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Insolvenz

24.09.2019

Flughafen München: Wie die Thomas-Cook-Pleite tausende Urlauber trifft

Die Insolvenz von Thomas Cook trifft aktuell viele Reisende.
Bild: Silas Stein, dpa

Ein 76-Jähriger will von München nach Marokko fliegen, doch er wurde von der Passagierliste gestrichen. Eine Frau bangt um 4900 Euro. Die Folgen der Thomas-Cook-Insolvenz.

Flughafen München, Terminal 1, Gate D: Selbst in diesem kleinen Teil des Flughafens ist es unübersichtlich. Es reiht sich Schalter an Schalter – und Klaus Schweinsberg eilt vom einen zum nächsten. Er will nach Agadir, eine Hafenstadt im Süden Marokkos, Flugnummer DE 512. Früher verbrachte er dort häufig seinen Urlaub mit seiner Frau, als sie noch lebte. Mittlerweile besucht der 76-Jährige einmal pro Jahr eine gute Bekannte. Vor einem halben Jahr hat er seine Reise gebucht. Drei Wochen, 1500 Euro, bei der Firma Bucher, ein Tochterunternehmen des britischen Pleite-Konzerns Thomas Cook. Doch der hat am Montag Insolvenz angemeldet und den Betrieb eingestellt. Für hunderttausende Urlauber war es ein Schock. Ihr Urlaub ist geplatzt – einer der Betroffenen ist Klaus Schweinsberg.

Für manche endet die Reise schon am Flughafen München

Um 6.45 Uhr stieg er am Dienstag in seiner Heimatstadt Ingolstadt in einen Bus zum Münchner Flughafen. Einige Stunden stand er am Check-in, bis der Condor-Schalter öffnete. Er war der Erste in der Reihe. Man wies ihn ab, er stand nicht einmal mehr auf der Passagierliste. „Ich hatte mich so gefreut“, sagt er, während er hektisch seinen Rollkoffer durch das lange Terminal zieht.

 

Für Klaus Schweinsberg aus Ingolstadt war schon am Flughafen München Schluss. Er musste seine Reise nach Marokko abbrechen.
Bild: Philipp Wehrmann

Um 12.20 Uhr soll das Flugzeug starten. Bis dahin will er in den Reisebüros am anderen Ende des Airports ein neues Ticket für den Flug kaufen, für den er eigentlich schon bezahlt hat. Eineinhalb Stunden vor dem Start. Dort angekommen, schüttelt der Mann hinterm Schalter den Kopf: Der Flug ist ausgebucht. War der ältere Herr gerade noch aufgeregt, fassungslos, wütend, wirkt er jetzt gefasst. Wenigstens hat er Gewissheit. Zu Hause will er sein Reisebüro anrufen und die nächstmögliche Reise nach Agadir buchen. Er greift in seine Tasche und zieht den Busfahrplan hervor. „Ich war so gut vorbereitet“, sagt er und seufzt. Dann verlässt er den Flughafen Richtung Haltestelle. Wenn die Condor-Maschine von der Startbahn Richtung Agadir abhebt, dürfte er gerade im Bus nach Ingolstadt sitzen.

Die Halle, in der Schweinsberg seine letzte Chance auf ein Flugticket sah, heißt Reisemarkt. Rund 20 Schalter stehen dort, allesamt Reisebüros im Miniaturformat. Hinter einem von ihnen sitzt ein Mann, der auch Thomas-Cook-Reisen verkauft hat. Als Condor keine Thomas-Cook-Kunden mehr mitfliegen ließ, seien Touristen zu ihm gekommen. „Ich konnte nur sagen: Ich kann Ihnen nicht helfen.“ Läuft etwas mit einer Reise schief, sei nicht das Reisebüro, sondern der Servicepunkt des Tourismuskonzerns gegenüber dem Check-in zuständig. Doch der war am Montag bereits leer.

Auch Reisebüros können den Thomas-Cook-Kunden nicht helfen

Die meisten Kunden hatten sich aber anscheinend bereits vorab über die Folgen der Insolvenz informiert und kamen nicht mehr zum Flughafen. Betroffene jedenfalls gibt es viele – auch in unserer Region. Für Alexandra Schiestel aus Langenneufnach im Kreis Augsburg ist der Traum von einer Safari durch die Savanne wohl erst einmal geplatzt. Wilde Tiere beobachten, die Landschaft Ostafrikas erkunden – fünf Jahre hatte Alexandra Schiestel darauf hingespart.

Zusammen mit ihrem Verlobten hat sie über ein Reisebüro bei Neckermann eine zweiwöchige Reise nach Kenia für 4900 Euro gebucht. Doch seit bekannt ist, dass der britische Reisekonzern Thomas Cook pleite ist, zu dem auch Neckermann gehört, wissen die beiden nicht, ob sie ihre Reise je antreten werden. Sie erzählt: „Wir hängen total in der Luft. Wir wissen nur von der Pleite, aber nicht, wie es weitergeht.“ Auch die Mitarbeiter im Reisebüro können nicht weiterhelfen. „Sie sind dort wirklich kompetent, haben aber keine Informationen. Sie lassen sogar extra ihren Ruhetag ausfallen, um für die betroffenen Kunden ansprechbar zu sein.“

Mehr als 1000 Euro Anzahlung haben Alexandra Schiestel und ihr Verlobter geleistet. Dazu kommen Stornogebühren von 750 Euro. „Es ist so viel Geld, auf dem wir vielleicht sitzen bleiben.“

Thomas-Cook-Pleite: Ist das Geld der Kunden jetzt weg?

Viel Geld mussten auch die Eltern von Florian Groll aus Memmingen für ihre Reise bezahlen. Die beiden waren mit Öger Tours – ebenfalls eine Thomas-Cook-Tochter – in die Türkei verreist. Dort hat sie die Nachricht von der Pleite erreicht. Die beiden wurden an die Rezeption gerufen, der Hotelier forderte sie auf, 1000 Euro für den Aufenthalt im Hotel zu bezahlen. „Er sagte: Ich muss das Geld verlangen, sonst bleibe ich auf meinen Kosten sitzen. Wer weiß, ob ich mein Geld je wiedersehe“, berichtet Groll. Im Reisebüro hätte man auch nicht weiterhelfen können. „Das ist schon Wahnsinn. Man bucht, zahlt, und fliegt guten Gewissens. Und dann passiert so etwas.“

Auch Elke Schmid aus Bissingen ist von der Thomas-Cook-Pleite betroffen. Eigentlich sollten sie und ihr Mann am Dienstagabend für eine Woche mit Neckermann nach Kreta fliegen. „Am Montagabend wurde dann die Reise per E-Mail abgesagt“, erzählt sie. Bisher hat Elke Schmid keine Infos bekommen, ob und wie viel Geld sie wiederbekommt. 1600 Euro hat sie für den Urlaub bezahlt.

Zum Thomas-Cook-Konzern gehört auch die deutsche Fluglinie Condor. Die Bundesregierung und die hessische Landesregierung haben am Dienstagabend einen Übergangskredit in Höhe von 380 Millionen Euro zugesagt. Für die Auszahlung ist aber noch eine Prüfung durch die Europäische Kommission nötig.

Unser Redakteur Norbert Staub aus Landsberg hofft auf jeden Fall, dass sein Flug nach Namibia mit Condor Ende Oktober startet. Er hat vor einigen Monaten über das Vergleichsportal Check24 gebucht. Das sei im Prinzip, wie wenn er direkt bei der Fluggesellschaft gebucht hätte – fliegt Condor nicht mehr, wäre er nicht versichert. „800 Euro wären dann futsch“, sagt Staub. Eine Information vonseiten des Unternehmens hat er bislang nur auf eigene Nachfrage bekommen. Dort hieße es, Condor fliege weiter.

Derzeit könne er nicht viel machen – außer abzuwarten, wie eben viele andere Betroffene auch.

Lesen Sie dazu auch: Das sollten Kunden von Neckermann Reisen, Condor & Co. aktuell wissen

Mehr zum Thema finden Sie auch hier: Thomas Cook: Vom Weltmarktführer zum Pleite-Konzern und im Kommentar Das Fiasko um Thomas Cook ist eine Botschaft für uns alle

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