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26.07.2018

Die traurige Geschichte des Fiat-Chefs

Sergio Marchionne ist mit 66 Jahren gestorben.
Bild: afp

Sergio Marchionne übernimmt den Autobauer in einer tiefen Krise. Er will erst abtreten, wenn der Konzern seine Schulden los ist. Kurz nachdem er sein großes Ziel erreicht hat, stirbt der Manager überraschend

Schon seit Tagen sind die italienischen Zeitungen voll mit Würdigungen von Sergio Marchionne. Von einem Visionär ist da die Rede, von einem Menschenversteher, der gut zuhören kann und seinen Mitarbeitern gegenüber großzügig ist. Allen war klar, dass es gesundheitlich schlecht um den langjährigen Fiat-Chrysler-Chef steht. Am Mittwoch teilte das Unternehmen mit, dass der Manager im Alter von 66 Jahren gestorben ist. Erst am vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass es Komplikationen nach einer Schulteroperation gegeben hat und Marchionne nicht mehr an die Konzernspitze zurückkehren kann. Eigentlich wollte er 2019 sein Amt aufgeben, nun hat ihn der Tod aus dem Unternehmen gerissen.

Der Italo-Kanadier stand nicht nur an der Spitze von Fiat-Chrysler, sondern auch von Ferrari. Und er war kein Typ, der Kompromisse machte. Das brachte ihm nicht nur Sympathien – aber Erfolg. Sein großes Ziel hat er jedenfalls erreicht: Aus den zwei schwer angeschlagenen Autobauern Fiat und Chrysler formte er einen profitablen Konzern, der im vergangenen Jahr Milliardengewinne einfuhr. Ende Juni verkündete Marchionne die Schuldenfreiheit von Fiat-Chrysler und kündigte an, 2019 abzutreten.

Marchionne kam im Jahr 2004 zu dem kriselnden Turiner Großkonzern Fiat und richtete das Unternehmen neu aus. Er baute die Bürokratie ab und halbierte die Entwicklungszeiten für neue Modelle. 2007 sagte er: „Ich will, dass Fiat zum Apple der Autos wird. Und der 500 wird unser iPod.“ Ganz so weit ist es nicht gekommen – aber die Fusion mit Chrysler 2014 zählt zu seinen größten Verdiensten.

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Der 1952 in den Abruzzen geborene Marchionne wanderte mit seiner Familie nach Kanada aus, als er 14 Jahre alt war. Dort studierte er Wirtschaft, Jura und Philosophie. Vor seiner Zeit bei Fiat arbeitete er bei Verpackungsfirmen und wurde Chef eines Genfer Prüfkonzerns. Seine markigen Sprüche waren im Laufe seiner Karriere immer wieder für eine Nachricht gut. Etwa als Vorwürfe aufkamen, auch Fiat habe bei Abgaswerten geschummelt. Damals sagte Marchionne mit Blick auf VW: „Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht.“ Auch bei Ferrari, dessen Präsident er 2014 wurde, war er für klare Worte bekannt. Brüsk sagte er vor der Vorstellung eines Rennwagens in Richtung seiner Ingenieure und Teamchef Maurizio Arrivabene: „Entweder haben sie ein Monster oder Müll gebaut.“

Marchionnes Strenge bekam auch immer wieder das Team von Formel-1-Pilot Sebastian Vettel zu spüren. Über den Chefpiloten sagte Marchionne: Sollte Vettel es schaffen, seine Emotionen zu kontrollieren, die ihm – untypisch für einen Deutschen – immer mal wieder entgleiten, habe man die Chance, Lewis Hamilton zu schlagen.

In der Formel 1 galt der Ferrari-Präsident als harter Verhandlungspartner. Marchionne drohte sogar mit dem Ausstieg von Ferrari. Er wollte verhindern, dass die Formel 1 die DNA des Unternehmens verändert. Doch es ist auch Marchionne zu verdanken, dass Ferrari wieder aufgeholt hat.

Zum Markenzeichen wurden Marchionnes Strickpullover, die er lieber trug als Anzüge. Einige Kommentatoren bezeichneten ihn als Stil-Ikone. „Der Tag, an dem ich eine Krawatte tragen werde, wird ein großer Tag sein“, sagte er einmal. Es wurde der Tag, an dem Fiat-Chrysler den Schuldenberg abgetragen hatte. Erfolg war für Marchionne, der sich selbst als bodenständig beschrieb, nicht selbstverständlich. Vor allem begriff er ihn nicht als dauerhaft, sondern als etwas, das man sich Tag für Tag erarbeiten muss. Seine Eigenschaft als jemand, der nie den Status quo akzeptiert hätte und nie mit einem „gut genug“ zufrieden war, sei in die Unternehmenskultur übergegangen, sagte Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann kurz vor Marchionnes Tod. Er sei ein einmaliger, „erleuchteter“ Manager gewesen – für ihn persönlich aber in erster Linie ein wahrer Freund.

Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi hob Marchionne als jemanden hervor, „der die Industrie-Geschichte Italiens verändert hat – ob es seinen Verleumdern gefällt oder nicht“. Denn gleichzeitig erinnerte Renzi an die Kämpfe, die der Spitzenmanager mit den Gewerkschaften ausgefochten hatte. „Wenn Italien ein paar weitere Marchionnes gehabt hätte, hätten wir eine wettbewerbsfähige Alitalia und einige starke Banken, die in der Welt bekannt wären.“ Lena Klimkeit, dpa

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