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Analyse

09.07.2019

Kann Sewing die Deutsche Bank mit seiner Umbau-Strategie retten?

Nicht einmal 24 Stunden nachdem bekannt war, dass die Deutsche Bank Stellen streicht, mussten in London die ersten Mitarbeiter gehen.
Bild: Leon Neal, Getty Images

Der Deutsche-Bank-Chef will 18.000 Stellen streichen. Ein überfälliger Schritt sagen Experten. Doch sie zweifeln auch an den Plänen. Eine Analyse in fünf Punkten.

Deutschen Bank eine große Party: Unter dem Motto „Let’s go global“ feierte das Frankfurter Bankhaus die Übernahme der US-Investmentbank Bankers Trust – und den endgültigen Aufstieg in die erste Banken-Liga. Zwei Jahrzehnte später ist von dieser Euphorie nicht mehr viel übrig, ganz im Gegenteil: Vorstandschef Christian Sewing verordnet der Bank den radikalsten Umbau der jüngeren Geschichte. 18.000 Stellen sollen im Konzern bis zum Jahr 2022 weltweit wegfallen.

1. Die Deutsche Bank will zurück zu ihren Wurzeln

Seit Jahren suchte die Deutsche Bank nach der richtigen Balance zwischen dem Privatkundengeschäft und dem Investmentbanking. Zwischenzeitlich war die Privatkundensparte in die Deutsche Bank 24 ausgegliedert, sie galt lange als weniger glamourös und prestigeträchtig als das Investmentgeschäft. Konzernchef Sewing hat nun die Entscheidung getroffen, die seine Vorgänger stets gescheut haben: Die Bank will wieder zurück zu ihren Wurzeln und soll sich künftig vor allem auf das Privatkundengeschäft konzentrieren. „Wiederbelegung unserer traditionellen Werte“, nennt Spitzenmanager Sewing das.

„Wir haben versucht, überall mitzumischen – und zwar gleichzeitig. Und das hat uns überfordert“, betont der Konzernchef und fügt hinzu: „Die Tage der spektakulären Ambitionen in diesem Bereich liegen hinter uns.“ Seine Konsequenz ist radikal: Das Investmentbanking wird verkleinert, künftig sollen sich die Banker auf das Geschäft mit Krediten, Anleihen und Währungen konzentrieren. Ganz abschaffen will Sewing die Sparte aber nicht. Die Investmentbank soll weiterhin 30 Prozent zu den Erträgen beitragen. Das Firmenkundengeschäft und die Transaktionsbank will der Deutsche-Bank-Boss im neu gegründeten Bereich mit dem Namen Unternehmensbank bündeln.

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Insgesamt soll der Umbau des Dax-Konzerns 7,4 Milliarden Euro kosten. Finanzchef James von Moltke rechnet entsprechend für das laufende Jahr mit roten Zahlen. Die Aktionäre sollen für beide Jahre keine Dividende erhalten. Konzernboss Sewing plant allerdings nicht nur eine personelle Umstrukturierung. Der Top-Manager fordert auch eine neue Einstellung im ganzen Haus: „In den letzten beiden Jahrzehnten ist uns unser innerer Kompass abhandengekommen“, betont Sewing.

2. Der Umbau ist eine notwendige Radikalkur

Umbau der Deutschen Bank gleicht einem „Notfallprogramm“, sagt Finanzfachmann Wolfgang Gerke. „Leider bleibt Christian Sewing keine andere Wahl“, meint der Präsident des Bayerischen Finanz-Zentrums. „Es ist eine Radikalkur, die durch jahrelanges Missmanagement von Vorstand und Aufsichtsrat erzwungen worden ist.“ Die Deutsche Bank macht kaum mehr Gewinn, vor allem das Investmentbanking enttäuscht. „Der Fehler war nicht nur, dass man das Investmentbanking über Jahre mit unendlicher Gier betrieben hat, dass manipuliert und betrogen wurde.“ Fehler passierten auch in anderen Banken. Diesen gelang aber schneller die Kehrtwende: „Andere Institute haben mit den Aufsichtsbehörden besser kooperiert, Geldwäsche besser kontrolliert und ihr Geschäft neu ausgerichtet.

Die Deutsche Bank dagegen hat es versäumt, ihr Investmentbanking hinreichend abzubauen. Stattdessen wurden für schlechte Leistungen lange Zeit hohe Boni gezahlt – auch auf Vorstandsebene.“ Die Schuld dürfe man aber nicht nur beim früheren Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann suchen. „Vor allem die Doppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen danach hat versagt“, meint Gerke. Die Aufsichtsräte hätten zudem über Jahre zugeschaut und zu wenig getan. Für ihn ist deshalb klar: „Dies ist der Moment für den Aufsichtsratsvorsitzenden, seinen Posten zur Verfügung zu stellen.“

Chef des Kontrollgremiums ist Paul Achleitner. „Auf Vorstandsebene macht man einen Neuanfang. Der Aufsichtsrat, der einen Großteil der Verantwortung trägt, soll aber im Amt bestehen bleiben – das ist nicht richtig“, kritisiert Gerke.

3. Die Deutsche Bank macht beim Umbau ordentlich Tempo

Christian Sewing verliert keine Zeit: Nicht einmal 24 Stunden nach der Ankündigung, jede fünfte Stelle einzustampfen und den weltweiten Aktienhandel zu streichen, müssen die ersten Mitarbeiter in London, New York und an den asiatischen Handelsplätzen gehen. Wie stark einzelne Länder und Standorte betroffen sind, wollte Sewing bisher noch nicht sagen. In London zeigten Bilder vom Montag Händler, die die britische Zentrale verließen. Viele trugen ihre Habseligkeiten in Pappkartons oder Einkaufstüten aus dem Gebäude. „Hier bricht alles zusammen, die Stimmung ist mehr als düster“, zitiert die Welt einen Angestellten, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Der ein oder andere Beobachter fühlte sich bereits an das Ende von Lehman Brothers erinnert: an jenen 15. September 2008, als die traditionsreiche Investmentbank Insolvenz anmeldete und entsetzte Lehman-Mitarbeiter plötzlich ihre Schreibtische räumen mussten. Noch härter als in London ist der Kahlschlag offenbar in Asien: In Tokio wurden die Aktienhändler nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters am Morgen über den Stellenabbau informiert. Danach seien die Mitarbeiter sofort zum Ausgang eskortiert worden. „Die Hälfte des Stockwerks ist schon weg“, zitiert die Agentur einen Angestellten der Bank in Hongkong. Bis zum Ende des Jahres 2022 soll die Zahl der Jobs weltweit von zuletzt knapp 91 500 auf etwa 74 000 sinken.

4. Der Plan des Deutsche-Bank-Chefs ist mit Risiken verbunden

Die Deutsche Bank dampft ihr Investmentbanking ein und will sich auf traditionelle Geschäftsbereiche besinnen. Geht diese Rechnung auf? „Es ist sicher kein Fehler, im Notfallprogramm strategisch auf stabilere Geschäftsfelder wie die Vermögensverwaltung, das Privatkundengeschäft und die Betreuung von Unternehmen zu setzen“, sagt Bankenexperte Gerke.

Das Problem: „Andere Banken haben dies längst gemacht.“ Die niederländische Bank ING sei zum Beispiel stärker in das Corporate Banking eingestiegen – also die Finanzierung von Konzernen. Auch die Commerzbank forciert das Firmenkundengeschäft. „In Finanzierung von Unternehmen bestehen also bereits Kampfkonditionen; die Terrains sind abgesteckt“, warnt der Fachmann. „Es wird für die Deutsche Bank nicht leicht sein, hier die Erträge zu erwirtschaften, die sie braucht, um bis 2022 eine Eigenkapitalrendite von acht Prozent zu erzielen“, sagt er. „Der Plan ist ambitioniert, aber die Bank hat keine andere Wahl.“

Auch das Geschäft mit Privatkunden gilt angesichts der niedrigen Zinsen in Europa als schwierig. Die Gewinnmargen der Banken schrumpfen. In dem Bereich tummelt sich zudem mit Sparkassen, Volksbanken, der Commerzbank und anderen Instituten viel Konkurrenz. Ob die Rechnung Sewings also aufgeht, ist mit Unsicherheit behaftet. Auch die Euphorie an der Börse ließ schnell nach: Der Kurs der Aktie gab am Montag nach, die Papiere reagierte im Laufe des Tages mit einer Berg-und-Talfahrt. Am Ende gingen sie mit einem Minus von mehr als fünf Prozent aus dem Handel. Die Anleger haben in den vergangenen Jahren schon viel mitgemacht. Die Aktie der Deutschen Bank war zu Glanzzeiten über 90 Euro wert, heute sind es nicht mal mehr sieben Euro.

5. Die Deutsche Bank ist keine Ausnahme, die gesamte Branche ist unter Druck

Die Deutsche Bank ist nicht das einzige Institut, das unter Handlungsdruck steht. Auch andere Banken in Europa teilen dieses Schicksal: „Das europäische Finanzsystem steht vor großen Veränderungen“, sagt Finanzfachmann Gerke. „Es gibt in Europa mehrere Banken, die sich angesichts der Wirtschaftslage schwer tun – vor allem Institute in Italien“, berichtet der frühere Lehrstuhlinhaber für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen. „Wir werden auch in Zukunft zahlreiche Fusionen sehen“, sagt er deshalb. Zum Teil werde es sich um Zwangsfusionen handeln.

Gerke aber ist überzeugt, dass eine Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank nicht der richtige Weg gewesen wären: Die Deutsche Bank wäre wie die Commerzbank „völlig überfordert gewesen“, wenn sie neben der Sanierung auch noch eine Fusion hätte stemmen müssen, ist er überzeugt. „Deutsche Bank und Commerzbank müssen erst ihre Hausaufgaben erledigen und können froh sein, dass ihnen die Fusion erspart blieb.“ (mit dpa)

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