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Klimaschutz
11.10.2021

Fertige Solaranlagen können erst nach Monaten ans Netz gehen

Ein Mangel an Zertifizierern und Zertifiziererinnen bremst derzeit den Photovoltaikausbau.
Foto: Patrick Pleul, dpa

Exklusiv Viele Photovoltaikanlagen stehen derzeit ungenutzt in der Landschaft, weil ein kleiner Schritt fehlt – die Zertifizierung. Der Solarverband warnt vor monatelangen Wartezeiten.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland muss schneller vorankommen. Hier sind sich die meisten Parteien in der Bundespolitik einig. Für SPD und Grüne war ein schnellerer Ausbau ein wichtiger Punkt in ihren Wahlprogrammen. Energieökonomin Claudia Kemfert mahnt, dass ein viermal so schnelles Tempo als bisher nötig sei, um die Klimaziele zu erreichen. Doch in der Praxis, in den Städten und Gemeinden kommt der Ausbau nicht so schnell voran, wie häufig gefordert. Eines der Hindernisse zeigt sich aktuell. In Deutschland gibt es zahlreiche Photovoltaik-Anlagen, die zwar fertig auf den Feldern oder Freiflächen stehen, aber monatelang nicht ans Netz gehen können, weil ein kleiner Schritt fehlt – die Zertifizierung. Das Problem könnte sich noch verschärfen.

Solaranlage in Fuchstal mit 3,6 Megawatt, die nicht ans Netz gehen kann

Robert Sing betreibt das auf erneuerbare Energien spezialisierte Ingenieurbüro Sing in Landsberg am Lech. Zusammen mit seinem Team hat er zum Beispiel die Bürgerwindkraftanlagen und die kommunale Photovoltaik-Anlage in der Gemeinde Fuchstal geplant. Sing blutet fast das Herz, dass aktuell eine Photovoltaikanlage mit 3,6 Megawatt Leistung in der Spitze im nahen Denklingen seit Wochen fertig auf dem Feld steht, aber nicht an das Netz gehen kann. Es fehlt dafür die Freigabe durch ein Zertifikat. In der Zeit seit der Fertigstellung hätte sie bei gutem Wetter rund eine Million Kilowattstunden sauberen und CO2-neutralen Strom erzeugen können. Damit kann man 250 Haushalte ein Jahr lang mit Elektrizität versorgen.

"Derzeit beträgt die Wartezeit für das Anlagen-Zertifikat rund 20 bis 40 Wochen, in dieser Zeit darf die Anlage keinen Strom ins Netz einspeisen", erklärt Sing. "Falls die erneuerbaren Energien in größerem Tempo ausgebaut werden sollen, bekommen wir hier ein riesiges Problem", warnt der Ingenieur.

Weshalb dieser Schritt überhaupt nötig ist, können die Experten der Lechwerke erklären. Zwar sind die Bauteile der Anlagen – von den Modulen bis zum Wechselrichter – bereits auf ihre Qualität geprüft. Bevor die gesamte Photovoltaik-Anlage aber ans öffentliche Stromnetz gehen kann, muss nochmals eine Prüfung der Gesamtanlage stattfinden. Dies sei gesetzliche Vorgabe. Die Dokumente, die dafür eingereicht werden, seien häufig gut 100 Seiten dick, berichten Unternehmer.

Personal für Zertifizierung von Photovoltaikanlagen ist knapp

"Die Zertifizierung erfolgt durch anerkannte Zertifizierungsunternehmen", berichten die Lechwerke. Sie bescheinigen nach der Prüfung, dass die Gesamtanlage – also nicht nur die einzelnen Komponenten – die Anforderungen für einen sicheren Betrieb am öffentlichen Stromnetz erfüllt. "Für den sicheren Betrieb der Netze ist eine Zertifizierung dringend notwendig", argumentieren die Lechwerke. "Es verhält sich damit ähnlich wie im Straßenverkehr, bei dem eine Zertifizierungsstelle, beispielsweise der TÜV, einem Fahrzeug die technischen Voraussetzungen zur sicheren Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr bescheinigt."

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Doch diese Prüfungen sind derzeit in einen Stau geraten, der zu monatelangen Wartezeiten führen kann. Das hat auch der Bundesverband Solarwirtschaft beobachtet.

Carsten Körnig, Bundesverband Solarwirtschaft: "Hören von starken Verzögerungen"

"Ja, wir hören von starken Verzögerungen", warnt Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft. Es warten bundesweit einige Anlagen auf den Anschluss, weil das Zertifikat fehlt. "Die Wartezeiten betragen teilweise bis zu einem Jahr", sagt Körnig. "Es betrifft aber vor allem die mittelgroßen Gewerbe-Anlagen zwischen 135 Kilowatt bis 950 Kilowatt", erklärt er.

Was ist der Grund für den Engpass? Ein Grund scheint zu sein, dass die Prüfungsunternehmen mit der Arbeit offenbar kaum mehr hinterherkommen. Solar boomt. "Seit einiger Zeit sehen wir einen starken Zubau bei Freiflächenanlagen, der alle beteiligten Akteure stark fordert", bestätigen die Lechwerke. Das wirkt sich bis zu den Genehmigungen aus. Bei den Zertifiziererinnen und Zertifizierern fehlen die Kapazitäten, berichtet Körnig.

Problem: Durch neue Regeln müssen mehr Solaranlagen zertifiziert werden

Neue Regeln, die in den Jahren 2018 und 2019 eingeführt worden sind, verschärfen offenbar das Problem: Seither sei ein eigenes Anlagenzertifikat nicht erst ab einer Größe von einem Megawatt nötig, sondern schon für deutlich kleinere Anlagen ab 135 Kilowatt Leistung. "Damit betrifft die Zertifizierung nun eine viel höhere Anzahl an Anlagen sowie Planungs- und Installationsbetriebe", beschreibt Körnig die Situation.

"Vor allem aber", berichtet der Solarverband, "fehlen bei allen Akteuren die Erfahrungen, sodass es zu verzögerter Bearbeitung kommt". Der Aufwand sei von allen Seiten "deutlich unterschätzt" worden. Der Solarverband warnt deshalb, dass die neue Regel den Ausbau der Photovoltaik in Deutschland bremst, statt ihn zu beschleunigen. "Grundsätzlich ist es notwendig, die Qualität von Anlagen, die an die Mittelspannung angeschlossen werden, sicherzustellen", sagt Körnig. Allerdings sei die Grenze mit 135 Kilowatt, ab der die Prüfung der Gesamtanlagen nötig wird, "deutlich zu tief gesetzt" worden, kritisiert er.

"Der Gesamtaufwand und die Kosten steigen bei diesen kleinen Anlagen teils so stark, dass viele Betriebe diese Anlagengröße nun vermeiden", warnt der Hauptgeschäftsführer. Das wäre das Gegenteil eines beschleunigten Ausbaus.

TÜV Süd: Komplexität bei Zertifizierung hat zugenommen

Eines der Unternehmen, die Photovoltaik-Anlagen prüfen, ist der TÜV Süd. Dort kann man die derzeitigen Engpässe bestätigen. Mit den seit 2018 gültigen Netzanschlussregeln, welche europäische Vorgaben umsetzten, habe "die Komplexität der Anforderungen im Gegensatz zu den Vorgängerversionen deutlich zugenommen", berichtet ein TÜV-Sprecher unserer Redaktion. "Im Moment erleben wir es relativ häufig, dass unsere Kunden ihre Unterlagen im laufenden Zertifizierungsverfahren nachbessern müssen", erklärt er. Dies führe nicht nur bei den Kunden, sondern auch beim TÜV zu einem "erheblichen Mehraufwand". Übergangsregelungen – Fachleute sprechen von der Prototypenreglung – würden zudem dazu führen, dass Projekte aus den Jahren 2018 und 2019 erst jetzt zur Prüfung vorgelegt werden, was den Engpass noch verschärft.

Der Prozess um Solaranlagen zu zertifizieren, ist komplizierter geworden. das sorgt für Probleme.
Foto: Martina Diemand (Symbol)

Der TÜV setzt darauf, dass mit steigender Erfahrung bei seinen Kunden auch die Verfahren schneller werden. "Deshalb sind wir optimistisch, dass es sich bei den momentanen Verzögerungen um eine temporäre Erscheinung handelt", gibt man sich beim TÜV zuversichtlich. "Darüber hinaus bemühen wir uns kontinuierlich darum, unsere Ressourcen an die aktuellen Marktgegebenheiten – beispielsweise eine höhere Nachfrage – anzupassen", sagt der Sprecher. Die Vorlaufzeit für Standardverfahren betrage zur Zeit circa drei Monate.

Lechwerke berichten ebenfalls von langen Wartezeiten bei Solaranlagen

Ähnlich sieht man es bei den Lechwerken: "Uns ist aktuell nur ein Fall in unserem Netzgebiet bekannt, in dem sich die Inbetriebnahme eines Solarparks aufgrund der langen Wartezeit bis zur Zertifizierung verzögert", heißt es dort. "Projektierer und Betreiber von großen Solarparks kennen die aktuelle Situation normalerweise gut und beauftragen frühzeitig die Zertifizierung." Der Geschäftsführer einer Solar-Firma aus Bad Wörishofen berichtet aber auch von anderen Erfahrungen. Er hat zum Beispiel eine Zertifizierungsfirma im Oktober 2020 beauftragt, nach letzten Informationen soll die betreffende Anlage aber erst Anfang Januar 2022 zertifiziert sein.

Damit fertige Solaranlagen nicht monatelang ungenutzt in der Landschaft stehen, schlägt man beim Solarverband vor, die Anlagen zumindest einstweilig in Betrieb zu nehmen – bis das Zertifikat nachgereicht werden kann: "Viele Netzbetreiber sind hier durchaus kooperativ und versuchen, Lösungen im Sinne des Kunden zu finden, leider jedoch längst nicht alle", sagt Hauptgeschäftsführer Körnig. "Eine Möglichkeit ist dabei die längere Anerkennung der sogenannten Prototypenbestätigung, mit der bereits ein vorläufiger Betrieb der Anlage möglich ist – und dass dann das Anlagenzertifikat nachgereicht wird", schlägt er vor.

Unternehmen in Landsberg am Lech fordert einfachere Regeln für Solaranlagen

In Landsberg am Lech ist Unternehmer Robert Sing ebenfalls davon überzeugt, dass die Regeln deutlich einfacher werden müssen, damit Bürokratie die Energiewende und den Klimaschutz nicht noch weiter ausbremst. "Die Zertifizierer sind bereits heillos überlastet", sagt er. "Wenn in ein bis zwei Jahren nach dem Willen der Politik noch mehr Photovoltaik gebaut wird, zieht sich der Flaschenhals weiter zu", warnt er. Die Folge wäre, dass zwar viele neue Photovoltaik-Anlagen gebaut sind, aber keinen Strom einspeisen können, weil sie auf die Prüfung warten. Stattdessen würde Kohle- oder Importstrom ins Netz fließen. Im Sinne des Klimaschutzes wäre das nicht.

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11.10.2021

@ M.W.

Insofern ist, wie ich dargestellt habe, diese Aussage

>>"In der Zeit seit der Fertigstellung hätte sie bei gutem Wetter rund eine Million Kilowattstunden sauberen und CO2-neutralen Strom erzeugen können. Damit kann man 250 Haushalte ein Jahr lang mit Elektrizität versorgen."
.Das ist leider falsch! Dazu müsste ein Jahr lang rund um die Uhr die Sonne scheinen!<<

unzutreffend.

Rechnen Sie dochmal, wieviel Strom eine 3,6 MW PV-Anlage etwa in 2 - 3 Sommermonaten erzeugt, wenn sie im ganzen Jahr schätzungsweise 4,3 GWh produziert, wenn man sie - da Freilandanlage - mit 1.200 Volllaststunde/a kalkuliert.

Da ist doch eine Aussage, wie "Dazu müsste ein Jahr lang rund um die Uhr die Sonne scheinen!" unzutreffend. Damit sollte vermutlich darauf hingewiesen werden, dass PV-Anlagen nicht rund um die Uhr Strom liefern. Andere Kraftwerke liefern eben auch nicht immer Strom.

Raimund Kamm

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11.10.2021

" In der Zeit seit der Fertigstellung hätte sie bei gutem Wetter rund eine Million Kilowattstunden sauberen und CO2-neutralen Strom erzeugen können. Damit kann man 250 Haushalte ein Jahr lang mit Elektrizität versorgen."
.
Das ist leider falsch! Dazu müsste ein Jahr lang rund um die Uhr die Sonne scheinen!

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11.10.2021

Das ist unzutreffend. Die Versorgung basierte immer schon auf einem Mix von Stromquellen. Zukünftig Bioenergie, Geothermie, Solar, Wasser- und Windkraft. Hinzu kommen begleitend Lastmanagement, Stromverbund und Speicher.

Auch früher hatten wir einen Mix verschiedener Stromquellen. Beispielsweise im ehemals größten dt. Kernkraftwerk, dem AKW Gundremmingen, standen auch mal beide Reaktoren still. Und nach Fukushima musste Japan wegen erkannter großer Mängel an seinen AKW, insbesondere unzulängliche Notkühlsysteme, schnell auf ein Drittel seiner Stromquellen verzichten.

Raimund Kamm

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11.10.2021

Herr Kamm, was hat das mit einem Strommix oder AKWs zu tun? In welchem Zeitraum mit einer solchen Anlage eine Mio kWh erzeugt werden kann, ist ein reines Rechenspiel.

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11.10.2021

Deutsche Bürokratie - oder Lobby-Bremser?

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11.10.2021

Warum "oder"? Könnte auch "und" sein!

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