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Unternehmensporträt

19.04.2020

German Bionic baut Aufschnall-Roboter für den Rücken

Wie eine Art Rucksack sitzt der Roboter auf dem Rücken und erleichtert das Heben schwerer Gegenstände.
Bild: German Bionic Exoskelett Augsburg

In Augsburg werden Anzüge entwickelt und gebaut, mit denen sich Lasten rückenschonend heben lassen. Entwickelt hat sie German Bionic. Das Start-up wurde dafür mit Preisen bedacht.

Mensch und Maschine rücken immer näher zusammen. Erst wurden Roboter dank Sensor-, Laser- und IT-Technik derart intelligent und vor allem sicher, dass sie aus ihren Käfigen befreit werden konnten und Hand in Hand mit Beschäftigten zusammen tätig sind. Peter Heiligensetzer, der einst lange für den Augsburger Automatisierungs-Spezialisten Kuka gearbeitet hat, faszinierte das Thema der Mensch-Roboter-Kollaboration von Anfang an. Schon seit seiner Doktorarbeit forscht der Maschinenbau-Ingenieur in dem Bereich. Für den 49-Jährigen stand irgendwann fest, Mensch und Maschine könnten sogar soweit auf Tuchfühlung gehen, dass Roboter tragbar wie ein Rucksack werden. So sind sie in der Lage, Beschäftigte bei schweren Hebearbeiten aktiv zu entlasten und Rückenerkrankungen vorzubeugen. Einen solchen Roboter, der wie ein Kraftanzug arbeitet, hat Heiligensetzer entwickelt: Die von ihm 2017 in Augsburg gegründete Firma German Bionic sieht sich als erster Anbieter in Europa, der derartige Zweit- oder Exoskelette für die industrielle Produktion baut.

Weil nun Betriebsbesichtigungen in Corona-Zeiten schwierig sind, haben die schwäbischen Roboter-Spezialisten einen digitalen Live-Rundgang durch die Fertigung in Augsburg organisiert. Heiligensetzer beantwortet per Videokonferenz Fragen in einer Fertigungshalle, während sein Kollege und Produktionsexperte Stefan Voswinkel, 39, das Cray X genannte Gerät auf den Rücken geschnallt hat. Er schreitet hin und her, hebt schwere Kästen hoch. Die beiden Elektromotoren des Roboteranzugs, der wirklich äußerlich einem Trekking-Rucksack ähnelt, surren und knarzen vernehmlich, wenn Voswinkel in die Knie geht. Der Techno-Sound gibt schon geräuschmäßig dem Roboterträger das Gefühl, seine zweite Maschinenhaut arbeite intensiv für ihn.

German Bionic in Augsburg arbeitet mit SGL Carbon in Meitingen zusammen

Bei Gewichten bis zu 25 Kilo entfaltet das aktiv arbeitende System mit einer Akkulaufzeit von acht Stunden seine unterstützende Wirkung gerade für den unteren Rückenbereich. Das neue Modell des Roboteranzugs wiegt rund sieben Kilo. Dem für Forschung zuständigen Vorstand Heiligensetzer und seinem Team gelang es, ein Kilo des Cray X abzuspecken. Die Gewichtsschrumpfung glückte dank des Zaubermaterials Carbon, also leichten und dennoch steifen Faserverbundwerkstoffen. Hier arbeitete German Bionic mit der darauf spezialisierten Firma SGL in Meitingen bei Augsburg zusammen. Die Verantwortlichen der neuen Roboterfirma schätzen auch die Nähe zu den Fraunhofer-Forschungseinrichtungen in Augsburg.

Als vergangenes Jahr die neue Produktionshalle eingeweiht wurde, spielte die Blasmusik. Das Hightech-Unternehmen ist ein klarer Fall der Koexistenz von Laptop und Lederhose. Die Paarung muss im Fall von German Bionic aber aktualisiert werden. Passender wäre: Künstliche Intelligenz und Lederhose, sind die Roboteranzüge doch wie ein Smartphone vernetzt. So gewonnene Daten können, wenn der Kunde das wünscht, in einer Cloud – einer großen Datenbank – gespeichert werden. Dann walten mathematische Algorithmen, werten die Informationen aus. Am Ende arbeitet der Kraftanzug für seinen Besitzer noch passgenauer. Über ein Display kann der Anwender seinen Rücken-Roboter auch selbst fein steuern. Software-Updates lassen sich einfach drahtlos aufspielen.

Der Roberter aus Augsburg ist schon bei  Ikea im Einsatz

Dabei kann sich der Cray X in der Produktion vernetzen: Das Rolltor zu einer Halle geht automatisch auf, wenn ein Beschäftigter mit zweiter Roboterhaut eintritt. Einiges was derzeit an für viele unverständlichen Fachbegriffen herumschwirrt, etwa Künstliche Intelligenz, Cloud-Computing, Internet der Dinge (IoT) und Industrie 4.0 kommt beim Augsburger Kraftanzug zum Einsatz. „Dabei sollen Exoskelette keine Übermenschen für die Produktion erschaffen“, sagt der Erfinder Heiligensetzer. Er will nicht Popeyes mit Maschinenmuskeln kreieren, die mit Elektromotoren statt Spinatpower enorme Lasten wuchten und Industrie-Robotern in Fabriken die Arbeit streitig machen. Die Forscher haben sich vielmehr vorgenommen, Arbeitnehmer vor gefährlichen Bewegungen zu schützen, die auf Dauer zu Erkrankungen des Muskel-Skelettsystems führen.

Auch mit einem Rücken-Roboter werden Lasten nicht federleicht, sie lassen sich nur leichter anheben. Ein Arbeiter am Stuttgarter Flughafen etwa, der mit dem Cray X Gepäckstücke aus- und einlädt, berichtet, dass er nun wieder am Abend seine kleine Tochter schmerzfrei hochheben könne. Ohne das technische Hilfsmittel sei ihm das nach all der Plackerei schwergefallen. Auch andere Roboter-Rucksackträger in einer Darmstädter BMW-Werkstatt, die große SUV-Räder wechseln müssen, spüren zwar die Arbeit nach wie vor in ihren Händen und Armen, aber nicht mehr derart im sensiblen unteren Rückenbereich.

Der Cray X ist also ein Rückenstützer. Hier tut sich für Heiligensetzer und seine Mitstreiter ein großer Markt auf, schließlich hat etwa die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin herausgefunden, dass Muskel- und Skeletterkrankungen für 23 Prozent aller Krankheitstage der Beschäftigten verantwortlich sind. Derlei Fakten haben Unternehmen wie Ikea oder DB Schenker bewogen, Augsburger Exoskelette zu testen und zu kaufen. Der Cray X lässt sich auch leasen. Dabei wird zunächst eine einmalige Gebühr von 4990 Euro fällig. Bei einer Laufzeit des Vertrages von zwölf Monaten kommen noch einmal 999 Euro monatlich als Servicepauschale hinzu.

Wirtschaftliche Kennzahlen will German Bionic keine Preis geben

So offen Heiligensetzer über die Vorteile seines Kraftanzugs spricht, derart zugeknöpft erweist er sich bei Fragen nach wirtschaftlichen Kenngrößen. Weil das Unternehmen nicht an der Börse notiert ist und „auch keinen Gang an den Aktienmarkt anstrebt“, darf der Manager hier blocken. Lächelnd meint er nur: „Das Geschäft ist vielversprechend. Es läuft gut, ja wir sind zufrieden.“ Auf Nachfragen spricht er von „bisherigen Verkäufen im hohen dreistelligen Bereich“.

Dabei weckt der Unternehmer Fantasien, wenn er von Gesprächen mit Amazon spricht, aber auch berichtet, mit Experten des Berliner Krankenhauses Charité die Chancen des Einsatzes im Pflegebereich auszuloten. Ein Cray-X-Modell für den Katastrophenschutzeinsatz, also für Rettungsdienste oder Feuerwehren, gibt es schon. Weitere Varianten sind denkbar. Heiligensetzer und der für das operative Geschäft zuständige Vorstand Armin G. Schmidt wollen kräftig expandieren und das Geschäft weltweit aufziehen. Sie streben „minimal eine Verdopplung des Umsatzes pro Jahr, wenn nicht eine Vervierfachung“ an. In Augsburg haben die Unternehmer Platz zu wachsen. „Ich wohne in der Region mit meiner Familie und will hierbleiben“, versichert Heiligensetzer. Also Lech Valley statt Silicon Valley.

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