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Augsburg

20.11.2019

Job-Messe: Brauchen wir noch mehr Akademiker? 

Immer mehr Akademiker kommen von deutschen Universitäten und wollen im Berufsleben Fuß fassen. In einigen Branchen fällt es ihnen leichter, in anderen schwer.
Foto: Elisa Glöckner

In Deutschland studierten noch nie so viele Menschen wie heute. Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt? Ein Besuch auf der Job-Messe Akademika in Augsburg.

Direkt am Eingang von Halle 7 hat sich der Lebensmittel-Discounter Norma eingerichtet, gegenüber die Molkerei Ehrmann. Ein paar Meter weiter steht der Stand der Bundesagentur für Arbeit und auch Check24 hat ein Sammelsurium an Info-Material für die Messe-Besucher der Akademika ausgelegt. Gerüstet mit Kugelschreibern, Schokolade und Jobangeboten suchen die Unternehmen nach Studenten, Absolventen und Promovierenden. Nach kompetentem Personal eben. Kann das in einer Zeit der intellektuellen Hochkonjunktur so schwer sein? Ja, sagen Unternehmer – zumal viele junge Leute am tatsächlichen Bedarf der Branchen vorbeistudierten.

In Deutschland gibt es heute so viele Studierende wie nie zuvor. Mit fast 2,9 Millionen im laufenden Wintersemester verzeichnet das Statistische Bundesamt einen Allzeitrekord. Ob aber die Entwicklung damit in die richtige Richtung für den Innovations-, Industrie- und Dienstleistungsstandort Deutschland geht, ist umstritten. Kritisiert wird vor allem ein Mangel an Fachkräften für Zukunftstechnologien.

Zumindest für Gerotor stellt sich dieses Problem nicht. Das Energiemanagement-Unternehmen mit Sitz in Puchheim bei München konzipiert und produziert sogenannte Schwunggradspeicher. Viel Technik also. „Deshalb suchen wir vor allem Hochschulabsolventen“, erklärt Michael Hein, der das Start-up 2015 mitgründete. Weil von Gerotor komplexe Systeme entwickelt würden, liege die Akademikerquote im Unternehmen bei mehr als 80 Prozent. „Das betrifft vor allem das Ingenieurwesen, aber auch angrenzende Bereiche wie die Physik und Mathematik“, sagt der Geschäftsführer. Klassische Mint-Fächer mit ausreichend Nachwuchs an deutschen Universitäten, wie Michael Hein findet. Die Akquise von Mitarbeitern fällt ihm daher nicht schwer. „Bisher konnten wir auf jeder Messe jemanden gewinnen.“

Handwerkskammer: Zu viele wollen auf die Uni, zu wenige in die Ausbildung

Dass immer mehr Menschen studieren, wird vor allem von Vertretern der Handwerkskammern, der Industrie- und Handelskammern beklagt. Zu viele wollen auf die Uni, so der Tenor, zu wenige in eine Ausbildung. Eben diesen „Akademisierungswahn“ bemängelt auch der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Wiederholt hat er vor einer Krise der beruflichen und akademischen Bildung als Folge der schwellenden Studierendenzahlen gewarnt. Eine These, die haltbar ist?

Kerstin Gerstmeyer stimmt dem zu. Die junge Frau arbeitet für Intec, ein Dienstleistungsunternehmen mit Zentrale in München, das Kunden in Dingen wie Engineering und Konstruktion, Projektmanagement und Softwareentwicklung berät. „Der Akademiker-Markt ist voll“, sagt sie. Gleichzeitig sei es aber auch für Unternehmen schwieriger geworden, gutes Personal zu finden – vor allem im Süden Deutschlands. „Man merkt, dass wir Vollbeschäftigung haben.“ Und obwohl sich die Suche im Norden einfacher gestalte, sei sie dort noch lange nicht mühelos. Denn die Mitarbeiterprofile würden anspruchsvoller, verlangten Kompetenzen in verschiedenen Bereichen. Interkulturalität, Mehrsprachigkeit. Berufserfahrung, Flexibilität. Das „eierlegende Wollmilchschwein“, sagt Kerstin Gerstmeyer, sei gefragter denn je.

Diese Haltung aber sehen Melanie Sauer und André Nuske mindestens problematisch. Beide besitzen einen Masterabschluss, sie in Chemie, er in Maschinenbau, beide kommen aus Jena. „Der Markt ist überlaufen“, sagt der junge Mann, der Ausschau nach einer neuen Stelle hält. Für Firmen sei das ein absoluter Vorteil: Sie könnten aktuell aus einem großen Portfolio wählen. Für Absolventen aber werde es strapaziöser, sich im Markt zu etablieren. Melanie Sauer empfindet ähnlich. Viele ihrer Kommilitonen hätten den Promotionsweg eingeschlagen. „Das zwingt mich fast dazu, auch zu promovieren.“ Der direkte Einstieg in das Berufsleben? Für Melanie Sauer nahezu unmöglich.

Hochschulabsolventen finden leichter einen Job

Grundsätzlich finden Hochschulabsolventen leichter einen Job als der Durchschnitt in Deutschland. Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern lag 2018 bei 2,2 Prozent – also bei weniger als der Hälfte der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit in Deutschland. Besonders selten arbeitslos werden Statistiken der Arbeitsagentur zufolge Mediziner, Juristen, Lehramtsabsolventen, Sozialpädagogen, Informatiker und Psychologen. Am häufigsten betroffen sind dagegen Historiker, Biologen und Journalistik-Studierende – der Bedarf des Arbeitsmarkts liegt eben woanders.

Was Karrierechancen anbelangt, könne man Akademiker nicht alle indenselben Sack stopfen, betonen Lisa Gebhardt und Claudia Donth. Vielmehr komme es darauf an, aus welcher Sparte man stammt und welche besonderen Fähigkeiten man mitbringt. Doch selbst sie als promovierende Physikerinnen haben Anstrengungen damit, einen Job zu finden – zumal kaum Angebote speziell für Physiker ausgeschrieben werden. Die Akademika in Augsburg nutzen sie deshalb, um sich zu orientieren. Welche Möglichkeiten gibt es? Welcher Arbeitgeber sucht? Welche Kompetenzen fordert er? Das zu erfahren, sei auf einer Messe einfacher als im Netz. „Man stößt auf Angebote, die man auf Jobportalen nie finden würde.“

Die Job-Messe Akademika fand bereits zum neunten Mal im Augsburger Messezentrum statt. Mit Check24, Amazon, Flixbus und Sixt stellten sich dort mehr als 100 Unternehmen als Arbeitgeber vor. Interessant ist die Messe vor allem für Hochschulabsolventen. Der Schwerpunkt liegt auf den Studiengängen der Informationstechnologie, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

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21.11.2019

Zur Frage in der Überschrift: NEIN !
Zu mir: ich bin seit 1985 im Berufsleben und habe seitdem, mit einer guten mittl. Reife, drei IHK-geprüfte Berufe erlernt (Papiertechniker, Techn. Zeichner/CAD und Industriekaufmann) und das erworbene Wissen in Eigenregie durch drei Sparten-Zertifikate (SAP-Modul Einkauf, Projektmanager, QMB) vertieft.
In all diesen Berufen als Facharbeiter/-angestellter war es auffällig, dass die ach so bildungselitären Akademiker stets/ständig zu uns kamen, um "ganz unauffällig" Diverses nachzufragen >> daraus folgt für mich:
- es muss endlich damit aufhören, die mittlere Schulbildung und die Ausbildung zum Handwerker/Facharbeiter als zweitklassig oder niederschichtig darzustellen (das geht an die Medien und die Öffentlichkeitsarbeiter des Kultus`!)
- wir benötigen wieder den klassischen Weg "Schule-Lehre-Techniker-Meister" (hier kann auch eine FH-Ausbildung eingeflochten werden); diese Leute tragen die größte Breite und Tiefe an Fachwissen in die Industrie (u.ä.)
- der erste Bildungsweg, so wie er seit Jahrzehnten läuft, gehört weg - mein Vorschlag: jeder Abiturient, der studieren möchte, muss VOR Studienantritt eine (meinetwegen aufgrund seiner höheren Schulbildung auch verkürzte) Ausbildung machen; bestenfalls in seinem Studienthemengebiet; kommt demjenigen ja nur zu Gute >> und im Falle eines Studienabbruchs (was ja gar nicht so selten ist) fällt derjenige "weicher"; im derzeitigen System hast du dann Leute, die 15-20 Jahre in der Schule/Uni waren und "brieflich" nichts anderes sind als Hilfsarbeiter !

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