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Interview
25.02.2021

ADAC-Präsident: "Ich bin ein sehr ruhiger und überlegter Fahrer"

Der ADAC-Präsident August Markl gibt am 12.12.2016 in München Bayern ein Interview in seinem Büro im Hauptsitz des ADAC. Foto: Tobias Hase/dpa
Foto: Tobias Hase

August Markl reiht sich auf der Autobahn gerne auf die rechte Spur ein. Der ADAC-Präsident erzählt, was er von einem Tempo-Limit und Elektro-Autos hält.

Herr Markl, Sie sind bereits als Medizin-Student in München zum ADAC gekommen. Das hatte etwas mit einem Renault R 4 zu tun.

August Markl: Ich bin und war vor allem in meiner Jugend ein großer Motorsportfreund. Ich habe damals mit meinem R 4 Orientierungsfahrten und kleine Rallys unternommen. Dafür habe ich in München einen Motorsport-Klub gegründet. Damals war es für uns ungemein wichtig, zugleich als Ortsklub des ADAC anerkannt zu werden. Um das zu erreichen, brauchte es 50 ADAC-Mitglieder. Wir haben also kräftig Mitglieder akquiriert, darunter meinen Vater und meinen Onkel, eben alles, was ging. Sogar meine Tante, die damals im Kloster war, wurde ADAC-Mitglied. Wir schafften es tatsächlich, ein ADAC-Ortsklub zu werden. So bin ich zum ADAC gekommen und langsam die Leiter bis hin zum Präsidentenamt im Jahr 2014 „hochgestiegen“.

Sie sind zum Retter in der schwersten Krise des ADAC aufgestiegen. Skandal folgte auf Skandal. Höhepunkt waren die frisierten Zahlen bei der Vergabe des ADAC-Autopreises „Gelber Engel“. Demnach hat der ausgezeichnete VW-Golf viel weniger Stimmen als behauptet bekommen. Was haben Sie damals gedacht?

Markl: Für mich ging eine Welt unter. Ich bin seit 50 Jahren ADAC-Mitglied und war immer in verschiedenen Positionen für den Verein tätig. Wir haben damals auch eine Menge Vertrauen eingebüßt und konnten 2014 kaum neue Mitglieder gewinnen, auch wenn sich die Kündigungen in Grenzen hielten. Umso wichtiger war es, dass wir mit einem so offenen Umgang auf die Manipulation reagierten: So ging es schon 2015 mit einem Plus von 230.000 Mitgliedern wieder bergauf. Inzwischen haben wir den ADAC so umgebaut, dass sich solche Manipulationen nicht mehr wiederholen können.

Haben Sie den Verein, der ja mit der Vergabe des Gelben Engels nicht den ersten Skandal erlebt hat, wirklich gründlich genug reformiert?

Markl: Wir haben nichts unter den Teppich gekehrt. Der ADAC hat nicht nur ein bisschen Kosmetik betrieben, sondern wir haben uns alle Vorgänge und alle Strukturen angeschaut. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes jeden Stein umgedreht. Ich bin dankbar, dass ich dabei breite Unterstützung innerhalb des ADAC bekam. Wir konnten die „Reform für Vertrauen“ konsequent umsetzen. Die Zeit war insgesamt nicht leicht und die Reform ein brutal hartes Stück Arbeit.

Das Präsidentenamt ist ja ein Ehrenamt. Warum haben Sie sich diese Herkulesarbeit angetan?

Markl: Das habe ich mich immer wieder einmal gefragt, denn natürlich war ich auch Kritik ausgesetzt. Aber es hat sich rentiert. Und ich habe – jenseits der Kritik – doch auch breite Unterstützung erfahren.

Fahren Sie schon ein Elektroauto oder warten Sie noch ab?

Markl: Ich fahre noch kein Elektroauto, überlege mir aber intensiv, ob ich eines anschaffen soll. Ich habe bisher immer mit der Reichweite gehadert. Aber die Fahrzeuge weisen ja jetzt immer höhere Reichweiten auf. Elektroautos faszinieren mich. Trotzdem kann die Elektromobilität nicht all unsere Probleme lösen, zumal wenn wir nicht genügend Strom aus regenerativer Energie für all die E-Fahrzeuge haben. Und bei der Produktion und bei der Entsorgung glänzen Elektroautos nun mal nicht mit einer guten Klima-Bilanz. Deswegen müssen wir uns technologieoffen weiterentwickeln.

Umfragen zeigen: Die Hälfte der ADAC-Mitglieder ist für ein Tempolimit. Die andere dagegen.
Foto: Peter Steffen, dpa

Mit Elektroautos kann man enorm schnell beschleunigen. Auf Autobahnen herrscht zum Teil das brutale Gesetz des Stärkeren. In der PS-Republik Deutschland wird gerast, was das Zeug hält. Ist nicht ein Tempo-Limit auf Autobahnen überfällig?

Markl: Umfragen zeigen, dass etwa die Hälfte unserer Mitglieder für ein Tempo-Limit auf Autobahnen ist und die Hälfte dagegen. Solange das so ist, werden wir sachlich informieren und zur Meinungsbildung beitragen, aber uns nicht in der einen oder anderen Richtung positionieren.

Und welche Meinung haben Sie nun?

Markl: Wir nehmen als ADAC eine neutrale Haltung zu dem Thema ein. Das kann in der Zukunft zur einen oder anderen Seite umschlagen.

Der ADAC ist also weder für noch gegen ein Tempo-Limit. Immerhin. Früher sprachen sich ADAC-Chefs klar gegen ein Tempo-Limit aus. Ex-ADAC-Präsident Franz Stadler propagierte ja noch in den 70er Jahren: „Freie Bürger fordern freie Fahrt.“

Markl: Diese alten Slogans gelten schon lange nicht mehr. Die Zeiten und damit auch der ADAC haben sich verändert. Wir hören auf unsere Mitglieder. Und deren Meinungen gehen in dieser Frage auseinander.

 

Wie schnell fahren Sie gerne auf der Autobahn?

Markl: Ich bin ein sehr ruhiger und überlegter Fahrer. Das ist sicher meinem Alter zuzuschreiben. Ich bin ja 72 Jahre alt. Früher bin ich sicher schon einmal flotter gefahren. Ich bin eher so ein Gleiter auf der Autobahn.

Doch entspanntes Gleiten funktioniert auf französischen, aber meist nicht auf deutschen Autobahnen. Da schießen Autos auf Einfahrten mit 140 raus und ziehen rasch rüber auf die linke Spur, wo voll durchgeknüppelt wird.

Markl: Ich bleibe beim Gleiten. Ich versuche, mich auf der rechten Autobahnspur mit entsprechendem Abstand an ein anderes Fahrzeug anzuhängen und schwimme im Strom mit.

Geschwindigkeitsbegrenzungen werden häufig ignoriert. Muss nicht strenger und effektiver kontrolliert werden?

Markl: Wo es Sinn macht, etwa vor Schulen, bei Baustellen auf Autobahnen oder schwierigen Fahrstücken, macht eine strengere Überwachung durchaus Sinn.

"Wer am Teuer mit dem Smartphone spielt gefährdet sich und andere", sagt der ADAC-Präsident August Markl.
Foto: Matthias Becker

Viele Menschen rasen nicht nur, sie bedienen auch noch parallel ihr Smartphone, was zu Todesfällen führt. Müsste hier nicht härter dagegen vorgegangen werden?

Markl: Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Das Handy am Steuer ist zu Recht verboten. Denn wer am Steuer mit dem Smartphone spielt, gefährdet nicht nur sich selbst, was schon schlimm genug ist. Solche Menschen gefährden ja auch das Leben anderer Verkehrsteilnehmer. Diese Menschen muss man vor sich selbst schützen und andere Verkehrsteilnehmer vor ihnen.

Zuletzt sorgten Unfälle von Senioren, die etwa mit ihrem Auto in Schaufenstern gelandet sind, für Furore. Muss man auch diese Fahrer mehr vor sich selbst schützen und regelmäßig ihre Fahrtauglichkeit prüfen?

Markl: Lassen Sie mich die Frage so beantworten: Ich würde mich jederzeit solchen Tests unterziehen. Im Moment werden solche Tests aber auf freiwilliger Basis angeboten. Auch der ADAC bietet sie an. Das sind doch gute Angebote. Gerade ältere Autofahrer sollten mit den eigenen Möglichkeiten selbstreflektiert umgehen und auch an Fahrsicherheitstrainings teilnehmen.

Wie hat Corona die Arbeit des ADAC verändert?

Markl: Unsere Pannenhelfer waren 2020 rund zehn Prozent weniger unterwegs als im Vorjahr. Aber unsere Pannenhelfer sind wichtiger denn je, ist doch die Aufrechterhaltung der Mobilität in Corona-Zeiten besonders wichtig. Deshalb haben wir uns als ADAC entschieden, dass Mitarbeiter aus systemrelevanten Berufen, also etwa Pflegerinnen und Pfleger, aber auch Arznei-Lieferanten die Dienste der ADAC-Pannenhilfe kostenlos in Anspruch nehmen können, auch wenn sie nicht bei uns Mitglied sind.

Ist die in den vergangenen Jahren positive Mitglieder-Entwicklung für den ADAC durch Corona jäh gestoppt worden?

Markl: Wir verzeichnen seit 2015 deutliche Mitgliederzuwächse. Von damals rund 19 Millionen stieg die Zahl auf über 21 Millionen im Jahr 2019. Die Corona-Krise stoppte diesen Aufwärtstrend, ein Wachstum gab es 2020 nicht. Wir haben jedoch nur 0,3 Prozent an Mitgliedern verloren und sind über der Marke von 21 Millionen geblieben. Natürlich hätten wir uns steigende Mitgliederzahlen gewünscht. Menschen legen aber in Corona-Zeiten eher Geld zurück – und natürlich waren sie wegen der Reisebeschränkungen viel weniger unterwegs. Das bekommt auch der ADAC zu spüren.

Doch ADAC-Mitglieder sind im Schnitt 50 Jahre alt. Nur 13 Prozent sind jünger als 30. ADAC-Finanz-Präsident Jens Kuhfuß fordert, „es muss wieder cool und hip sein, Mitglied im ADAC zu sein“. Wie kommt der Automobilklub an die Hipster ran?

Markl: Mein Kollege Kuhfuß hat recht. Wir müssen mehr junge Leute für den ADAC gewinnen. Das ist aber nicht nur eine Frage der Coolness, sondern auch eine Frage der Angebote für junge Leute. Wir dürfen also nicht altbacken und behäbig rüberkommen. Und das tun wir auch nicht. Wir sind über die sozialen Medien erreichbar, aber eben auch noch über das Telefon. Beim Durchschnittsalter muss man aber berücksichtigen, dass unsere Mitglieder sehr treu sind und im Schnitt 21 Jahre ADAC-Mitglied bleiben. Das ist ein super Wert.

Doch der Frauen-Wert im siebenköpfigen Präsidium ist nicht super. Dort sitzen nur Männer. Warum?

Markl: Eine Frau würde dem Präsidium sicher guttun und wäre mehr als zeitgemäß. Allerdings muss sich dazu eine Frau auch bereit erklären, ein solches Ehrenamt beim ADAC auszuüben. Wir würden es uns wünschen.

Wie geht es dem ADAC wirtschaftlich? Der Verein hat von 2017 bis 2019 operativ rote Zahlen geschrieben. Haben Sie Ihr Ziel erreicht, zumindest eine schwarze Null einzufahren?

Markl: Wir haben das Ziel erreicht. Im Jahr 2020 haben wir operativ positive Zahlen geschrieben. Dazu mussten wir ein ambitioniertes Effizienzprogramm umsetzen und unsere Mitgliedsbeiträge moderat erhöhen.

BMW-Chef Oliver Zipse glaubt ja, dass gerade in Corona-Zeiten das Auto als beschützter Raum enorm an Bedeutung gewonnen hat.

Markl: Diesen Trend sehe ich auch: Das Auto verliert nicht an Bedeutung, wie das einige Experten vorhergesagt haben. Das Auto wird in der Pandemie eher wichtiger, weil ich hier von A nach B kommen kann, ohne mich anzustecken. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der ADAC befürwortet den öffentlichen Personennahverkehr. Nur ist es dort derzeit schwieriger als bei Fahrten mit dem eigenen Auto, sich vor Ansteckungen zu schützen. Deswegen fahren die Menschen auch auf kürzeren Strecken wieder mehr mit ihren Autos. Dort fühlen sie sich sicherer.

Der ADAC ist jetzt auch im Schlüsseldienstgeschäft tätig
Foto: Holger Hollemann, dpa

Der ADAC ist auch in die Schlüsseldienst-Branche eingestiegen. Der Markt ist doch ziemlich eng besetzt.

Markl: Es gibt zahlreiche Anbieter, aber auch erhebliche Intransparenz. Einige Schlüsseldienste zocken Verbraucher regelrecht ab. Der ADAC genießt hohes Vertrauen. Deshalb bieten wir nun in einigen Städten, darunter in Bayern vorerst nur in München, einen Schlüsseldienst an. So können sich Menschen, die sich in ihren Wohnungen oder Häusern ausgesperrt haben, an den ADAC wenden – zu fairen und vor allem transparenten Preisen. Diesen Service auch für Nichtmitglieder wollen wir perspektivisch auf noch viele weitere Städte ausdehnen.

Doch ADAC und Schlüsseldienst, das passt doch nicht zusammen?

Markl: Doch, denn wenn jemand nicht sein Haus oder seine Wohnung öffnen kann, wird seine Mobilität eingeschränkt. Und wir sind ein Mobilitätsverein. Außerdem fügt sich der Service wunderbar in unser Profil als Helfer.

Wäre es dann nicht sinnvoller, die Gelben Engel würden auch ausschwirren, wenn der Akku bei E-Bike-Fahrern leer ist und es weit und breit keine Lademöglichkeit gibt?

Markl: Für Pedelecs, bei denen Radler ab 6 Stundenkilometern selbst in die Pedale treten müssen, bieten wir diesen Service schon heute für Mitglieder an. Bei E-Bikes, bei denen man nicht zwingend in die Pedale treten muss, allerdings aus Kostengründen nicht. Doch unsere Pannenhelfer, die Autos wieder flott machen, kommen in Städten wie Köln und Bonn zum Teil schon mit dem E-Bike. Da sind sie manchmal schneller als mit dem Auto am Ziel.

Mit der Hauptversammlung im Mai treten Sie als ADAC-Präsident ab. Hinterlassen Sie den Verein in einem besseren Zustand, als Sie ihn vorgefunden haben?

Markl: Ohne überheblich zu klingen, kann ich das für mich in Anspruch nehmen. Ich hoffe, dass der ADAC nie wieder in den Zustand verfällt, in dem ich den Verein übernommen habe. Ich habe als ADAC-Präsident viel gelernt und viele interessante Menschen kennengelernt. Ich konnte den ADAC weiterbringen. Ich kann jetzt ein gut bestelltes Haus an meinen Nachfolger übergeben. Nun freue ich mich darauf, dass ich mich ab Mai wieder mehr meinen Hobbys, also der Fotografie und der Kunst, widmen kann. Vor allem freue ich mich aber darauf, wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können.

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25.02.2021

"technologieoffen in die Zukunft", "kein Tempolimit, weil die Hälfte der Mitglieder dagegen ist", keine wirklich großen Ideen zum Verkehr der Zukunft :
Der ADAC präsentiert sich nach wie vor als eine Organisation des 20. Jahrhunderts.

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