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Augsburg

03.08.2020

Einigung mit VW: MAN Energy Solutions baut 800 Stellen ab

Außenansicht MAN Energy Solutions Gebäude, Firmenlogo mit dunklen Wolken
Bild: Peter Fastl

Plus Ursprünglich war befürchtet worden, dass MAN in Augsburg bis 1800 Stellen streicht - nun sollen es 800 sein. Aber: Das Unternehmen darf im VW-Konzern bleiben.

Auch am Wochenende wurde unter Hochdruck verhandelt. Nun liegt ein Ergebnis der intensiven Gespräche zwischen der Unternehmensführung des Augsburger Motoren- und Turbomaschinenbauers MAN Energy Solutions, den Arbeitnehmervertretern und den Verantwortlichen des Mutterkonzerns Volkswagen vor. Nach Recherchen unserer Redaktion gelang es dabei, den ursprünglich vom Unternehmen angedrohten Beschäftigtenabbau deutlich nach unten zu schrauben. Zwar bleibt es für das Unternehmen mit insgesamt rund 14.000 Mitarbeitern beim Einsparziel von 450 Millionen Euro bis 2023. Doch die dafür anvisierte Streichung von etwa 3000 Arbeitsplätzen in Deutschland und 950 im Ausland wird so nicht Wirklichkeit.

Aus einem Eckpunkte-Papier geht nämlich hervor, dass fast 1400 Stellen weniger gestrichen werden sollen und alle Standorte in Deutschland erhalten bleiben, wie auch das Unternehmen am Montag auf Nachfrage bestätigte. Der Hauptsitz der Firma in Augsburg ist auch nach dem deutlich reduzierten Jobabbau-Programm als größtes Werk nach wie vor am härtesten von den Einschnitten betroffen. So sollen nun in Augsburg gut 800 Arbeitsplätze wegfallen, aber eben nicht mehr bis zu 1800, wie es Planungen des Unternehmens zunächst vorgesehen hatten. An dem Standort sind noch rund 4000 Frauen und Männer tätig. Hinzu kommen etwa 300 Leiharbeiter.

Stellenabbau bei MAN: Betriebsrat und IG Metall nur teilweise zufrieden mit dem Ergebnis

Auf die „Horrorzahl“ von einst 1800 Stellen hatten Werner Wiedemann, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von MAN Energy Solutions und der Augsburger IG-Metall-Chef Michael Leppek entsetzt reagiert: „Wir sind traurig. Wir sind wütend. Die Pläne für den Personalabbau sind völlig überzogen.“ Nun können sie immerhin wiederum übereinstimmend sagen: „Zumindest ist es uns in einem Kraftakt gelungen, die Zahl der Arbeitsplätze, die zur Disposition steht, um mehr als die Hälfte nach unten zu verhandeln. Aber es geht nach wie vor um gut 800 menschliche Schicksale. Und das macht uns traurig.“ Beide Arbeitnehmervertreter machen deutlich, es sei ihnen bewusst, dass viele verdiente Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der leider notwendigen Restrukturierung das Unternehmen verlassen müssen. Wiedemann sagt: „Das kann uns nicht zufriedenstellen, zumal diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die dramatische Situation nicht verursacht haben.“ Der Betriebsratsvorsitzende strebt nun einen möglichst sozialverträglichen Interessensausgleich und Sozialplan an. Die betroffenen Beschäftigten sollen demnach über Altersteilzeitlösungen oder gegen Abfindungen ausscheiden. Betriebsbedingte Kündigungen könnten aber, wie es von Arbeitgeberseite heißt, „nicht gänzlich ausgeschlossen werden“. Wiedemann und Leppek wollen den Einsatz des harten Instruments aber partout vermeiden.

Dabei haben die Repräsentanten der Beschäftigten in den Gesprächen mit der Arbeitgeberseite auch einiges erreicht. In Hamburg wird zwar – wie vorgesehen – die Dampfturbinenfertigung eingestellt. Es entfallen 145 von 433 Stellen. Doch der norddeutsche Standort bleibt wie das Werk in Berlin im Gegensatz zu ursprünglichen Befürchtungen erhalten. In Berlin stehen dennoch 151 von 430 Arbeitsplätzen auf der Kippe. Nach Augsburg ist der im nordrhein-westfälischen Oberhausen beheimatete Turbo-Bereich mit noch etwa 1700 Beschäftigten in Deutschland am härtesten von dem Sanierungsprogramm betroffen. Dort sollen 318 Arbeitsplätze gestrichen werden. Zunächst stand hier eine Zahl von 560 Stellen im Raum. Die Mitarbeiter in Oberhausen müssen damit leben, dass die Führung von MAN Energy Solutions nun für die kostenaufwendige Entwicklung und Produktion von kleinen Gasturbinen einen Partner sucht. In dem von Siemens und Rolls-Royce dominierten Geschäft käme für MAN auch ein Mitstreiter aus Asien in Betracht. Hier fällt in Branchenkreisen unter anderem der Name des  japanischen Anbieters Mitsubishi. Noch sei aber alles offen.

Klappt der Konzern-Umbau, kann MAN Teil des VW-Konzerns bleiben

Klar ist hingegen, dass sich Betriebsrat und IG Metall mit der Forderung durchgesetzt haben, dass MAN Energy Solutions entgegen dem vom Mutterkonzern Volkswagen verfolgten Ziel nicht als Ganzes verkauft oder in ein Gemeinschaft-Unternehmen eingebracht wird. Vorausgesetzt, die Verantwortlichen des Augsburger Unternehmens bringen den in einem Eckpunktepapier vereinbarten Umbau bis Ende 2020 erfolgreich auf den Weg, lockt im Gegenzug eine ordentliche Belohnung aus Wolfsburg. Dann darf MAN Energy Solutions bis mindestens Ende 2024 im VW-Konzern, also einem Haus mit ausgeprägter Mitbestimmung, verbleiben. Wird der Motoren- und Turbomaschinenbauer bis dahin deutlich profitabler, ist ein weiteres Zuckerl drin. Denn dann könnten die Augsburger sogar bis mindestens Ende 2026 im schützenden Volkswagen-Reich verharren. Und wer weiß, spekuliert mancher in Augsburg, vielleicht überlegen es sich bis dahin die Verantwortlichen in Wolfsburg noch einmal anders und halten an MAN Energy Solutions fest. Dazu müssten die Maschinenbauer aber ihre Technologie, wie sich erneuerbare Energie in Wasserstoff speichern lässt, weiter entwickeln. In Augsburg wird schon mit Hochdruck an dem Thema gearbeitet. Nach Informationen unserer Redaktion soll hier auch ein Gespräch mit dem einflussreichen baden-württembergischen CDU-Politiker Stefan Kaufmann, dem Wasserstoff-Beauftragten der Bundesregierung, stattfinden. Augsburgs IG-Metall-Chef Leppek hatte ja ein stärkeres Engagement von Bundes- und Landesregierung für die Wasserstoff-Pläne von MAN Energy Solutions gefordert und sich für den Bau einer Pilotanlage in Augsburg stark gemacht. Der Gewerkschafter hofft, dass die Firma „zum grünen Daumen von VW werden kann“.

Fest steht bereits, dass ein für den Betriebsratsvorsitzenden Wiedemann zentraler, also überlebenswichtiger Teil des Augsburger Werkes erhalten bleibt: Demnach sind Befürchtungen, die Gießerei, in der große Motorenblöcke gegossen werden können, würde vielleicht geschlossen, vom Tisch. In dem Bereich arbeiten etwa 300 Beschäftigte. Nun will die Führung  um Unternehmens-Chef Uwe Lauber externe Kunden zur besseren Auslastung der Gießerei finden. Das sollte auch gelingen, gibt es in Europa doch nur wenige solcher Anlagen. Der Vorstandsvorsitzende von MAN Energy Solutions lobt jedenfalls, dass der Sanierungsplan von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gemeinsam erarbeitet worden sei und eine Grundlage für die erfolgreiche Restrukturierung darstelle. Ein Verlust von Arbeitsplätzen sei leider unvermeidlich. Lauber sagt: „Das bedauere ich sehr.“

IG-Metall-Chef Leppek glaubt, dass MAN zukunftsfest werden kann

Der Druck auf die Unternehmensspitze ist jedenfalls hoch, hat MAN Energy Solution zwar kein Umsatz-, aber ein happiges Gewinnproblem. Das gesteht auch die Arbeitnehmerseite zu. Die Vorsteuerrendite (Ebit) lag im vergangenen Jahr bei nur 3,5 Prozent, während es 2018 noch 4,3 Prozent waren. Beide Werte sind aus Sicht des Augsburger Unternehmens und auch der Volkswagen-Führung unbefriedigend, konnten hier doch einst zweistellige Margen eingefahren werden.

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Bild: Ulrich Wagner

Nun dürfte die Motivation der Verantwortlichen in Augsburg hoch sein, wieder deutlich bessere Ergebnisse abzuliefern. Denn das sichert nicht nur Arbeitsplätze ab, sondern es reizt eben auch das Zuckerl eines mindestens zwei Jahre längeren Verbleibs unter dem VW-Schutzschirm. Die Mitarbeiter müssten demnach auf Jahre nicht mehr mit der Ungewissheit leben, ob sie etwa komplett an den japanischen Interessenten Mitsubishi oder den US-Motorenbauer Cummins verkauft werden, wie lange gemutmaßt wurde. Am Ende lautet die Gleichung für Lauber, Wiedemann und Leppek: Mehr Rendite, mehr Sicherheit.

IG-Metall-Mann Leppek ist einstweilen schon mal zufrieden, dass Volkswagen weiter in die bayerische Tochter investiert, so dass Innovationen wie auf dem Bereich der Speicher-Technologie für erneuerbare Energien angeschoben werden können. Der Gewerkschafter glaubt, dass mit den nun vorliegenden Verhandlungsergebnissen „viele Grausamkeiten verhindert und der Weg für ein zukunftsfestes Unternehmen geebnet worden ist“.

Um das zu erreichen, drückte die Arbeitnehmerseite auf das Verhandlungs-Tempo, denn Volkswagen hatte den Verkaufsprozess nicht gestoppt. Leppek sah also die Gefahr, dass MAN Energy Solutions doch noch schnell verscherbelt werde. Volkswagen hätte dazu erhebliche finanzielle Abstriche in Corona-Zeiten machen müssen. Nun verzichtet VW aber für viele Jahre auf den einst sehnlich erwünschten Verkauf von MAN Energy Solutions. Ein Teil des Drucks für den Augsburger Standort ist also weg. Doch es bleibt noch viel zu tun.

Jobabbau bei MAN: Im September sollen die Verhandlungen weitergehen

Im September werden die Verhandlungen über die Ausgestaltung des immer noch massiven Arbeitsplatzabbaus fortgesetzt. Wer soll gehen? Wer kann bleiben?  Es stehen menschlich belastende Entscheidungen an. Und es gibt noch eine knifflige Frage zu lösen: Denn die bisher vereinbarten Sanierungsschritte reichen nicht aus, um die angepeilte Kostensenkung von 450 Millionen Euro einzufahren. Hier gibt es noch eine Lücke von etwa 40 Millionen Euro. Die Arbeitnehmerseite erklärte sich hier zu „Personalkostensenkungen“ bereit, ohne Details zu nennen. Leppek ist sich jedoch sicher: „In diesem Jahr werden die Beschäftigten ihr Weihnachtsgeld voll erhalten.“ Doch für die Folgejahre sind durchaus Abstriche am Gehalt denkbar.

Die Arbeitnehmer-Repräsentanten beobachten indes eine große Solidarität im Unternehmen. Denn viele Beschäftigte haben schon an den Betriebsrat Vorschläge geschickt, wie sich in der Firma Prozesse vereinfachen und damit Kosten senken lassen. Das stimmt den Betriebsrats-Vorsitzenden Wiedemann zuversichtlich, „dass wir eine Sanierung hinbekommen, die langfristig trägt“.

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03.08.2020

Logisch: da haut man eine enorme Zahl in den Raum, im Bewusstsein, dass Beschäftigte, Betriebsrat und Gewerkschaften Sturm dagegen laufen und bekommt dann die geplante Anzahl ohne Probleme durch. Hätte man am Anfang 800 angekündigt, wäre ein genauso großer Widerstand entstanden.

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