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Corona-Krise

28.08.2020

Firma aus dem Unterallgäu zeigt, wie man eine Maskenproduktion von Null aufbaut

Drita Schneider und Franz Schöbel (von links) sahen in der Krise die Chance.
Bild: jok

Plus Als die Schutzkleidung knapp war, starteten zwei Unternehmer in Kirchheim durch. Doch in wenigen Monaten eine Produktion aufzubauen, war schwerer als gedacht.

Unentwegt rattert die Maschine in dem strahlend weißem Raum und spuckt hellblaue Masken aus. Zwei Mitarbeiter im weißen Kittel, mit Haube, Gummihandschuhen und Mundschutz prüfen die Qualität und stecken die Masken gebündelt in eine Kunststoffhülle. Seit 31. Juli läuft die Produktion der Unternehmenskooperation Samway-Schneider in der schwäbischen Marktgemeinde Kirchheim (Kreis Unterallgäu). 1,5 Millionen Masken pro Monat werden hier produziert – man überlegt aber schon, in eine zweite Maschine zu investieren.

„Allerdings will das gut überlegt sein“, sagt Franz Schöbel, Samway-Geschäftsführer, der mit seiner Partnerin Drita Schneider zunächst eine fünfjährige Zusammenarbeit vereinbart hat. Denn in den vergangenen Wochen hatten die beiden einige schlaflose Nächte.

Viele fachfremde Unternehmen witterten gute Geschäfte

Kurz: Es war nicht so leicht wie gedacht, innerhalb von drei Monaten eine Maskenproduktion „Made in Germany“ aufzubauen. Dabei klang die Idee zunächst einmal relativ simpel. Die deutsche Politik hatte im April Unternehmer dazu aufgerufen, weil man nicht mehr von chinesischer Importware abhängig sein wollte. Fast 90 Prozent aller weltweit verkauften Operations- und FFP-Masken wurden in Fernost gefertigt. Selbst mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn warteten Arztpraxen damals wochenlang auf Nachschub. Deals mit chinesischen Zulieferern platzten oder Lieferungen kamen gar nicht erst an.

Viele Unternehmer hatten daraufhin gute Geschäfte gewittert und sich um die ausgeschriebenen Fördergelder beworben. Darunter waren auch, wie der Spiegel schreibt, Beratungsfirmen, ein Matratzenhersteller oder ein Anbieter von Druckerzeugnissen. Ähnlich fachfremd war die Allgäuer Firmengemeinschaft. Normalerweise verdient das seit 30 Jahren bestehende Mindelheimer Unternehmen Samway Geld mit Marketing- und Vertriebskonzepten, unter anderem mit Erste-Hilfe-Kursen für den ADAC. Die 1994 im benachbarten Kirchheim gegründete Schneider Kunststofftechnik stellt Spritzgussteile her, aber auch Wasserfilter. Weder vom Bund, noch vom Freistaat bekamen Samway und Schneider Geld. Der Fördertopf sei bereits leer, hieß es auf Nachfrage in Berlin.

Der Filterstoff wurde plötzlich deutlich teurer

„Vergessen Sie die Politik“, meint Schöbel heute. Am Ende sei man auf sich alleine gestellt. Das begann bei der Finanzierung. Schöbel zufolge sei es schwierig gewesen, einen Kredit der staatlichen Förderbank KfW zu bekommen, man konnte ja keine Expertise in der Maskenproduktion nachweisen. Dank eines guten Drahtes zur eigenen Hausbank sei dies dann gelungen. Auch der Filterstoff Meltblown, ohne den man keine Masken herstellen kann, war weltweit weitgehend ausverkauft. Nach langer Suche wurde man bei einem tschechischen Hersteller fündig – zu deutlich höheren Preisen als ursprünglich kalkuliert: Statt bei 4,50 Euro für das Kilo kostet das Filtermaterial Schöbel zufolge nun über 40 Euro.

Immerhin fand man mit dem Bamberger Maschinenbauer PIA schnell ein Unternehmen, dass sich in der Lage sah, eine Maskenproduktion technisch zu stemmen. Aber: „Suchen Sie heute mal unter Zeitdruck Handwerker“, ergänzt Drita Schneider. Dazu kam, dass Teile, wie die Edelmetallschleuse vom Produktions- zum Verpackungsraum individuell gefertigt werden mussten, erzählt die Schneider-Geschäftsführerin.

Masken aus dem Allgäu: Das Interesse ist angeblich groß

Dann kamen noch Unwägbarkeiten bei der Zertifizierung hinzu. „Ich dachte, das kriegen wir nie auf die Reihe“, blickt Schöbel zurück. Nun prangt doch das Prüfsiegel DIN EN 14683, IIR auf den in Bayern hergestellten OP-Masken – garantiert optimale Filterleistung, hohe Flüssigkeitsresistenz und gute Atmungsaktivität.

Am Ende wurde vieles teurer. Statt wie geplant 750.000 Euro mussten insgesamt 1,5 Millionen Euro investiert werden. Doch jetzt fertigen sechs Mitarbeiter im Zwei-Schichtbetrieb täglich rund 60.000 Masken. Tonnenweise Vlies und Meltblown sind vorrätig. Das Geschäft kann beginnen. Das Kundeninteresse an den Masken aus dem Allgäu ist angeblich groß. Die Box mit 50 Stück kostet 12,90 Euro. „Damit liegen wir nur knapp über den Preisen der Masken aus Fernost“, behauptet Schöbel.

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