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Interview
20.07.2019

Handwerkspräsident Rauch: "Die Politik hat vieles verschlafen"

Rauch fordert eine bessere Förderung von Hausmodernisierungen.
Foto: Handwerkskammer für Schwaben

Exklusiv Ob Flüchtlinge oder Klimaschutz: Hans-Peter Rauch wirft Bayerns Politik vor, nicht auf das Handwerk zu hören. Statt mit der CSU will er mit den Freien Wählern reden.

Herr Rauch, weshalb hatten Sie sich für eine zweite Amtszeit beworben?

Hans-Peter Rauch: Wenn ich mir Ziele setze, will ich sie auch zum Erfolg bringen. Wer seine erste Amtszeit beginnt, muss sich erst einleben, Kontakte knüpfen und Netzwerke aufbauen. Jetzt in meiner zweiten Amtszeit kann ich vom ersten Tag an Gas geben.

Wo wollen Sie Gas geben?

Rauch: Wir haben in den vergangenen Jahren viel angestoßen. Mein Ehrgeiz ist es, in Augsburg im nächsten Jahr Deutschlands modernstes Berufsbildungs- und Technologiezentrum für die Ausbildung junger Leute zu eröffnen, für das wir rund 50 Millionen Euro investiert haben. Ich bin aber auch ein Mensch, der dranbleibt, wenn er provoziert wird. Und das macht derzeit die Politik mit uns.

Woher kommt Ihr Ärger mit der Politik?

Rauch: Wir Handwerker sprechen Themen an, doch keiner in der Politik reagiert. Bis plötzlich die Hütte brennt, weil man vieles verschlafen hat. Das war bei der Integration der Flüchtlinge so. Und das ist beim Klimaschutz so: Seit Jahren fordern wir die steuerliche Absetzbarkeit von Hausmodernisierungen. Energie, die nicht verbraucht wird, ist doch der beste Klimaschutz überhaupt. Obendrein stützt man damit die heimische Wirtschaft. Jeder Euro Förderung stößt Investitionen von sieben Euro an. Hausbesitzer können ihr Eigenheim fit für die Zukunft machen, während sie auf der Bank keinen Zins für ihr Geld mehr bekommen. Jedem wird also geholfen. Die Politik muss die Förderung der energetischen Gebäudesanierung endlich auf den Weg bringen! Dass das in der Politik niemand kapiert, bringt mich auf die Palme.

Die Freien Wähler besetzen heute für das Handwerk zentrale Ressorts

Wen wollen Sie in der Politik wachrütteln?

Rauch: Wir hatten bisher in Bayern immer nur mit einer Partei zu tun. Sprechen wir sie aus: die CSU. Seit der letzten Landtagswahl hat sich die Situation geändert. Mit dem Kultusministerium und dem Wirtschaftsministerium besetzen jetzt die Freien Wähler für das Handwerk zentrale Ressorts. Klar, dass wir jetzt unsere Prioritäten auch in Richtung der Freien Wähler leiten.

Welche Projekte haben Sie sich für Ihre Amtszeit noch vorgenommen?

Rauch: Ein großes Thema ist die Aus- und Weiterbildung. Die Berufswelt ist in einem tief greifenden Wandel. Die Digitalisierung ist in vollem Gang, und das Handwerk ist mittendrin. Das betrifft nicht nur junge Leute in Ausbildung. Gestandene Handwerkerinnen und Handwerker, die heute im Berufsleben sind, aber noch nie mit digitalen Techniken befasst waren, müssen fit für diese neuen Techniken gemacht werden. Hier darf niemand zurückbleiben. Und auch in den Unternehmen muss die Digitalisierung entwickelt und vorangetrieben werden. Ein weiteres großes Thema ist für mich, Nachwuchskräfte zu gewinnen. Wir müssen deutlich machen, dass die duale Ausbildung ein Wert an sich ist.

Hat die Ausbildung Ihrer Meinung nach immer noch ein Imageproblem?

Rauch: Es gibt meines Erachtens immer noch Familien, in denen die Eltern mit Scham reagieren, weil die Kinder Bäcker, Metzger oder Bauarbeiter werden wollen. Dieses Vorurteil muss weg! Handwerkspraktika im Gymnasium müssen deshalb verpflichtend werden. Wir haben es geschafft, dass in den Gymnasien seit kurzem eine Berufsorientierung im Handwerk angeboten wird. Der Erfolg gibt uns recht: Früher waren vier Prozent der Azubis Abiturienten, heute sind es neun Prozent.

Brauchen Sie nicht neue Abschlüsse im Handwerk für die digitale Zukunft? FDP-Politiker Thomas Sattelberger hat einmal einen „Drohnentechniker“ vorgeschlagen...

Rauch: Wir brauchen sicher keinen spezialisierten Drohnentechniker. Die Qualifikation könnte aber eine Spezialisierung in der Ausbildung zum Elektrotechniker sein. Tatsache ist, dass sich unsere Berufsbilder rasant ändern. Hier müssen wir schneller reagieren und sie anpassen.

Schwabens Handwerkspräsident Hans-Peter Rauch glaubt, dass Unternehmen generell nicht mehr wertgeschätzt werden.
Foto: Ulrich Wagner
 

Bildungsministerin Anja Karliczek hat vorgeschlagen, den Meister zum „Bachelor Professional“ fortzuentwickeln. Das wäre doch auch ein Schritt zur Modernisierung, oder?

Rauch: Das ist für uns kein Thema. Der Meister ist das höchste Gut im Handwerk. Es muss bei dieser Bezeichnung bleiben. Nicht alles muss Europa angepasst werden.

Ein anderes Thema: In Ingolstadt weigert sich ein Fliesenleger inzwischen, Aufträge von Audi-Ingenieuren anzunehmen, weil diese am Ende jede Fuge nachmessen und sich unfair verhalten, sagt er. Fehlt Ihnen die Wertschätzung im Handwerk?

Rauch: Ich denke, dass Unternehmer generell nicht mehr wertgeschätzt werden. Unternehmer werden als Ausbeuter, als potenzielle Gesetzesbrecher gesehen und mit Vorschriften überfrachtet. Dass sie anderen Menschen Arbeit geben und Risiken auf sich nehmen, sieht man nicht. Ja, viele Handwerksmeister werden nicht so wertgeschätzt, wie es sich gehört.

Sie sind ja Metzgermeister. Würden Sie manchen Leuten also auch keine Wurst mehr verkaufen?

Rauch: Wenn sie mein Produkt schlecht machen würden, dann ja.

Sind Sie in Ihrem Betrieb eigentlich bei aller Arbeit noch selbst aktiv?

Rauch: Ja, klar! Das ist mir sehr wichtig. Nach meiner Wahl zum Präsidenten bin ich zum Beispiel am nächsten Morgen um sechs Uhr zu einem Landwirt gefahren, um ein Tier abzuholen. Es ist mir wichtig, weiter von der Praxis Ahnung zu haben.

Eine Metzgerei zu betreiben, ist inzwischen etwas Besonderes. Es gibt viele Bäckereien und Metzgereien, die aufhören und keinen Nachfolger finden. Was steht uns da noch bevor?

Rauch: Wenn die letzten unabhängigen Bäcker aufhören, werden die Großbäckereien und Filialisten noch größer. Damit geht Vielfalt an Backwaren und Wissen verloren. Es wird auch weniger Lehrlinge geben: 60 kleine Metzgereien bilden vielleicht zusammen 60 Lehrlinge aus. Ein größerer Betrieb bildet vielleicht statt einem zwei Lehrlinge aus. Wenn es aber nur zehn größere Betriebe gibt, führt dies nur zu 20 Fachkräften.

Abiturienten interessieren sich selten für den Beruf des Metzgers

Die Ausbildungszahlen haben sich in Schwaben stabilisiert, mehr junge Leute beginnen eine Lehre. Heißt das, dass Bäckereien, Metzgereien oder Sanitärberufe davon nicht profitieren?

Rauch: Metzgereien und Bäckereien sind leider nicht die typischen Berufe, für die sich zum Beispiel Abiturienten interessieren. Man weiß zu wenig, dass man dort auch Karriere machen kann! Wer sich für Lebensmittel interessiert, kann zum Beispiel erst eine Lehre machen und später ein Studium der Lebensmitteltechnologie anhängen.

Müssten nicht auch die Löhne steigen?

Rauch: Nach den Lohnerhöhungen der letzten Jahre ist das Handwerk bei den Löhnen gut dabei. Das gilt auch für die Ausbildung. Die Industrie zahlt zwar gut. Wenn die Auftragslage dort aber schlecht ist, sind Stellen viel schneller gefährdet. Das wird es im Handwerk nicht geben: In unseren Familienunternehmen sind Mitarbeiter nicht nur eine Nummer.

Verstehen Sie den Ärger der Leute, die auf das Handwerk schimpfen, weil sie keinen Handwerker bekommen?

Rauch: Ja sicher! Die Betriebe sind voll ausgelastet. Aber sie haben zu wenig Fachkräfte, um alle Aufträge schnell ausführen zu können. Das ist unser größtes Problem. Seine Stammkunden wird kein Handwerker hängen lassen. Doch wer in der Regel beim Möbeldiscounter kauft, muss sich nicht wundern, wenn der Schreiner nicht sofort vor der Türe steht. Notfälle wird aber jeder Betrieb schnell bearbeiten, da bin ich mir sicher.

Zuletzt lief es für das Handwerk brillant. Merken Sie inzwischen die abkühlende Konjunktur?

Rauch: Wenn wir mehr Mitarbeiter hätten, könnten wir im Handwerk noch mehr Aufträge annehmen. Arbeit ist also genug da. Wir merken aber, dass zum Beispiel die Industrie vorsichtiger wird bei der Auftragsvergabe an das Handwerk. Unsere Betriebe spüren konjunkturelle Bewegungen meist mit zwei Jahre Verzögerung.

Eine letzte Frage: Könnten Sie sich auch noch eine dritte Amtszeit vorstellen?

Rauch: Ich bin jetzt 57, in fünf Jahren wäre ich 62. Da ist man noch nicht im Ruhestandsalter. Aber jetzt packen wir erst einmal die nächsten fünf Jahre an! Über die Zeit danach muss man jetzt noch nicht reden.

Zur Person: Hans-Peter Rauch Der 57-Jährige ist Metzgermeister aus Waltenhofen im Allgäu. Diesen Monat ist er für eine zweite Amtszeit als Präsident der Handwerkskammer für Schwaben wiedergewählt worden.

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