleppenden Ausbau der Breitbandversorgung in den vergangenen Jahren viel getan hat, gibt es noch immer Orte, an denen Homeoffice oder Homeschooling schon deshalb kaum möglich ist. Beispiel Kettershausen im Unterallgäu. Bürgermeister Markus Koneberg kann dazu einiges erzählen – auch wenn er eigentlich keine Erklärung hat, wie so etwas sein kann.

Seit Jahren schon ist die Breitbandversorgung ein Dauerthema in der Gemeinde. Derzeit behilft man sich mit einer Funklösung. „Aber das ist einfach an die Grenze gelangt. Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen von Bürgern, dass sie nicht die Bandbreite bekommen, die sie eigentlich bezahlen“, sagt Koneberg. Es gebe jetzt einfach zu viele Leute, die zur gleichen Zeit die Datenverbindung nutzen wollen. „Das ist ja auch klar, wenn nun auch alle Schülerinnen und Schüler in die Videokonferenz müssen. Ich merke das auch selber. Man bekommt in solchen Gesprächen dann vom Gesprächspartner oft gesagt, dass sich die Lippen bewegen, aber der Ton erst später kommt“, erzählt der Bürgermeister.

Dabei tut die Gemeinde alles, was sie kann, um den Zustand, der heutzutage keiner mehr ist, endlich zu beheben. Derzeit versuche man in die Gigabit-Förderung des Freistaats zu kommen, sagt Koneberg. Im Sommer ließ sich der Gemeinderat von der Breitbandberatung Bayern informieren. Das nüchterne Fazit: Bis es richtig losgeht mit dem Verlegen, kann es noch vier Jahre dauern. „Die Verfahrenswege sind recht lang. Wir sind derzeit mit der Verwaltungsgemeinschaft Babenhausen im Markterkundungsverfahren. Dann gibt es eine Ausschreibung. Dann kann gebaut werden“, erklärt Koneberg, dem man anhört, dass ihm das zu lange dauert.

Die Gemeinde ist in Sachen Internetversorgung Kummer gewohnt. Im Rahmen eines anderen Programms bekam man einen positiven Förderbescheid für den Anschluss des Rathauses an das Breitband. Allein: Auf die entsprechende Ausschreibung der Gemeinde meldete sich nie eine Firma. „Wenn es immer heißt, Fördergeld wird nicht abgerufen: Hier ist eine Erklärung dafür“, sagt Koneberg. Wahrscheinlich rechne es sich für die Firmen schlicht nicht. Aber Kettershausen nützt das nichts. Das Geld ist da, die Gemeinde will bauen – es will nur keiner den Auftrag. „Ich habe manchmal das Gefühl, jeder schiebt den Schwarzen Peter ein Stück weiter. Am Ende ist der Bürger der Gelackmeierte, weil die Bandbreite einfach fehlt“, sagt Koneberg.

Zu viele Nutzer für zu wenig Bandbreite - ein Problem im Homeoffice

Das Bundesverkehrsministerium hat die Versorgung mit schnellem Internet in einem Kartenwerk zusammengefasst. Weiße Flecken in Schwaben, in denen nicht mindestens eine Geschwindigkeit von 30 Megabit pro Sekunde zur Verfügung stehen, gibt es dem Breitbandatlas zufolge vor allem noch in den Landkreisen Neu-Ulm und Günzburg. Doch Theorie und Praxis sind eben nicht immer deckungsgleich.

Angelika Schulz wohnt in Gessertshausen im Landkreis Augsburg. Sie sagt, die schlechte Internetverbindung im Ort zwinge sie derzeit immer wieder dazu, trotz Pandemie nach Augsburg ins Büro zu fahren. „Alle meine Kollegen sind im Homeoffice, aber ich als Vorgesetzte habe die schlechteste Datenleitung“, berichtet sie. Dabei läge das Gute so nah: In Gessertshausen wurden bereits Glasfaserkabel verlegt, aber nicht bis zum Haus von Familie Schulz. Die Glasfaserleitung endet nur wenige Meter entfernt. In ihrer Straße müssen die Anwohner noch mit den alten Kupferkabeln zurechtkommen.

 

Warum bei ihr nur wenige Megabit zur Verfügung stehen, dafür hat Schulz schon eine Erklärung gefunden: „Wir haben eine Firma in der Nachbarschaft und einige IT-Fachkräfte, die ebenfalls alle im Homeoffice arbeiten. Dazu kommen dann noch die Schulkinder – zu viele, die gleichzeitig auf die Leitung zugreifen.“ Da kann auch der Anbieter nichts machen. „Die geben zumindest zu, dass der Abschluss eines teureren Vertrags nur wenig bringen würde“, sagt Schulz. Sie kenne einige Leidensgenossen im westlichen Landkreis, „die gehen in den Garten, wenn sie was Großes verschicken möchten“.

Viele Arbeitnehmer sind jetzt erst auf den Geschmack gekommen

Bei den Problemen mit der Internetversorgung ist die Lösung zumindest klar. Bei der Frage, wie künftig mit dem Homeoffice verfahren wird, nehmen die Diskussionen gerade erst Fahrt auf. Sicher ist: Wieder zu 100 Prozent zurück ins Büro wollen nur wenige. Sabrina Hotter, die alleinerziehende Mutter aus Augsburg sagt dazu: „Die Kollegen und ich sind jetzt erst auf den Geschmack gekommen. Zwei Tage die Woche würde ich auf jeden Fall gerne wieder ins Büro gehen. Aber sonst gerne Homeoffice – wenn Schule und Kinderbetreuung geregelt sind.“ Auch Gabi Lichtblau würde am liebsten im wöchentlichen Wechsel zwischen Büro und Homeoffice weitermachen. Damit sind die beiden nicht allein.

Bei den Gewerkschaften wird längst an Konzepten gearbeitet, um das mobile Arbeiten, wie das Homeoffice im Arbeitsrecht heißt, künftig zu regeln. Bayerns IG-Metall-Chef Johann Horn gibt sich auf Anfrage schon einmal kämpferisch: „Die Arbeitgeber müssen auch für die Zeit nach der Pandemie flexibler werden und ihren Beschäftigten mehr Selbstbestimmung zugestehen. Viele werden das nicht tun.“ Auch der Augsburger Verdi-Chef Erdem Altinisik fordert darum klare Regeln: „Optimal wäre eine Lösung im Rahmen von Tarifverträgen. Zumindest jedoch sollten Dienst- oder Betriebsvereinbarungen getroffen werden.“ Das klingt schon fast wie Gewerkschaftsalltag. Wie es aussieht, ist diese Revolution der Arbeitswelt in aller Stille schon geschafft. (mit Angela David)

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11.02.2021

Büro Auslaufmodell!
Wenn ein Mitarbeiter seinen Job genauso gut im Homeoffice machen kann, warum nicht. Es haben alle was davon, wenn die Leistung passt. Keine Arbeitswege, der Mitarbeiter ist fitter, keine Umweltbelastung durch Pendeln und dadurch weniger Risiko zu Arbeitswegeunfällen z.B. bei Glatteis. Die Unternehmen haben den Vorteil, weniger Bürofläche zu benötigen, weniger Heizkosten, bessere Auslastung vorhandener Räume. Im Zeitalter der Digitalisierung dürfte das möglich sein. In Amerika gibt es schon seit den 90´er Jahren Büros wo viele Programmierer die zuhause Arbeiten nur noch einen Rollcontainer haben. Die Schreibtische dazu können flexibel bei bedarf im Betrieb gebucht werden. Wenn Präsenz angesagt ist. Das ist der Teil der der allen was bringt!
Das Negative für den Arbeitnehmer, wären Chefs die die Grenzen nicht einhalten, und sich nicht an die Arbeitszeit halten /Ständig verfügbar 24/24 /365. Abseits vom geschehen zu sitzen, man kriegt nichts mehr von der Firma mit, das Soziale Arbeitsumfeld bricht weg. Mehraufwendungen für Arbeitnehmer Heizkosten, Renovierung/ Abwohnen der Räumlichkeit wo gearbeitet wird.
Das Negative für den Arbeitgeber, es gibt Menschen, die nutzen das Vertrauen aus, und machen sich einen schönen Tag, man hat mehr aufwand um Mitarbeiter zu erreichen. Manches was Persönlich bearbeitet in 30 Sekunden vom Tisch wäre und beschleunigt dauert wesentlich länger.
Mein Fazit:
Sind die Charakter vom Chef und Mitarbeiter dazu geeignet Jobs nach Hause auszulagern und beide Seiten wollen das, ist das wenn es die Betrieblichen Abläufe zulassen eine gute Lösung. Arbeitsmittel vom Unternehmen gesellt, ein angemessene Pauschale Beteiligung / Heizkosten / Telefon Internet und beide Seiten Gewinnen.

Ein Bekannter sagt das er durch Homeoffice und das wegfallen des Pendeln rund 20 Stunden im Monat einspart, das wären aufs Jahr gerechnet unter Einbeziehung seines Urlaubs (11 Monate/ Präsenz) ein Zeitgewinn von ca. 220 Stunden / was 27,5 Arbeitstagen (bei 8 Std / Tag) gleichkommt.
Dazu spart er sich einen eventuellen Wohnortwechsel in Speckgürtel von München, was wiederum seinen Ausgaben zugute kommt.

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