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Corona-Pandemie

04.04.2021

Diese fünf Firmen aus der Region mussten sich neu erfinden

Will Schiffe emissionsfrei über die Weltmeere befördern und die Wasserstoff-Wirtschaft voranbringen: MAN Energy Solutions in Augsburg.
Foto: Silvio Wyszengrad

Plus Strukturwandel und Krise fordern von Firmen Mut zur Veränderung. Wie Grob, Peri und drei weitere Unternehmen diese Herausforderung gemeistert haben.

Eine eindringliche Botschaft hört man immer wieder: Die deutschen Unternehmen sollen innovativer werden, kreativer, offen für neue Geschäftsmodelle. Experten und Autoren weisen auf die Digitalisierung hin, auf den Strukturwandel oder Ideen aus dem Silicon Valley, jetzt fordert zudem die Corona-Krise neue Lösungen. Die Erkenntnis, dass Wandel nötig ist, ist zwar leicht gewonnen, aber leider nicht so einfach umzusetzen. Wir beschreiben fünf Unternehmen, die in unserer Region Mut zur Veränderung bewiesen haben.

Grob: Maschinen für Elektromobilität

Noch vor fünf Jahren war bei den Grob-Werken in Mindelheim nahezu alles auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet. Zerspanungssysteme und Universalmaschinen für die Automobilindustrie spielten die beherrschende Rolle. Dann kamen Elon Musk und Tesla, und bei Grob setzte ein radikaler Kurswechsel ein. Inzwischen geht die Hälfte des Umsatzes am Stammsitz Mindelheim auf die Elektromobilität und die Batterietechnik zurück. Das waren im Geschäftsjahr 2020, das Ende Februar zu Ende ging, rund 350 Millionen Euro. Der Gesamtumsatz blieb mit rund 1,05 Milliarden Euro stabil. Im Vergleich zu anderen Maschinenbauunternehmen, die 30 Prozent und mehr Umsatzrückgang verkraften mussten und Arbeitsplätze abgebaut haben, sei das ein Riesenerfolg, betonen Aufsichtsratschef Christian Grob und der Vorsitzende der Geschäftsleitung, German Wankmiller.

Früher ging es um Verbrennungsmotoren, heute um Maschinen für die Elektromobilität: Die Grob-Werke in Mindelheim.
Foto: Silvio Wyszengrad

Die großen Autokonzerne wie VW, Daimler oder BMW setzen verstärkt auf E-Mobilität. Tesla baut im Berliner Umland eine Giga-Fabrik. Grob als bedeutender Zulieferer muss hier dabei sein. Der Wandel bedeutet vor allem: Mitarbeiter müssen sich fortbilden und teilweise völlig neue Berufe erlernen. Mit der IHK wurde ein Qualifizierungsprogramm aufgesetzt. Die Unternehmensleitung möchte den Wandel mit den Mitarbeitern schaffen. Die Zahl der Beschäftigten von 4800 in Mindelheim soll stabil gehalten werden.

Für das Management und die Mitarbeiter bedeutet all das einen „gigantischen Stress“, sagt Wankmiller. Die Entwickler sind praktisch im Dauereinsatz, auch an den Wochenenden. Rund 2200 Beschäftigte sind auf diesem Feld tätig. In hohem Tempo werden in Mindelheim Maschinenanlagen entwickelt, vor allem hochautomatisierte Systeme für die sehr schnell zunehmenden Antriebssysteme der Elektromobilität. Das Unternehmen ist eigenen Angaben zufolge Weltmarktführer in der Entwicklung und Herstellung von Maschinen und Systemen für Elektroantriebe.

MAN Energy Solutions: Klimafreundlich über die Weltmeere

Es ist nicht lange her, da hieß das Unternehmen noch MAN Diesel & Turbo. Es baut in Augsburg große Schiffs- und Kraftwerksmotoren, die traditionell mit Schweröl, Diesel oder Erdgas betrieben werden. Die immer größeren Bemühungen um den Klimaschutz fordern aber neue Antworten. Hier setzt das Unternehmen an. Es entwickelt und bietet heute Lösungen für eine dekarbonisierte Welt, die ohne fossile Energieträger auskommt. Das spiegelt sich im Namen wider. Aus MAN Diesel & Turbo ist 2018 MAN Energy Solutions geworden.

Ziel des Unternehmens mit weltweit rund 14.000 Mitarbeitern ist es, Energie- und Antriebslösungen klimafreundlich zu gestalten. Klimaneutrale Kraftstoffe werden dabei immer wichtiger. MAN ES setzt sich für die maritime Energiewende ein. Statt mit Schweröl können Schiffsmotoren von MAN ES mit umweltfreundlicherem Flüssiggas betrieben werden, kurz LNG.

Langfristig sollen fossile Treibstoffe auf den Weltmeeren ganz durch klimafreundliche, synthetische Kraftstoffe wie Gas oder Ammoniak ersetzt werden. Ein ammoniakbetriebener Zweitaktmotor für große Containerschiffe wird derzeit entwickelt und soll 2024 auf den Markt kommen.

Großes Potenzial sehen die Augsburger vor allem in Wasserstoff, der schadstofffrei verbrennt oder sich in künstliche Kraftstoffe umwandeln lässt. Seit 2013 ist MAN ES ein Pionier dieser Technologie, als das Unternehmen bei Audi in Werle die lange Zeit größte Power-to-Gas-Anlage in Betrieb nahm. Dieses Jahr hat MAN ES zudem den Wasserstoffspezialisten H-Tec-Systems übernommen, der Produktionsanlagen für umweltfreundlichen, grünen Wasserstoff entwickelt und baut. MAN-ES-Chef Uwe Lauber berät als Mitglied des Nationalen Wasserstoffrats auch die Bundesregierung.

Derzeit durchläuft MAN ES ein Sparprogramm, auch Stellen fallen weg. Die strategische Neuausrichtung soll aber den Weg zu klimaneutralem Schiffsverkehr und einer umweltfreundlichen Energieversorgung freimachen. Bereits 2030 will das Unternehmen mit seiner 250-jährigen Geschichte rund die Hälfte des Umsatzes mit neuen Technologien machen.

Peri: Das Haus aus dem Drucker

Mit Schalungs- und Gerüstsystemen aus dem Hause Peri mit Sitz in Weißenhorn werden auf dem ganzen Globus spektakuläre Gebäude errichtet. Doch im Unternehmen, das im Jahr 2019 satte 1,685 Milliarden Euro umsetzte und weltweit 9500 Menschen beschäftigt hat, ist man längst auch an einer Nachfolgetechnologie dran: Denn der Druck von Gebäuden mit einem 3D-Betondrucker ist Realität und macht Verschalungen ziemlich überflüssig. Im Kreis Neu-Ulm wurde unter Beteiligung von Peri jüngst für das erste gedruckte Mehrfamilienhaus der Welt Richtfest gefeiert.

Der Verschalungsspezialist beweist, dass Häuser auch aus dem Drucker kommen können: Peri aus Weißenhorn.
Foto: Silvio Wyszengrad

In einem eigenen „Think Tank“ beschäftigt sich bei Peri ein Team mit potenziellen Kundenbedürfnissen, disruptiven Technologien und den damit verbundenen Chancen für das Unternehmen. Aus diesem auf Zukunftsszenarien basierenden Innovationsansatz entstanden die Industrialisierung der 3D-Betondrucktechnologie und der erfolgreiche Druck der ersten beiden Wohnhäuser in Deutschland. Dafür wurde Peri im Rahmen des deutschlandweiten Innovationswettbewerbs „TOP 100“ als Top-Innovator 2021 ausgezeichnet.

ACM: Aus der Luftfahrt in den Klinik-Bereich

Ein Unternehmen, das sich in der Pandemie neu erfunden hat, ist auch der internationale Luftfahrt-Zulieferer Aircraft Cabin Modification (ACM) in Memmingen. Spezialisiert auf die Produktion und Überholung der Kabinen-Ausstattung von Flugzeugen hat der Betrieb vergangenes Jahr nach Anfang der Pandemie seine Produktion radikal umgekrempelt. Seither stellt ACM statt Helikopter- oder Flugzeugteilen zertifizierte Schutzkittel für den Operationsbereich (OP) in Kliniken her.

Die Schutzkleidung war in kurzer Zeit so gefragt, dass das Unternehmen schnell an die Kapazitätsgrenze gelangte. Der ACM-Vertrieb sammelte innerhalb weniger Wochen Aufträge im siebenstelligen Stückzahlbereich ein. Unter den Kunden sind inzwischen Kliniken, Kassenärztliche Verbände, Rüstungs- und Baukonzerne, Lebensmittelhersteller, Pflegedienste sowie staatliche Organisationen.

ACM-Chef Roger Hohl setzt auf OP-Schutzkittel, hier im Bild mit Memmingens OB Manfred Schilder und Gesundheitsminister Klaus Holetschek.
Foto: Silvio Wyszengrad

Um die Nachfrage zu bedienen, schaffte ACM 130 neue Arbeitsplätze – 90 davon alleine im Hauptwerk Memmingen. „Mittlerweile arbeiten wir sieben Tage zu 24 Stunden im Drei-Schicht-Betrieb“, sagt Geschäftsführer Roger Hohl. Dank dieses Plan B verzeichnete ACM 2020 das bisher beste Geschäftsjahr in der 50-jährigen Firmengeschichte. Die abrupte Produktionsumstellung sei jedoch nicht ohne Risiko gewesen, erläutert Hohl. Das weltweit gefragte Rohmaterial in Millionen von Quadratmetern zu beschaffen, sei nach wie vor nicht einfach. Der unternehmerische Mut habe sich aber gelohnt. Erst kürzlich sei ein zweistelliger Millionen-Auftrag für Einweg-OP-Kittel an Land gezogen worden. Trotz des Erfolgs mit Schutzausrüstung forscht ACM derzeit auf Hochtouren auch an antiviralen und antibakteriellen Produkten für Flugzeugkabinen, darunter dem ersten antiviralen Sitzbezug und Sitzgurt.

Siegmund: Von Schweißtischen zu Schutzmasken

Einen radikalen Neustart hat auch die Firma Siegmund aus Oberottmarshausen südlich von Augsburg gewagt. Als Weltmarktführer im Bereich industrieller Schweiß- und Spanntische verfügt das Unternehmen über ein Vertriebsnetz in über 50 Ländern. Das wusste Firmenchef Bernd Siegmund zu nutzen: Mit Ausbruch der Corona-Krise ließ er die ersten FFP2-Masken in China produzieren, um sie an Krankenhäuser, Altenheime und Apotheken in ganz Deutschland zu vertreiben.

Mithilfe von medizinischen Beratern wurde die Siegmund Care GmbH gegründet, denn der Verkauf medizinischer Produkte unterliegt strengen Vorschriften. Allein die Zertifizierung der Schutzmasken ist mit aufwendigen Verfahren verbunden. Dafür arbeitet Siegmund mit Prüfstellen in China, Deutschland und der Schweiz zusammen.

In der Lagerhalle der Firma Siegmund in Oberottmarshausen südlich von Augsburg lagern Millionen von FFP2-Masken.
Foto: Silvio Wyszengrad

Inzwischen wurden rund 50 neue Mitarbeiter in der Zentrale in Oberottmarshausen eingestellt. Denn das Geschäft boomt, vor allem seit FFP2-Masken in Bayern Pflicht sind. „Nach sehr starken Auftragseingängen bei den Masken im Januar hat sich der tägliche Verkauf zwischen 500.000 und einer Million Stück täglich eingependelt“, teilt Firmenchef Bernd Siegmund mit.

Und nicht nur das: Inzwischen verkauft das Unternehmen auch 50.000 bis 100.000 Corona-Schnelltests – jeden Tag. Zudem wurde die Zulassung der Schnelltests zu Selbsttests beantragt. Über die neugegründete Siegmund Care GmbH erzielte das Unternehmen nach eigenen Angaben eine Umsatzsteigerung von 50 Prozent am Standort Oberottmarshausen. Auch beim Kerngeschäft – der Herstellung von Schweiß- und Spanntischsystemen sowie Maschinenteilen – verzeichnete Siegmund kaum Verluste.

Die positive Entwicklung dürfte bald auch sichtbar werden. Denn das Unternehmen will den Standort an der B17 erweitern. In Richtung Königsbrunn soll eine zweigeschossige Werk- und Produktionshalle sowie ein Hochregallager gebaut werden.

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