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Joe Kaeser verdirbt sich doch noch seinen Abgang bei Siemens

Kommentar Von Stefan Stahl
02.02.2021

Plus In der Energie-Sparte will Siemens 7800 Arbeitsplätze streichen. Der Weg weg von der Kohlekraft ist schwer und ruppig. Doch es gibt dazu keine Alternative.

Das nennt man eine misslungene Dramaturgie: Ausgerechnet einen Tag, ehe Joe Kaeser am Mittwoch mit der Hauptversammlung als Siemens-Chef zurücktritt, will die Energie-Sparte weltweit 7800 Arbeitsplätze abbauen. Wo die Stellen wegfallen könnten, ist noch unklar. Auch wenn Siemens Energy mit insgesamt 92  000 Mitarbeitern ein eigenständiges Unternehmen ist und die Siemens AG nach einem Börsengang nur noch rund 35 Prozent an der Tochter hält, fällt der Arbeitsplatzabbau auch auf Kaeser zurück.

Siemens: Das Management geht einen radikalen, aber richtigen Schritt

Denn der 63-Jährige war es, der das Kohle-, Gas- oder Windkrafttechnologie anbietende Unternehmen mit aller Macht in die Selbstständigkeit geschubst hat. Dabei entzieht sich der Manager aber nicht der Verantwortung für das Schicksal der nunmehr mit der Siemens AG und der Medizintechnik dritten börsennotierten Siemens-Gesellschaft. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens Energy steht er mit in der Pflicht für die Neuausrichtung des Unternehmens. Hier geht das Management einen radikalen, aber richtigen Schritt: Wie sich Siemens einst aus der Atomkraft zurückgezogen hat und auf die politische Linie in Deutschland eingeschwenkt ist, vollzieht der Konzern nun den zweiten Teil der heimischen Energiewende und setzt auf Dekarbonisierung. Ein in einer Mitteilung beiläufig erwähnter Satz, dass „es keine Beteiligung mehr an der Ausschreibung neuer, ausschließlich mit Kohle befeuerter Kraftwerke geben wird“, stellt einen historischen Einschnitt für Siemens, ja für die ganze deutsche Industrie dar.

Kaeser meint es wirklich ernst mit dem Klimaschutz. Der Manager philosophiert nicht einfach nur über eine sozial-ökologische Marktwirtschaft und debattiert darüber mit der Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, er lässt hehren Worten auch radikale Taten folgen. Dennoch verdirbt sich der Manager im guten Willen, Siemens langfristig in einen Klimaschutz-Konzern umzubauen, seinen Abgang, was fast schon tragisch ist.

Allein in Deutschland sollen 3000 Stellen gestrichen werden

Denn natürlich führt die Neuausrichtung und Verselbstständigung des Konzerns zu Überkapazitäten. Allein in Deutschland sollen 3000 Stellen gestrichen werden, wobei die Standorte sicher seien. Dennoch wird die Zahl 7800 Kaeser noch lange nachhängen, selbst wenn der Abbau sozialverträglich, also ohne betriebsbedingte Kündigungen erfolgt und letztlich nach Verhandlungen mit den Arbeitnehmern doch weniger Stellen wegfallen. Am Ende legt sich ein dunkler Abschiedsschatten auf die in den vergangenen Jahren insgesamt gute Kaeser-Bilanz. Und es werden böse Erinnerungen an die einstige Siemens-Tochter Osram wach. Als Kaeser merkte, dass im Beleuchtungsgeschäft ein brutaler Technologiewandel weg von klassischen Glühbirnen und Halogenlampen zu günstigeren und langlebigeren Leuchtdioden, also LEDs anstand, zog sich Siemens wiederum über einen Börsengang zurück. Das bekam Osram nicht gut. Insbesondere für den Augsburger Traditionsstandort bedeutete dies das Aus – eine Tragödie. Am Ende machten chinesische Investoren unter dem Namen Ledvance das Licht aus. Es bleibt ein fader Nachgeschmack: Wenn es kritisch wird, zieht sich die Siemens AG gerne zurück.

Auf lange Sicht ist das fatal: Der Konzern hat sich einst vom Chiphersteller Infineon getrennt. Heute ist das Unternehmen erfolgreich. Kaeser erklärte jüngst: „Mikroelektronik ist für die Industrie von morgen wichtiger als Software.“ Der aktuelle weltweite Chip-Mangel belegt das. Am Ende täte Siemens ein längerer Atem gut. Dann wäre Osram vielleicht nicht unter die Räder gekommen und von einem kleineren österreichischen Unternehmen geschluckt worden.

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02.02.2021

Wenn der erste und einzige Weg Kosteneinsparung ist, hat der Manager schlichtweg sein Ziel verfehlt!
Leuten kündigen kann jeder Erstklässler; dafür brauche ich keinen Manager mit einem riesigen Gehalt und ein super Ausstiegsprämie!

Hier wäre der Blick in die Zukunft und entsprechende Aktionen gefragt - hat hier und auch in anderen Branchen nicht funktioniert!

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02.02.2021

Siemens wiederkehrend erfolgreich

Siemens ist in Deutschland aber auch weltweit eines der wenigen bedeutenden Industrieunternehmen, das häufig mit der Zeit gegangen ist. Alte Produkte wurden aufgegeben, neue Produkte wurden eingeführt, überbesetzte ruinöse Märkte verlassen, neue Märkte erschlossen.

Dampfturbinen für Atom- und Kohlekraftwerke werden viel seltener gekauft, der Markt schrumpft seit Jahren und es gibt Überkapazitäten. Auch der Bedarf für Gasturbinen sinkt und auch hier gibt es preisdrückenden Wettbewerb der Firmen mit zu vielen Herstellkapazitäten.

Siemens hat spät aber dann mit großen Investitionen auf die Windkraft gesetzt. Durch den Aufkauf von Pionierfirmen ist Siemens heute mit Abstand der Weltmarktführer für Seewindkraftanlagen. Hier macht Siemens gute Geschäfte. Angesichts des in Deutschland von den Regierungen in Berlin, Dresden, München usw. blockierten Windkraftausbaus werden allerdings keine Fertigungskapazitäten für die Landwindkraft in Deutschland angesiedelt. Andere Hersteller verlagern ihre Produktion ins Ausland.

Jetzt bin ich gespannt, was mit dem Standort Görlitz in Sachsen geschieht. https://www.goerlitz.de/Goerlitzer-Siemens-Werk.html Als man vor wenigen Jahren den Abbau von Überkapazitäten bei Dampfturbinen plante, wurde bereits die Schließung des Werkes diskutiert. Es arbeitet ja überwiegend für den Export und angesichts der sichtbaren Ausländerfeindlichkeit gerade im östlichen Sachsen und der dortigen AFD-Wahlerfolge musste sich ein internationaler Konzern überlegen, ob man nach Görlitz noch ausländische Kunden einladen könne. Dem Vernehmen nach hat sich damals auch die Bundeskanzlerin A. Merkel bei J. Kaeser für den Erhalt dieses regional wichtigen Arbeitgebers ausgesprochen. Es wurden sogar neue Forschungseinrichtungen dort angesiedelt.

Raimund Kamm

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