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Augsburg

01.04.2018

Für Sina Trinkwalder ist Geld nur Mittel zum Zweck

Menschen durch Arbeit an der Gesellschaft teilnehmen zu lassen, das ist das Ziel, an dem die Unternehmerin Sina Trinkwalder ihr Handeln ausrichtet.
Bild: Silvio Wyszengrad

Die Augsburgerin beschäftigt in ihrer Textilfirma Manomama Menschen, die sonst wohl chancenlos wären. Die bekannte Sozialunternehmerin verrät, was sie antreibt.

Sina Trinkwalder ist ein Mensch mit Visionen. Der Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft treibt die 40-Jährige an. Darum stand auch nicht das Produkt im Mittelpunkt, als sie vor acht Jahren ihre ökosoziale Textilfirma Manomama gründete, sondern die Menschen im Abseits. Sie gibt Frauen und Männern, die am Arbeitsmarkt keine Chance haben, eine Anstellung. Trinkwalder ist überzeugt: Eine Gesellschaft kann nur gut funktionieren, wenn Menschen an ihr durch Arbeit teilhaben. Nicht nur mit dieser Unternehmensidee hat sich die Augsburgerin längst einen Namen gemacht.

Sina Trinkwalder hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Auch nicht, wenn ein großes Unternehmen einen Auftrag für sie hat. Per E-Mail erhielt sie neulich eine Anfrage von Zalando. Der Online-Versandhändler wollte wissen, ob die Textilunternehmerin für ihn Taschen anfertigen möchte. Sie lehnte ab. „…Das disruptive Geschäftsmodell Ihres Unternehmens zulasten unzähliger, kleiner, vielfältiger Einzelhändler und Hersteller veranlasst uns zu dieser Entscheidung. Sicherlich verstehen Sie das“, schrieb sie zurück.

Mitarbeiter waren zuvor Hartz-IV-Empfänger

Auch für einen lukrativen Auftrag gibt Trinkwalder ihre Überzeugungen nicht auf. Ihr Ziel ist es nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, sagt die Frau mit den langen dunklen Haaren und der markanten schwarzen Brille. „Geld ist für mich nur Mittel zum Zweck.“ Solange am Ende eines Geschäftsjahres die schwarze  Null steht, ist Trinkwalder zufrieden. Dann kann sie ihre derzeit 130 Mitarbeiter, die zuvor Hartz-IV-Empfänger oder Leiharbeiter waren, weiter unbefristet beschäftigen.

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In der Produktionshalle im Herzen Augsburgs nahe der City-Galerie werden Kleider und Taschen aus regionalen Rohstoffen, wie etwa der Augsburger Landmerino-Schurwolle, produziert. Nur die ökologisch zertifizierte Baumwolle muss importiert werden, die wächst in Deutschland nun einmal nicht. Verkauft werden die Manomama-Kollektionen etwa über den Online-Shop, in der Fabrik selbst oder in einem Geschäft in der Augsburger Innenstadt. Trinkwalder hegt keine Ambitionen, mit ihrer Kleidung auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen. Eine Anfrage eines amerikanischen Einzelhandelskonzerns lehnte die Mutter eines Sohnes ab. „Da würde ich meine Idee einer regionalen Wertschöpfungskette konterkarieren.“ Trinkwalder handelt stets aus Überzeugung. Vor Rückschlägen schützt sie das freilich nicht.

Etwa als ihr einziger großer Kooperationspartner, für den sie Stofftaschen herstellte, die Zusammenarbeit unerwartet aufkündigte. „Für Manomama kann ein Rückschlag existenziell werden“, gibt die Geschäftsführerin offen zu. „Aber für mich bedeutet eine Niederlage, Anlauf zu nehmen und zwei große Schritte in eine neue Richtung zu gehen.“ Hinter Rückschlägen steckten meist eigene Fehler, erklärt die Frau, die von sich sagt, sie sei ihre größte Kritikerin. Trinkwalder jammert nicht, sie lernt daraus. Nie wieder würde sie sich von einem großen Kooperationspartner abhängig machen, unterstreicht die leidenschaftliche Kaffeetrinkerin. Naiv sei das von ihr gewesen.

Die Textilfirma Manomama stellt vom Garn bis zur Naht in Deutschland her.
Bild: Silvio Wyszengrad

Manomama hat aktuell 130 Beschäftigte - vor allem Frauen

Manomama ist über die Jahre deutlich gewachsen. Angefangen mit drei Mitarbeitern waren in der Textilfirma zwischenzeitlich bis zu 140 Menschen beschäftigt. Aktuell arbeiten 130 überwiegend weibliche Angestellte bei Manomama. Trinkwalder nennt sie gerne „meine Ladys“. Allerdings will die 40-Jährige ihre Mannschaft in den nächsten Jahren verkleinern. Stellen von Mitarbeitern, die in Rente gehen, sollen nicht nachbesetzt werden. Grund dafür ist Trinkwalders Erfahrung innerhalb des Teams. „Die Zeit, als wir noch 80 bis 100 Leute waren, war die beste“, findet sie rückblickend. Jeder habe jeden gekannt, es sei familiär gewesen. „Ich will nicht weiterwachsen. Ich will die beste Stimmung im Laden haben, denn dann sind die Leute am produktivsten.“ Lieber gründe sie mehrere Firmen mit jeweils hundert Mitarbeitern.

Sina Trinkwalder sprüht vor Ideen, bezeichnet sich selbst aber als „null kreativ“. „Ich bin Optimiererin.“ Stoffreste etwa bleiben bei ihr nicht einfach nur Stoffreste. Sie schöpft aus ihnen Wert. So entstanden zwei ihrer sogenannten „Zero-Waste-Projekte“, zu Deutsch „Null-Verschwendungsprojekte“. Die Idee dazu kam Trinkwalder, als sie von den Ulrichswerkstätten in Augsburg eine Anfrage erhielt, ob sie denn eine Arbeit für die Behinderten habe. Drei Tage lang setzte sich Trinkwalder in die gemeinnützige Einrichtung. Sie beobachtete die Menschen, um zu sehen, welche Arbeit zu ihnen passen würde. „Abends warf ich mit einem Freund die Stoffreste auf meinen Küchentisch und wir überlegten.“ Heraus kam die Idee mit dem „Kreativ Kästchen“, die nun die behinderten Menschen in den Ulrichswerkstätten packen dürfen. „Die freuen sich so über die Arbeit.“

„Brichbags“ erobern den Markt

Trinkwalder ist Praktikerin mit einem offenen Blick für die Dinge, die um sie herum passieren. Ihre Ideen schöpft sie aus dem Bedarf der Gesellschaft. Für Obdachlose fertigt sie seit ein paar Monaten robuste Rucksäcke an. Einige hundert von den sogenannten „Brichbags“, (Anspielung auf eine Brücke zwischen arm und reich, Anm. d. R.) hat sie bereits in deutschen Städten ausgeliefert. „Meine Investitionen und meine Arbeitszeit darf ich nicht rechnen“, sagt sie und lacht. Trinkwalder steckt in ihr Unternehmen und ihre Projekte das Geld, das sie mit ihren Vorträgen verdient. Bis zu 60 hält sie im Jahr an Universitäten oder in der freien Wirtschaft, spricht über die Herausforderungen, vor denen die Gesellschaft ihrer Meinung nach steht. Längst wird sie regelmäßig in viele TV-Talkshows eingeladen, weil sie messerscharf argumentiert und die direkte Konfrontation mit Politikern sucht.

Trinkwalder hat Visionen. Sie glaubt an eine Gesellschaft, für die Geld und Statussymbole nicht wichtig sind, sondern der Mensch im Vordergrund steht.

Heute gibt es 130 Angestellte - vor allem Frauen.  
Bild: Silvio Wyszengrad
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