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Gerade die neue Arbeitswelt braucht Gewerkschaften

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Kommentar Von Christina Heller
29.04.2019

Niemand weiß, welche Veränderungen die Digitalisierung bringt. Aber schon jetzt ist klar: Manche Jobs fallen weg. Deshalb benötigen Beschäftigte eine Stimme.

Streiken ist in – zumindest haben im vergangenen Jahr vier Mal so viele Menschen ihre Arbeit aus Protest niedergelegt wie ein Jahr zuvor. Das lag zwar vor allem daran, dass die Metall- und Elektroindustrie, in der die Gewerkschaft viel Gewicht hat, über ihre Tarife verhandelt hat. Es zeigt aber auch: Arbeitnehmer sind bereit, für ihre Rechte zu kämpfen. Und doch stehen die Gewerkschaften vor Problemen: Zum einen gelingt es ihnen nur schwer, jüngere Mitglieder und Frauen anzuwerben. Zum anderen verlassen viele Firmen die Tarifbindung. In der Region etwa sind nicht einmal mehr ein Viertel aller Betriebe an einen Flächentarifvertrag gebunden.

Die Gewerkschaften versuchen, junge Mitglieder zu gewinnen

Weil sich die meisten Firmen dennoch an den Branchentarifen orientieren, hat das für Mitarbeiter zunächst keine unmittelbaren Folgen. Doch sobald sich die wirtschaftliche Lage anspannt, sind Mitarbeiter in tariflosen Betrieben allein. Für die Gewerkschaften birgt die Tarifflucht noch einen Nachteil: Je weniger Menschen sie vertreten, desto schwächer wird ihre Position.

Also haben die Arbeitnehmervertreter schon vor einiger Zeit begonnen, sich stärker auf jüngere Menschen zu fokussieren. Sich für Themen zu interessieren, die diese ansprechen. So fordern die Organisationen nicht mehr nur Gehaltssteigerungen. Sie greifen auch das Thema Work-Life-Balance auf, also eine ausgewogene Mischung zwischen Arbeit und Freizeit. Sie rücken das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz in den Blickpunkt oder die Arbeitszeitverdichtung. Die Botschaft dahinter: Nur mithilfe einer Gewerkschaft lässt sich etwas ändern.

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Der digitale Wandel muss alle mitnehmen

Und damit haben die Arbeitnehmervertreter recht. Auf sich alleine gestellt erreichen Mitarbeiter wenig. Zumal niemand genau weiß, was die Zukunft bringt. Durch die Digitalisierung ist vieles unsicherer geworden. Entwicklungen gehen nicht mehr schrittweise voran. Stattdessen kann eine Erfindung ganze Branchen zerstören oder an den Rand des Abgrunds rücken. Künstliche Intelligenz, Arbeit in vernetzten Fabriken oder die E-Mobilität werden viele Arbeitsplätze überflüssig machen. Das heißt nicht, dass keine neuen entstehen. Die Frage ist aber: Wie profitieren die Angestellten davon? Was passiert mit jenen, die heute einen dann unnützen Job ausüben? Die Antwort ist: Der Wandel muss alle mitnehmen. Der Umbruch muss sozial verantwortlich gestaltet werden.

Diese Erkenntnis dringt immer mehr durch. Bei großen und kleinen Firmen und bei Experten. Doch besonders Gewerkschaften sind prädestiniert, an dem Wandel mitzuarbeiten. Sie haben den Überblick über Branchen. Und soziale Gerechtigkeit ist seit jeher der Schwerpunkt ihres Wirkens.

Gewerkschaften müssen Partner mit Weitblick sein

Dazu kommt: Auch wenn noch niemand genau weiß, was die Digitalisierung bringt, sind sich Arbeitsmarktexperten dennoch sicher: Den Betrieben gehen die Fachkräfte aus. Das wird zu einem der größten Wachstumshemmnisse werden. Firmen könnten viel mehr Aufträge annehmen, wenn sie ausreichend qualifizierte Mitarbeiter fänden. Schon jetzt sprechen Arbeitgeber deshalb immer öfter davon, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren. Das Gesetz, das regelt, wer wie lange arbeiten darf, aufzuweichen. Selbst der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger sprach sich neulich dafür aus. Auch das ist eine Diskussion, die nur überbetrieblich geführt werden darf – und mit Beteiligung der Gewerkschaften.

Die Beispiele zeigen: Zum Lösen der Herausforderungen, die die moderne Arbeitswelt mit sich bringt, brauchen Arbeitnehmer eine Stimme. Einen Vertreter mit Weitblick. Diese Rolle sollten die Gewerkschaften einnehmen.

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