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Einzelhandel
22.01.2018

Möhren aus dem Netz? Nein danke!

Amazon liefert nicht nur Bücher oder Technik-Zubehör, sondern auch frische Lebensmittel – zumindest in drei deutschen Großstädten.
Foto: Monika Skolimowska, dpa

Seit vergangenem Jahr liefert Amazon frische Lebensmittel, auch andere Konzerne experimentieren mit dem Online-Handel. Die deutschen Kunden allerdings sind kompliziert.

Wer gehört hat, wie Alain Caparros im Sommer vergangenen Jahres über den Lebensmittel-Lieferdienst Amazon Fresh gesprochen hat, konnte fast Angst um die deutschen Einzelhändler bekommen. Amazon, sagte der damalige Rewe-Chef in einem Interview, werde „wie ein Tornado in die Branche einziehen und so manchen Händler in Schwierigkeiten bringen“. Konkret sorgte sich Caparros, der heute für C&A arbeitet, dass der Online-Riese mit seinem Bringdienst aus dem Stand so erfolgreich werden würde, dass die klassischen Supermärkte und Discounter reihenweise Kunden verlieren könnten.

Ganz so dramatisch sieht es ein knappes halbes Jahr später allerdings nicht aus. Für die meisten Deutschen ist es nach einer aktuellen Umfrage der Unternehmensberatung Ernest & Young immer noch wenig verlockend, Lebensmittel im Internet einzukaufen. Zwar hat jeder Sechste der 1400 befragten Menschen schon einmal Nahrungsmittel im Netz bestellt. 98,6 Prozent aller Verbraucher kaufen Äpfel, Wurst oder Fisch aber noch immer ausschließlich oder überwiegend im Geschäft um die Ecke.

Die Deutschen sind Schnäppchen-Jäger

Wolfgang Adlwarth ist ein wenig überrascht von dieser Zurückhaltung – hat aber auch eine Erklärung dafür. Der Handelsexperte der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung beobachtet die Branche und ihre Kunden schon seit Jahrzehnten. „Die Deutschen schauen gerne rum“, sagt er. Sie besuchen also oft mehr als ein Geschäft, vergleichen Angebote und fahnden nach Schnäppchen. Gerade frische Lebensmittel wollen viele nicht nur auf einem Bild sehen, sondern auch in den Händen halten. Dazu kommt: Die Nahversorgung ist hierzulande sehr gut. Im Schnitt erreicht jeder innerhalb von fünf Auto-Minuten 5,5 Supermärkte, Discounter oder Drogerien. Außerdem sind die Preise im Lebensmittelhandel derart niedrig, dass ein Wettbewerber wie Amazon sie kaum noch unterbieten kann.

Der Versandhändler lässt es denn auch erst einmal langsam angehen: Bisher liefert der US-Konzern nur in Berlin, Hamburg und München Lebensmittel aus, mittlerweile ist das Sortiment auf 300000 Produkte gewachsen. Das Liefernetz soll Schritt für Schritt größer werden. Nach Informationen der Lebensmittel Zeitung könnten in diesem Jahr ein Dutzend weitere Städte in Deutschland folgen.

Rewe ist ein Pionier des Online-Lebensmittelhandels

Während Amazon langsam, aber stetig expandiert, treten die großen Einzelhändler beim Online-Einkauf eher auf der Stelle. Der Rewe-Konzern, eigentlich ein Pionier in diesem Bereich, hat sein Liefergebiet in den vergangenen zwei Jahren nicht vergrößert. Stattdessen hat der Einzelhändler seit Ende 2017 in 50 Läden Abhol-Stationen eingerichtet: Kunden, die es eilig haben, können vorab im Internet bestellen und ihre Einkäufe dann fertig eingepackt im Supermarkt mitnehmen. Konkurrent Edeka konzentriert sich hauptsächlich auf seine Läden. Der von Tengelmann übernommene Dienst Bringmeister liefert Lebensmittel nur in Berlin und München.

Amazons hat in Seattle seinen ersten Supermarkt ohne Kassen eröffnet. Kunden müssen dort beim Reingehen einen QR-Code mit ihrem Smartphone einscannen.
Foto: Elaine Thompson, dpa

Lidl und Kaufland – beides Unternehmen der Schwarz-Gruppe – haben ihre Online-Aktivitäten fast komplett zurückgefahren. Kaufland hat seinen Lieferservice, der in Berlin getestet wurde, vor drei Wochen eingestellt. „Mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit“, heißt es vom Unternehmen, „sehen wir, dass sich ein Lieferservice im Lebensmittelbereich nicht kostendeckend betreiben lässt.“ Lidl hat im vergangenen November fast alle Lebensmittel aus dem Online-Shop entfernt. Mittlerweile können Kunden neben Kleidung oder Spielzeug nur noch Wein, Spirituosen oder Kochboxen kaufen. Discounter-Rivale Aldi verzichtet sogar ganz und gar auf einen Online-Shop.Amazons hat in Seattle seinen ersten Supermarkt ohne Kassen eröffnet. Kunden müssen dort beim Reingehen einen QR-Code mit ihrem Smartphone einscannen.

Glaubt man Handelsexperte Adlwarth, dann rechnet sich dieser Zusatz-Service einfach zu wenig für die Konzerne. Zu niedrig sind die Margen, zu hoch die Kosten für die Lagerung und Lieferung der Artikel. Auf lange Sicht werde es deshalb ein Logistik-Konzern wie Amazon, der bereits über funktionierende Lieferstrukturen verfügt, leichter haben als jene Unternehmen, die ein solches Netz erst aufbauen müssen. Adlwarth bezeichnet die zurückliegenden Monate und die nächste Zeit als „Experimentierphase“. Kein Wettbewerber wisse im Moment hundertprozentig, was in einem schwierigen Markt wie dem deutschen Erfolg habe und was nicht.

In seinem Heimatland experimentiert der Versandhändler Amazon derweil mit einem Konzept, das die alte Einkaufswelt mit der neuen verbindet: Im US-amerikanischen Seattle eröffnete der Konzern gestern den ersten Supermarkt. In dem Laden gibt es keine Kassen. Stattdessen erkennt das Smartphone des Kunden, welche Produkte er aus dem Regal nimmt. Am Ende verlässt er einfach das Geschäft – die Bezahlung übernimmt das Handy.

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