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Gast der Redaktion
27.07.2017

Mal mehr als zehn Stunden arbeiten

Bertram Brossardt sieht sich als Kämpfer für Bayern.
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Bertram Brossardt sieht sich als Kämpfer für Bayern.
Foto: Michael Hochgemuth

Bayern geht es wirtschaftlich blendend. Das lässt den wohl mächtigsten Arbeitgeber-Vertreter im Freistaat nicht ruhen. Wie Bertram Brossardt Gewerkschafter provoziert

Eigentlich könnte es Bertram Brossardt als wohl einflussreichster Vertreter eines Wirtschaftsverbands in Bayern ruhiger angehen lassen. Denn im Freistaat läuft es konjunkturell ausgezeichnet. Zu solch einem Superlativ greift der Hauptgeschäftsführer der mächtigen Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft – kurz VBW – natürlich nicht. Denn der 57-Jährige ist auch Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie. In der Funktion mischt Brossardt vorne mit, wenn es Tarifverträge in der Schlüsselindustrie (Maschinenbau, Fahrzeugbranche) auszuhandeln gilt.

Zum Handwerk eines mit der Gewerkschaft Lohn-Verhandlungen führenden Arbeitgeber-Vertreters gehört es aber, es mit der Konjunktur-Euphorie nicht zu übertreiben. Das weckt bei der Arbeitnehmerseite nur Begehrlichkeiten. So betont Brossardt denn als Gast der Zentralredaktion unserer Zeitung: „Bayern und seinen Unternehmen geht es gut.“ Vor der Gehaltsrunde 2018 sagt er gut, nicht ausgezeichnet.

Auch wenn der Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie noch bis Ende des Jahres läuft, hat das Kräftemessen der Arbeitgeber und Gewerkschaften längst begonnen. Von beiden Seiten wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Doch die VBW-Verantwortlichen ringen sich immerhin zu einer zuversichtlichen Prognose durch. Demnach wird die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2017 in Bayern um 124700 auf 5,442 Millionen steigen. Parallel dazu gehe die Arbeitslosigkeit um 19700 auf durchschnittlich 230900 Personen zurück. In vielen Regionen des Freistaats herrscht Vollbeschäftigung. Der Pfälzer Brossardt, der seit seiner Zeit als Jura-Student in München Bayern lieb gewonnen hat, sagt: „Ich bin gut drauf.“

Warum also nicht kürzertreten und entspannt auf das weiß-blaue Wirtschafts-Wunderland blicken? Das entspricht nicht Brossardts unruhigem Naturell. Er weiß, wie schnell sich Erfolg in Misserfolg wandeln kann. Als Büroleiter des einstigen bayerischen Wirtschaftsministers Otto Wiesheu hat er in den Jahren von 1993 an erlebt, dass Wohlstand brüchig sein kann.

Deutschland rutschte in eine Rezession. Unternehmen passten sich nur schmerzhaft an die Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft an. Auch in Bayern wurden Werke geschlossen. Zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren. Solche Erfahrungen prägen. Später, als Ansiedlungsbeauftragter im Wirtschaftsministerium und dann auch als Leiter Außenwirtschaft und Standortmarketing, versuchte Brossardt, Investitionen und Arbeitsplätze nach Bayern zu holen. Das war im Vergleich zu heute noch ein zäher Kampf, den Brossardt dann ab 2005 für die Arbeitgeberverbände fortgesetzt hat. Vom Kämpfen kann er nicht lassen. Der Mann mit dem ausgeprägten pfälzischen Dialekt und ausladenden Gesten setzt dabei auf ausgeklügelte Marketingkampagnen für die Arbeitgeberklientel. Während die IG Metall von einer 28-Stunden-Woche träumt und die Arbeitgeber damit provoziert, wünscht sich Kampagnen-Spezialist Brossardt mehr Flexibilität in der Arbeitszeit. Das begründet er für einen Firmen-Lobbyisten mit dem erstaunlichen Satz: „Wir vertreten Arbeitnehmer-Interessen.“

Die bayerischen Arbeitgeber-Verbände als Anwälte der Beschäftigten? Das reizt dann wiederum die Gewerkschafter. Brossardt behauptet aber, in dieser Sache „nur ruhig und sachlich Argumente vorzutragen“. Im Gespräch mit unserer Zeitung will er sich nicht als Scharfmacher vor der Tarifrunde missverstanden wissen. So pflege er ein gutes Verhältnis zur IG Metall. Den früheren Chef der Gewerkschaft in Bayern, Werner Neugebauer, duzt Brossardt, seinen Nachfolger Jürgen Wechsel zwar nicht: „Wir kommen aber gut miteinander klar.“

Dennoch fühlen sich Gewerkschafter durch die Forderungen der VBW nach einer Lockerung der Arbeitszeit massiv herausgefordert, auch wenn Brossardt sagt: „Wir wollen nicht, dass die Menschen insgesamt mehr arbeiten.“ Sie sollten aber nach Gesetzes- und Verordnungsänderungen die Chance bekommen, ihren Job zeitlich so auszuüben, wie es ihren Wünschen und den Erfordernissen der modernen Arbeitswelt entspräche. Die heutigen Regelungen seien nicht mehr zeitgemäß. Sie stammten aus den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, stichelt der Hauptgeschäftsführer.

Konkret heißt das: Die bayerischen Arbeitgeberverbände wollen weg von der täglichen hin zu einer wöchentlichen Betrachtung der Arbeitszeit mit einem Spielraum von bis zu 48 Stunden. So sagt Brossardt: „Die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf maximal zehn Stunden ist nicht mehr zeitgemäß.“ Gleiches gelte für die gesetzliche Ruhezeit von elf Stunden nach Beendigung eines Arbeitstages. Diese will der VBW-Mann zwar nicht prinzipiell antasten, aber erlauben, dass Beschäftigte auch in dieser Entspannungsphase mal ihre E-Mails checken können.

Ob Pflegekräfte, Mitarbeiter in der Gastronomie, Ingenieure oder IT-Spezialisten: Geht es nach den Arbeitgebern, sollen sie alle auch mal elf oder zwölf Stunden an einem Tag arbeiten dürfen, wenn sie in der gleichen Woche an anderen Tagen kürzertreten. Brossardt glaubt: „Mit flexiblen Arbeitszeiten lassen sich auch Familie und Beruf besser unter einen Hut bringen.“ Der Arbeitgeber-Repräsentant will durch seinen Vorstoß das Arbeitsrecht an die Erfordernisse einer digitalisierten Job-Welt anpassen und damit die Standortbedingungen verbessern. So soll verhindert werden, dass Deutschland wie in den 90er Jahren zurückfällt und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießt.

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