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Interview
24.08.2015

Kommt jetzt die große Wirtschaftskrise auf uns zu?

Die Aktienkurse fallen weltweit.
Foto: Justin Lane dpa

Die Weltwirtschaft krankt an vielen Stellen. Finanzexperte Professor Max Otte erklärt, was Deutschland nun tun sollte, um eine große Krise zu verhindern.

Herr Professor Otte, weltweit fallen die Aktienkurse, der Dax steht erstmals seit Januar wieder unter 10000 Punkten. Sind das Anzeichen einer neuen Wirtschaftskrise?

Max Otte: Meine Sorgen sind so groß wie zuletzt im Herbst 2008. Damals hatten wir eine klare Ursache: ein drohender Kollaps des Finanzsystems, sozusagen ein Schock des zentralen Nervensystems. Das haben wir mit viel Geld bekämpft. Diesmal ist es so, dass es viele mittlere, chronische Krankheiten sind, die zusammenkommen: die Probleme in China, die Probleme in Brasilien und anderen aufstrebenden Märkten, die depressionsähnliche Situation in Südeuropa, der Wirtschaftskrieg des Westens in Russland. Aber auch die großen Industrienationen Deutschland, Japan und USA sind aus der Schuldenkrise noch nicht wirklich raus. Wenn all das zusammenkommt, dann kann das sehr gefährlich werden.

"Wir müssen die schleichende Enteigung der Bürger stoppen"

Wie gefährlich ist die Lage wirklich für die deutsche Wirtschaft?

Otte: Deutschland steht relativ gut da. Aber Deutschland hängt mehr als jedes andere große Land an der Weltwirtschaft, mehr als Japan oder China. Wenn diese Vielzahl von Problemen zum Absturz der Weltwirtschaft führt, dann trifft das Deutschland sofort. Wir haben das gesehen, als der deutsche Export 2009 brutal eingebrochen ist nach der Finanzkrise.

In den vergangenen Jahren waren Kursrückgänge im Sommer beim Dax nichts Ungewöhnliches. Gibt es diesmal konkrete Bedrohungen?

Otte: An sich gebe ich nicht viel auf solche Kursschwankungen, aber in Kombination mit den vielfältigen realen Problemen, die die Weltwirtschaft im Moment hat, kann das der Auslöser einer größeren Krise sein. Wir wollen es nicht hoffen, aber ich schließe das nicht aus.

Was läuft in der Weltwirtschaft derzeit schief?

Otte: Alles. Wir haben die Chance nach 2008 nicht genutzt, wir haben uns mit dem billigen Geld der Notenbanken Zeit erkauft durch eine fast staatswirtschaftliche Politik. Wir haben Geld gedruckt, wir haben schleichende Enteignung der Mittelschicht betrieben, nur um irgendwie die Schulden zu bedienen und die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Das hat eine Weile funktioniert, aber jetzt kommt diese falsche Politik an ihr Ende und wir bekommen die Quittung. Ich sehe im Moment wenige Ansätze für Hoffnung.

Börsenexperte Max Otte.
Foto: Fred Schöllhorn

Trägt die Niedrigzinspolitik eine Mitschuld an der Entwicklung?

Otte: Die Niedrigzinspolitik war das bequeme Sofortmittel, um den Absturz 2008 zu verhindern. Aber sie hat nichts dafür getan, die Weltwirtschaft strukturell zu verbessern. Mit niedrigen Zinsen kann ich vielleicht eine Zeit lang noch falsches Wachstum generieren. Aber richtiges Wachstum kommt durch Innovationen, durch Unternehmer, durch neue Technologien.

Die US-Notenbank hat angedeutet, im September oder Dezember die Zinsen wieder zu erhöhen. Was würde dann passieren?

Otte: Dieser Schritt steht schon seit zwei Jahren im Raum. Wenn die Notenbankchefin Janet Yellen das in dieser Situation machen würde, wäre das ein weiterer Schock. Deswegen glaube ich nicht, dass das tatsächlich kommt.

Was wären stattdessen die richtigen Schritte?

Otte: Das bisherige Zaubermittel, das schnelle Gelddrucken der Notenbanken, hat sich verbraucht. Jetzt müsste man an das langwierige, zähe Reformhandwerk gehen. Wir müssen weg von der Förderung der Großkonzerne hin zur Förderung des Mittelstandes. Die deutschen Parteien führen zwar fast alle den Mittelstand im Programm, aber letztlich hängen sie an den Großkonzernen. Wir müssen Innovationspolitik machen, wir müssen die schleichende Enteignung der Bürger stoppen, wir müssen wieder mehr Rechtssicherheit schaffen, wir müssen an der Ausbildung für unsere Kinder etwas machen. Es sind viele Investitionen, die notwendig sind, die auch erst mittel- bis langfristig Erfolg zeigen werden.

Niedrige Zinsen, sinkende Aktienkurse, unattraktive Lebensversicherungen – kann ich in diesen Zeiten mein Geld überhaupt noch sinnvoll anlegen?

Otte: Wir haben eine riesige Verunsicherung bei Anlegern. Das normale Sparbuch, die Lebensversicherung und auch das Einfamilienhaus funktionieren nicht mehr. Generell gilt: Sachwerte sind dem reinen Geldvermögen vorzuziehen. Vernünftige Aktienfonds, vernünftige Immobilien und vielleicht auch ein bisschen Gold sind der Lebensversicherung und dem Kontoguthaben der Riesterrente vorzuziehen.

Bleiben Aktien noch eine interessante Anlagemöglichkeit?

Otte: Je billiger die Aktien werden, desto interessanter werden sie. Die Leute sehen das immer falsch. Wenn die Aktienkurse fallen, dann bekommen sie Angst. Aber eigentlich heißt das: Es ist gerade Ausverkauf an der Börse. Und beim Ausverkauf schaut man ja mal genauer hin. Aktienfonds sind jetzt eigentlich interessanter als vorher, weil man sie billiger kaufen kann. Beispiel Allianz: Die Aktie war bei 170 Euro im April, jetzt ist sie bei 135. Das ist dieselbe Allianz, aber da zahle ich doch lieber 135 Euro als 170 – und bekomme 5 Prozent Dividende jedes Jahr.

Max Otte, 50, ist Autor mehrerer Ratgeber. Er hat eine Professur in Graz.

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