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Porträt

08.10.2019

Jörg Hofmann bleibt weitere vier Jahre Vorsitzender der IG Metall

Stefan Lange ist Gewerkschaftsvorsitzender der IG-Metall.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa (Archiv)

Jörg Hofmann ist kein Freund der lauten Worte. Mit dieser Haltung führt er heute erfolgreich die IG Metall und wurde am Dienstag mit 71 Prozent wiedergewählt.

Die Jobbeschreibung eines Gewerkschaftsvorsitzenden sieht nicht unbedingt ein Übermaß an Esprit vor. DGB-Chef Reiner Hoffmann etwa ist ein ruhiger Vertreter. Ex-Verdi-Chef Frank Bsirske redet manchmal so leise, dass man ihn kaum versteht. Und Jörg Hofmann passt ebenfalls bestens in diese Reihe: Der IG-Metall-Chef ist mit dem Wort „unauffällig“ ganz gut beschrieben. Doch der Eindruck täuscht.

Nur 71 Prozent stimmten für die Wiederwahl von Jörg Hofmann

Hofmann steht seit 2015 an der Spitze der größten deutschen Einzelgewerkschaft. Er hat rund 2,2 Millionen Mitglieder hinter sich, und diesem gewaltigen Druck kann niemand standhalten, der nicht über ein besonderes Maß an innerer Stärke verfügt. Im Dezember wird Hofmann 64 Jahre alt, er will es gleichwohl nicht ruhiger angehen, sondern bleibt nach seiner Wiederwahl beim 24. ordentlichen Gewerkschaftstag am Dienstag weitere vier Jahre Vorsitzender der IG Metall.

Hofmanns Wahl galt im Vorfeld als sicher. Überraschend ist jedoch das schwache Wahlergebnis des einzigen Kandidaten für den Vorsitz: 71 Prozent. 131 der 478 abstimmenden Delegierten votierten demnach gegen Hofmann. Es war das schlechteste Ergebnis für einen IG-Metall-Vorsitzenden seit 2003. Damals hatte sich Jürgen Peters im Machtkampf gegen Berthold Huber durchgesetzt und 66,1 Prozent der Delegiertenstimmen auf sich vereint.

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Generell gilt: Die Mitglieder vertrauen ihrem Chef und sie trauen ihm zu, dass er die Gewerkschaft auch in schweren Zeiten sicher leitet. Obwohl der in Oppelsbohm, in der Nähe von Stuttgart, geborene Vater einer Tochter noch nicht einmal einer der ihren, also kein Metaller ist. Hofmann machte nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung in der Landwirtschaft, anschließend studierte er Ökonomie und Soziologie, um dann ab 1982 schrittweise in die IG Metall einzusteigen und dort Karriere zu machen.

Das schwache Abschneiden des Vorsitzenden bleibt rätselhaft. Als möglicher Grund für Skeptiker gilt Hofmanns vergleichsweise hohes Alter. In Ostdeutschland herrscht vereinzelt Unzufriedenheit, weil die IG Metall dort die 35-Stunden-Woche nicht durchsetzen konnte.

Bei IG Metall stehen Umbrüche bevor

Hofmanns Stellvertreterin Christiane Benner erhielt von den Delegierten bei ihrer Wiederwahl mit 87 Prozent der Stimmen ein besseres Ergebnis als Hofmann. Sie kam aber kam ebenfalls nicht an ihr Ergebnis von 2015 heran.

Inzwischen sind auch bei der IG Metall die fetten Jahre vorbei. In Zeiten konjunktureller Flaute sind gute Tarifabschlüsse nicht so einfach hinzubekommen. Da braucht es einen wie Hofmann, der als fleißiger Arbeiter mit einem guten Netzwerk auch zur Arbeitgeberseite und zur Politik gilt. Hofmann hat bereits die großen Baustellen beschrieben, die seine Gewerkschaft in den nächsten Jahren außerdem beschäftigen werden: Die Kernbranchen der IG Metall stehen vor gewaltigen Umbrüchen. Im Fahrzeug- und Maschinenbau etwa droht massiver Arbeitsplatzabbau in Folge der Digitalisierung.

Die aktuelle Klimapolitik beeinflusst die Gewerkschaft

Hofmann steht als Arbeitnehmervertreter außerdem Branchen vor, die besonders viel Energie verschlingen und in hohem Maße von der Klimapolitik der Bundesregierung betroffen sind. Steigende Energiepreise könnten die Abwanderung deutscher Firmen ins Ausland beschleunigen, Arbeitsplätze hier wären unrettbar verloren. Die IG Metall hat als Reaktion auf die Energiewende ein Programm erarbeitet, es wird vor allem die Aufgabe des Vorsitzenden sein, die Maßnahmen auch durchzuboxen.

Bei Hofmann kommen wichtige wirtschaftspolitische Nervenstränge zusammen. Er sitzt in den Aufsichtsräten von Bosch und Volkswagen. Der 63-Jährige ist aber auch SPD-Mitglied. Angesichts der Fülle an Aufgaben ist es aus taktischen Gründen vielleicht ganz gut, keinen Laut-Sprecher als Anführer zu haben. Sondern einen Chef, der sich leise, aber hartnäckig vorarbeitet. (mit dpa)

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