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Interview
29.09.2016

Bankexperte: Niedrige Zinsen für Bauherren gefährlich

Die niedrigen Zinsen ermutigen viele Menschen, in Immobilien zu investieren. Steigen die Zinsen wieder, könnten aber einige in der Schuldenfalle landen.
Foto: Arne Dedert/dpa

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist ein hartnäckiger Kritiker der EZB. Er fordert eine andere Geldpolitik – und warnt vor einer Immobilienblase in Deutschland.

Herr Krämer, Sie sitzen im EZB-Schattenrat. Dort simulieren sie mit Volkswirten aus ganz Europa regelmäßig Sitzungen der Europäischen Zentralbank. Haben Sie da mit der Zeit ein wenig Verständnis für den viel kritisierten Mario Draghi entwickelt?

Jörg Krämer: Nein, im Gegenteil. Ich kann mir jetzt eher vorstellen, wie sich Bundesbank-Chef Jens Weidmann fühlen muss. Denn kritische Positionen sind im EZB-Schattenrat – wie auch im echten Gremium – unterrepräsentiert. Da erfährt man, wie es sich anfühlt, mit seiner Meinung ein Außenseiter zu sein.

Sie stören sich vor allem an der lockeren Geldpolitik der EZB. Warum?

Krämer: Ein Beispiel: Die Staatsschulden Italiens betragen fast 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Zinsen darauf kann der italienische Staat nur deshalb relativ geräuschlos zahlen, weil die Europäische Zentralbank durch ihre Negativzinspolitik die Renditen italienischer Staatsanleihen massiv gesenkt hat. Dadurch nimmt die EZB aber auch den Druck von der Regierung, ihre Hausarbeiten zu machen. Italien konnte es sich unter dem Schutz der Europäischen Zentralbank leisten, weitgehend auf tief greifende Wirtschaftsreformen zu verzichten.

Wie konnte es so weit kommen?

Krämer: Die Europäische Zentralbank hat im Mai 2010 auf Druck der Finanzminister beschlossen, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Dadurch hat die Politik erfahren, dass die EZB ihr aus der Patsche hilft. Seitdem ist die Europäische Zentralbank am Haken der Politik und faktisch nicht mehr so unabhängig, wie sie es rechtlich sein sollte.

Commerzbank-Chefvolkswirt fordert von der EZB eine neue Strategie

Was wäre die Lösung?

Krämer: Die EZB muss ihren Handlungsspielraum schrittweise zurückgewinnen. Wichtig wäre es, dass sie eine andere geldpolitische Strategie einschlägt – und nicht mehr gegen die mittelfristig unvermeidlich niedrige Inflation ankämpft. Denn das befördert nur neue Blasen an den Finanz- und Häusermärkten. Stattdessen sollte sie ihre Geldpolitik an den langfristigen Stabilitätsrisiken ausrichten, wobei sie zu stark steigenden Wertpapier- oder Häuserpreisen frühzeitig entgegenwirken sollte. Eine solche geldpolitische Strategie würde wohl nicht mehr zu negativen Leitzinsen führen und nebenbei den Druck auf die hoch verschuldeten Länder erhöhen, endlich ihre Hausarbeiten zu machen.

Wie realistisch ist ein Strategiewechsel?

Krämer: Leider ändert die Europäische Zentralbank ihre Strategie nicht, sondern intensiviert sie eher. In anderen Worten: Doktor Draghi verordnet mehr und erhöht die Dosis, statt über eine andere Medikation nachzudenken.

Nehmen wir den deutschen Immobilienmarkt. Wohin führt die lockere Geldpolitik der EZB dort?

Krämer: Ich glaube, wir haben noch keine Blase an den deutschen Immobilienmärkten, auch nicht in den Großstädten. Zwar steigen die Immobilienpreise recht stark. Bisher wurde das aber weitgehend durch die sinkenden Hypothekenzinsen kompensiert. Aber die Zinsen können nicht weiter so stark fallen wie in den zurückliegenden Jahren. Das Risiko, dass wir in ein paar Jahren eine Übertreibung am deutschen Immobilienmarkt bekommen, ist also real.

Lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten?

Krämer: Natürlich ergreift die Politik Gegenmaßnahmen, um solche Blasen zu verhindern. Aber im Kampf gegen die extrem lockere Geldpolitik tut sie sich schwer. Das lässt sich mit dem Druck auf einen Damm vergleichen. Die Niedrigzinspolitik ist wie das Wasser, das auf den Damm drückt. Die Gegenmaßnahmen der Politik wirken wie Schotten, die in den Damm eingezogen werden. Das Wasser sucht sich aber oft trotzdem seinen Weg.

Kann in Deutschland der Immobilienmarkt zusammenbrechen wie in den USA?

In den USA hing die Krise am Häusermarkt eng mit den Verschuldungsexzessen vieler Amerikaner zusammen. Ist so etwas auch hier zu befürchten?

Krämer: Wir Deutschen stehen einer Verschuldung grundsätzlich vorsichtig gegenüber. Sie merken das ja schon an dem Begriff: Im Deutschen heißt es „schuldig sein“ und „Schulden“. Im Englischen gibt es diesen gleichen Wortstamm nicht. Auf der anderen Seite muss man aber auch sagen, dass dauerhaft niedrige Zinsen Menschen verführen können. Sie nehmen dann Schulden auf, die sie irgendwann nicht mehr bedienen können – nämlich dann, wenn die Zinsen nicht mehr so niedrig sind. Wir hatten auch in Deutschland schon Immobilienbooms, zum Beispiel nach der deutschen Einheit. Der Deutsche ist also nicht vollständig davor gefeit.

Noch einmal zurück zur Geldpolitik der EZB. Profitiert die deutsche Konjunktur im Moment nicht auch von den niedrigen Zinsen?

Krämer: Die niedrigen Zinsen schaffen ein angenehmes Umfeld, in dem die Beschäftigung und die Löhne steigen. Die Menschen geben ihr Geld gern aus, denn auf dem Konto bekommen sie dafür nicht viel. Diese Beschleunigung des privaten Verbrauchs kompensiert, dass der Export gewaltig an Schwung verloren hat. Wir steuern in diesem Jahr deshalb auf ein für deutsche Verhältnisse recht hohes Wirtschaftswachstum von geschätzten 1,8 Prozent zu. Allerdings höre ich von Unternehmern öfter, dass sie sich Sorgen machen, dass es unter dieser glänzenden Oberfläche zu einigen Fehlentwicklungen kommt.

Welche Probleme sprechen Sie damit an?

Krämer: Zum Beispiel, dass die Produktivität kaum noch steigt und nicht mehr Schritt hält mit dem Anstieg der Löhne. Die Produktion wird also teurer. Dadurch hat die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Firmen begonnen zu erodieren – auch wenn sie immer noch gut ist.

Kann auch der Brexit den Aufschwung in Deutschland gefährden?

Krämer: Ich habe nicht zu denen gehört, die an dem Morgen nach dem Brexit-Votum in politisch korrekte Schnappatmung verfallen sind. Ich war stattdessen relativ entspannt und bin es nach wie vor. Und die Daten geben mir recht: Die britische Konjunktur ist nicht eingebrochen. Mittlerweile beginnen auch die Ersten zu erkennen, dass darin durchaus Chancen liegen – nicht nur für Großbritannien, sondern auch die EU. Denn sie ist gezwungen, darüber nachzudenken, wie sie sich attraktiver machen kann. Wenn der Brexit vernünftig gemanagt wird, kann er auch Nutzen stiften.

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