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Scout24

28.10.2013

Gründer von Scout24: Die zwei Leben des Joachim Schoss

Erfolg, Geld, Macht: Der Internetpionier Joachim Schoss hatte all das - bis ein Unfall sein Leben zerstörte. Doch der 50-Jährige hat die Chance auf ein zweites Leben genutzt - und macht heute Menschen mit Behinderung Mut.
Bild: Fred Schöllhorn

Der Gründer der Firmengruppe Scout24 war ein junger, erfolgreicher Unternehmer, als ihn ein schwerer Unfall stoppte. Heute hilft er anderen Behinderten mit der Stiftung MyHandicap.

Wenn Joachim Schoss seine linke Seite zeigt, lehnt er sich lässig an das Podium, unterstreicht seine Sätze mit Gesten und wirft eine Präsentation an die Wand, die seine Erfolge aufzählt: Einser-Uni-Abschluss mit 22, Unternehmensberater, Gründer einer eigenen Beratungsgesellschaft und Mitbegründer einer Callcenter-Gesellschaft, 1998 dann der Start von Scout24. Zu der Firmengruppe gehören heute sechs Internet-Plattformen, unter anderem das Immobilienportal Immoscout24. Mit seiner linken Seite wendet er sich den Mitgliedern der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft zu, die an diesem Abend in Augsburg zusammengekommen sind, und sagt: „Ich habe nichts anderes gemacht als gearbeitet, ich hatte im Grunde eine 168-Stunden-Woche.“

Wenn Joachim Schoss seine rechte Seite zeigt, hängt der Ärmel lose an seiner Schulter, weil kein Arm da ist, der ihn füllt. Die Beinprothese bewegt er ungelenk, nach dem anstrengenden Vortrag muss er sich setzen. Feiern enden früh, weil seine Niere nachts eine Erholungsphase braucht. Schoss sagt: „Meine Basis ist heute mein Zuhause.“

Mit 34 Jahren wirtschaftlich unabhängig: Joachim Schoss

Diese zwei Seiten nennt der 50-Jährige „meine zwei Leben“. Das Leben heute – und jenes davor als erfolgreicher Unternehmer mit immer neuen Ideen: Ende der 80er Jahre entdeckt er das Potenzial, das in Callcentern steckt. Erst hilft er Unternehmen, solche zentralen Telefondienste aufzubauen, die es zu dieser Zeit kaum gibt. Dann gründet er selbst eines. Das Konzept geht auf, nach viereinhalb Jahren verkauft er die Firma für 40 Millionen Mark. Auch seine Unternehmensberatung veräußert er, mit 34 Jahren ist er wirtschaftlich unabhängig. Er hat sich einen Namen gemacht.

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Bei einem Flug über dem Atlantik ersinnt er mit einem Freund das Konzept von Scout24 und setzt es 1998 mit Christian Mangstl um. Schoss wird größter Privatinvestor, Konzernchef und Verwaltungsratspräsident – und parallel Chef der Beisheim Holding Schweiz. Er hat vier Kinder aus zwei Beziehungen, aber ein Familienleben ist kaum möglich: Anrufe um zwei Uhr morgens von Kollegen sind normal. „Wir waren auf einer Mission“, sagt Schoss. Die Mission, erfolgreich zu sein, schneller und besser als andere Internetbörsen. Schoss war ganz oben auf der Karriereleiter.

Sein ganzes Leben, der Erfolg, das Geld: All das schrumpft zusammen in diesem Moment im November 2002 in Südafrika. Schoss ist mit dem Motorrad entlang der Küste unterwegs. Der Himmel ist strahlend blau, die Straße auf den letzten Kilometern ihrer Tour schnurgerade. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn schert ein Betrunkener mit seinem Auto zum Überholen aus. Er sieht Schoss’ vorausfahrenden Freund, ihn selbst aber nicht.

160 Packungen Blut pumpten die Ärzte in ihn hinein

„Mein rechtes Bein war gleich auf der Straße weg, die Schulter herausgerissen, mein Integralhelm auf dem Autodach zerschmettert.“ Schoss sagt das abgeklärt und nüchtern, er hat es schon hunderte Male erzählt. Aber selbst in diesem Moment, am Wendepunkt seines Lebens, zwischen Leben und Tod, spricht er von Glück. Glück, dass eine der besten Privatkliniken des Landes nur sechs Minuten entfernt liegt. Glück, dass er den Integralhelm trug, weil er den schicken Halbhelm in der Eile nicht gefunden hatte. Und Glück, dass er eine häufige Blutgruppe hat – 160 Packungen Blut pumpen die Ärzte in ihn hinein.

Eine siebenstündige Operation rettet Schoss. Zunächst. Kurze Zeit später verfärbt sich der rechte Arm, die Ärzte nehmen ihn ab. Seine Niere versagt, Embolie im linken Lungenflügel. Als der rechte Lungenflügel kollabiert, wird es schwarz um ihn. Er denkt nicht an Umsatz, Mitarbeiter, den Unternehmenswert. Er fragt sich: „Habe ich genug geliebt? Was für ein Mann, Vater, Bruder, Freund bin ich gewesen?“ Sein Gesicht färbt sich rot, die Stimme bricht. „Obwohl meine Kinder nicht physisch da waren, kamen sie zu mir. Sie haben mir gezeigt, dass sie froh wären, wenn ich noch ein bisschen da bleiben würde.“

Schoss´ Prognose: ewiger Pflegefall

Wieso er es schafft, kann sich niemand erklären. Schoss glaubt, es war sein Wille. Acht Wochen nach dem Unfall wird er nach Zürich verlegt. Mit Nierenversagen, Hirn- und Lungenschaden. Die Prognose: ein ewiger Pflegefall. Seinen Posten im Unternehmen hatte längst ein anderer übernommen, Scout24 wird danach an die Telekom verkauft.

Mit sich selbst geht Schoss um wie mit einem Unternehmen. Ein Businessplan muss her, ohne Personal und Kapital, dafür mit klaren Zielen: stehen können. Von der Dialyse wegkommen. Mit der Prothese laufen lernen. Mit links schreiben.

Seine Frau kommt nicht damit klar, einen behinderten Mann zu haben. Sie trennen sich. Schoss kämpft weiter. Er lässt sich einen Internetzugang ins Zimmer legen und stellt fest: Es gibt keine Plattform für Menschen mit Behinderung. „Zu diesem Zeitpunkt war ich wahrscheinlich der einzige Mensch, der schwerstbehindert war und Erfahrung im Aufbau von Internetportalen hatte.“ Schoss gründet 2004 die Stiftung MyHandicap und richtet das gleichnamige Internetportal ein. Er schickt Botschafter zu Menschen, die gerade einen schweren Unfall hatten. Sie sollen ihnen zeigen, dass es Perspektiven gibt.

Schoss kann auch heute nicht ganz von seinem alten Leben lassen. Er hält Vorträge, wie an diesem Abend in Augsburg, sitzt in mehreren Aufsichtsräten und betreut die Stiftung. Aber, wie er sagt: „Wohldosiert. Die Familie steht für mich an erster Stelle.“ Er ist wieder verheiratet, die Mittwochnachmittage und jedes zweite Wochenende sind für seine Söhne reserviert. Er bereut sein erstes Leben nicht, das ihm heute nützlich ist – die Beziehungen, das Ansehen, sein Vermögen. Und er sagt: „Die Nahtoderfahrung war für mich ein großes Glück.“

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