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Interview
27.04.2021

Chipmangel: „Die große Abhängigkeit von Asien bleibt schwierig“

Begehrt wie lange nicht: Computerchips. Der Mangel daran lässt in Deutschland schon wieder Fabrikbänder stillstehen.
Foto: Matthias Balk, dpa (Symbolbild)

Die Ifo-Expertin Anita Wölfl erklärt, warum der Chipmangel ein langfristiges Problem werden könnte – und was dagegen zu tun ist.

Der Chipmangel lässt schon wieder – in deutschen Fabriken die Bänder stillstehen. Wann werden sich diese Probleme für die Industrie dauerhaft erledigt haben?

Anita Wölfl: Hier muss man die gesamte Wertschöpfungskette der Halbleiterproduktion von den nötigen Rohstoffen bis hin zur Investitions- und Konsumnachfrage im Blick haben - und da bestehen auf mehreren Stufen aktuelle und potenzielle Probleme. An manchen wird schon gearbeitet, das heißt, Autohersteller und Zulieferer passen ihre Lieferbeziehungen und Produktionskapazitäten an, und Chiphersteller versuchen mit Simulationsmodellen für die Lieferketten der Halbleiter besser auf die Marktmechanismen reagieren zu können.

Und was wird sich nicht so schnell beheben lassen?

Wölfl: Das Stichwort lautet hier Silizium, die erste Stufe in der Wertschöpfungskette für Chips. Bei den aktuellen Strukturen kann es auch in Zukunft immer wieder zu Engpässen kommen. Die Deutsche Rohstoffagentur ordnet Silizium, vor allem aufgrund der hohen regionalen Konzentration der Produktion von 60 Prozent alleine in China, in die Gruppe der Rohstoffe mit den höchsten Preis- und Lieferrisiken ein.

Welche Fehler hat die Autoindustrie bei der Chip-Bestellung gemacht?

Wölfl: Ende Januar 2020 legte Corona die Autoindustrie in China lahm, im März und April 2020 folgten Europa und die USA. Allerdings konnte die Produktion zügig wieder hochgefahren werden, vor allem dank des chinesischen Markts, der überraschend schnell und stark wieder expandierte. Das hat die Automobilbranche wohl unterschätzt: manche Firmen haben also im Frühjahr 2020 bei ihren Hauptzulieferern weniger Mikrochips in Auftrag gegeben. Die Chipproduzenten haben auf andere Nachfrager umgeschwenkt und konnten die Nachfrage der Automobilbranche dann nicht mehr kurzfristig bedienen – zumal die Automobilbranche nur eine von vielen Abnehmerbranchen ist. Nach Angaben des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie nahm 2019 der Automotive-Bereich gerade einmal acht Prozent des Halbleitermarkts ein. Die größte Abnehmerbranche ist die Kommunikationstechnik.

Was lief noch verkehrt?

Wölfl: Erschwerend kommt hinzu, dass die Automobilbranche einen der wesentlichen Nachfragetreiber in dem Prozess, die Elektromobilität, zu lange unterschätzt hat. Deutschland hinkte, was Elektrofahrzeuge anbelangt, im internationalen Vergleich immer weiter hinterher. Seit Juni 2020 kommt es jedoch nun zu einem staatlich geförderten Boom nach Elektrofahrzeugen, sowohl reine Elektro- wie auch Plug-In- Fahrzeuge.

Wo genau liegt die Ursache für die derzeitigen Lieferengpässe?

Wölfl: Für Deutschland und Europa bleibt die große Abhängigkeit von Asien schwierig. Hinzu kommt, dass aus Kostengründen die Chiphersteller ihre Kapazitäten weitestgehend auslasten müssen, um ihre Anlagen wirtschaftlich betreiben zu können. Wenn Aufträge ausbleiben, müssen die Chiphersteller ihre Fertigungslinien entsprechend anpassen und können nicht auf Aufträge einzelner Branchen – wie etwa der zu Beginn der Corona-Krise runtergefahrenen Automobilbranche – warten. Wissen muss man auch: Die Halbleiterfertigung hat lange Vorlaufzeiten. Selbst bei einer reibungsfreien Lieferkette dauert es mehrere Wochen, bis ein fertiger Mikrochip ausgeliefert werden kann.

Anita Wölfl ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Fachreferentin im Ifo-Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien.
Foto: Romy Vinogradova, ifo-Institut

Und die weltweit stark steigende Nachfrage nach Halbleitern verschärft das Problem?

Wölfl: Ja. Denn die Welt digitalisiert sich immer schneller. Gerade die Autoindustrie mit den Megatrends Elektromobilität, autonomes und vernetztes Fahren ist ein gutes Beispiel. Aber auch im Bereich der erneuerbaren Energien werden Halbleiter immer mehr zum A und O. Dann hat die Corona-Krise – Stichwort Homeoffice – einen zusätzlichen Boom in der Kommunikationstechnik und der Unterhaltungselektronik ausgelöst. Schließlich gibt es coronabedingte zusätzliche Nachfrage nach Halbleitern in der Medizintechnik.

Ist Europa im globalen Wettbewerb in Sachen Halbleiter ausreichend aufgestellt?

Wölfl: Auf dem Weltmarkt mit Halbleitern ist Europa mit etwas mehr als acht Prozent tatsächlich ein relativ kleiner Player; 70 Prozent des Weltmarktes nimmt Asien ein, darunter China alleine 34 Prozent. Auch hinsichtlich der Innovationstätigkeit fällt Deutschland und Europa hinter den USA und China zurück, zumindest wenn man die gesamte Branche der Computer-, Elektronik- und Optik-Branche anschaut.

Tun Bundesregierung und die EU genug, um hier aufzuholen?

Wölfl: Deutschland und die EU investieren seit ein paar Jahren hohe Summen in die Mikroelektronik. Beispiel: das „Important Project of Common European Interest (IPCEI) on Microelectronics“, bei dem das Bundeswirtschaftsministerium 18 deutsche Unternehmen dabei unterstützt, leistungsfähige und energieeffiziente Mikroelektronikkomponenten bis zum Start der Massenproduktion zu entwickeln. Bis 2022 sollen so Innovationen in Höhe von insgesamt bis zu 3,6 Milliarden Euro bundesweit umgesetzt werden. Das Bundeswirtschaftsministerium beteiligt sich mit bis zu einer Milliarde Euro daran.

Und reicht das?

Wölfl: Ich denke, es ist ein wichtiges Signal. Und manchmal kommt es auch nicht unbedingt nur auf die Masse an. Denn schon jetzt arbeiten einige europäische Unternehmen sowohl bei Automobilzulieferern wie auch Halbleiterherstellern an spezifischen Technologien, Architekturen oder besonders leistungsfähigen Halbleitern, also an Lösungen, mit denen sie führende Positionen einnehmen können.

Anita Wölfl ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Fachreferentin im Ifo-Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien.

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