Newsticker
Russland besetzt offenbar Stadt Sjewjerodonezk vollständig
  1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Kommentar: Steigende Inflation darf nicht zu maßlosen Lohnabschlüssen führen

Steigende Inflation darf nicht zu maßlosen Lohnabschlüssen führen

Kommentar Von Stefan Stahl
26.08.2021

Die Teuerung steigt in Deutschland wohl Richtung fünf Prozent. Doch Gehaltsabschlüsse in dieser Höhe wären für die Volkswirtschaft gefährlich. 

Die Rückkehr der Inflation in Deutschland wird die Tarifpolitik in den nächsten Monaten maßgeblich bestimmen. Wenn die Teuerung nach zuletzt 3,8 Prozent weiter Richtung fünf Prozent marschiert, steigt der Druck auf die Arbeitgeber, den Gewerkschaften in Lohnrunden zumindest einen Ausgleich für den Preisauftrieb zu gewähren. Dabei sind natürlich - und das weiß auch die Arbeitnehmerseite im Öffentlichen Dienst - keine Abschlüsse von vier bis fünf Prozent vermittelbar. Die Zauber-Formel für die anstehenden Gehaltsrunden ist vielmehr die Drei vor dem Komma. Vom Geschick der Verhandler wie Verdi-Chef Frank Werneke hängt es ab, ob hinter dem Komma noch einiges draufgepackt wird.

Frank Werneke ist Vorsitzender der Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi.
Foto: Gregor Fischer, dpa

Denn selbst wenn die Inflation zum Jahresende auf fünf Prozent nach oben schießt, stellt das eine Momentaufnahme dar. Schon 2022, das sagen etwa die Prognostiker der Bundesbank voraus, sollte die Teuerung auf ein erträglicheres Maß zurückgehen. Gewerkschaften wie Verdi oder die Lokführer-Organisation GDL dürfen daher nicht über das Ziel hinausschießen, schließlich werden jetzt Tarifverträge ausgehandelt, die im nächsten Jahr greifen. Hier ist Augenmaß gerade im Öffentlichen Dienst gefragt, schließlich musste der Staat als Retter in der Corona-Not an seine finanzielle Schmerzgrenze gehen. Dabei sollte der letzte Abschluss im Öffentlichen Dienst für die Beschäftigten des Bundes und der Kommunen als Orientierung dienen, der etwa Erhöhungen von 3,2 Prozent in der höchsten Eingruppierung vorsieht. Aus dem Ergebnis spricht Vernunft.

Keine Zeit für ein fettes Lohn-Plus

Ein fettes Lohn-Plus von acht Prozent im Volumen, wie es Wernekes Vorgänger Frank Bsirske 2019 für die Beschäftigten der Länder in seligen Vor-Corona-Zeiten erstritten hat, passt nicht in die momentane, immer noch durch die Pandemie überlagerte wirtschaftliche Gesamtsituation. Einen solchen Bsirske-Gedächtnisabschluss gibt es so schnell nicht mehr. Denn durch Tarifeinigungen über vier Prozent könnte eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale, vor der Volkswirte stets warnen, in Gang kommen. Gehalts- und Preiserhöhungen schaukeln sich dabei gegenseitig in fataler Weise immer mehr auf. Die Folgen sind abschreckend: Am Ende rechtfertigen Unternehmen Preisaufschläge mit anziehenden Löhnen. Und Gewerkschafter ihrerseits stellen zunehmend höhere Gehaltsforderungen, weil den Beschäftigten wegen der galoppierenden Inflation Reallohn-Verluste drohen.

Doch die Tarifparteien, also die Arbeitgeber- wie Gewerkschaftsseite, wissen um den Zusammenhang. Wenn also Verdi und Beamtenbund nun fünf Prozent fordern und letztlich mit drei Prozent plus x rechnen, geschieht das im Bewusstsein, dass tarifpolitischer Pragmatismus eine Kardinaltugend auch noch in diesem Jahr ist. Zwar ist die Hoffnung groß, die Corona-Krise bald hinter sich lassen zu können. Es mehren sich aber auch warnende Stimmen, die sorgenvoll auf deutlich steigende Infektionszahlen bei einer nach wie vor zu niedrigen Impfquote hinweisen. In einer derartigen Zeit sind maßvolle Lohnabschlüsse gefragt.

Weselsky gibt den "Mister Knallhart"

Dass Verdi und Beamtenbund dazu in der Lage sind, haben sie in der Corona-Zeit bewiesen. Bei Lokführer-Chef Claus Weselsky kann man sich hier leider nicht sicher sein. Er gibt unverdrossen den „Mister Knallhart“ und versucht mit aller Macht die Einzelinteressen einer kleinen Gruppe in Ellenbogen-Manier durchzusetzen. Mit Streiks bei der Bahn verfügt er hier über ein maximales Druckpotenzial, was der Gewerkschafter konsequent ausnutzt. Er steuert seinen Zug namens „Ego“. Das kann und wird kein Vorbild für den Öffentlichen Dienst sein. Dabei müssen aber auch die Arbeitgeber im Öffentlichen Dienst Maß halten, wenn sie einen Kompromiss mit Verdi und Beamtenbund erreichen wollen. Ihr Vorstoß, die Eingruppierung der Beschäftigten grundlegend neu zu regeln, provoziert die Gegenseite unnötig, könnte das doch für Beschäftigte zu Einkommensverlusten führen. Insofern ist die Stimmung gleich zum Auftakt der Tarifrunde belastet.

Lesen Sie dazu auch
Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

27.08.2021

Halten wir doch mal fest: Das Reallohnniveau geht im langjährigen Trend abwärts. Das ist nicht erst seit Corona oder dem Finanz-Crash der Fall. Es wird seit Jahrzehnten stets genau das gemacht, was der Autor vorschlägt: Das Lohnniveau *nicht* mindestens im selben Maße anzuheben, wie die Inflation die Kosten hoch treibt. Wenn die Wirtschaft das tatsächlich nicht verkraftet, also die Implikation ist, dass unsere Wirtschaft fundamental davon abhängt, den Leuten immer weniger zu bezahlen, dann ist doch wohl was grundlegendes an unserem Wirtschaftssystem kaputt. Ich glaube eher, der Vorposter hat völlig recht: Es gibt einfach eine Gruppe an Menschen, die sich über Gebühr an den erwirtschafteten Leistungen unseres Landes bedienen. Und es sind gerade nicht diejenigen, die vom Staat Unterstützungleistungen zur Lebenssicherung erhalten, denn auch deren Finanzielle Kraft ist im langjährigen Mittel rückläufig. Kann ja jeder mal auf seine Rentenprognose sehen, ob er mit dem Wert, den er da liest, zum Stichtag auszukommen meint.

Vielleicht sollte man doch nochmal prüfen, ob anständige Tarifverträge am Ende das Ziel der Verhandlungen sein sollten, und nicht die 20ste Runde effektiver Lohnkürzung. Wenn dazu Streiks notwendig sind, weil die Profiteure fremder Arbeit diejenigen, die die Arbeit geleistet haben, sonst einfach nicht an jenem Profit gerecht beteiligen wollen, dann bitte: Weiter machen! Es bräuchte noch viel mehr solcher Streiks, um auch nur wieder in die Nähe des Lohnniveaus von vor 30 Jahren zu kommen. Es hilft uns allen nämlich nichts, wen in gar nicht so weiter entfernter Zukunft nur noch wenige Besitzer mit unglaublichen Vermögenssummen einer riesigen Masse gegenüberstehen, die kaum noch über die Runden kommen. 1. kaufen die dann auch nur noch das Notwendigste und 2. wird das dann zum sozialen Knall führen. Will auch keiner, auch nicht die Besitzer.

Permalink
27.08.2021

Von Crash-Propheten wird Inflation geradezu herbeigebetet. Wenn man genauer hinschaut, sind zahlreiche Preissteigerungen dem Lieferkettenproblem geschuldet. Wenn der normale Wettbewerb wieder voll zum Tragen kommt, und das wird er, ist aus mit Preissteigerungen. Normaler weltweiter Wettbewerb lässt Preissteigerungen nicht so einfach zu. Mieten sind jedoch ein Hausmacher-Problem. Es wird zu wenig Bauland ausgewiesen und zu niedrig gebaut, die Analyse ist sehr einfach. Auf neuem Bauland sollten nur 7-stöckige Etagenwohnungen entstehen. Familien-Wohnungen mit ausreichend Kinderzimmern, wenn man künftig noch leistungsfähige Generationen heranziehen will. Ansonsten muss man wegen der hohen Mieten auf Kinder verzichten. Aber auch Einwanderung erhöht den Druck zu höheren Mieten.

Permalink
26.08.2021

So ein Krampf, die Inflation muss mindestens ausgeglichen werden. Die jetzt geführten Verhandlungen greifen ab Abschluss und selbst wenn man die krude Theorie verfolgt dass die Lohnerhöhung erst nächstes Jahr greift und dann keine 5% Inflation sein soll, was keiner weiß, dann kann mir der Autor doch sicher sagen welche Gewerkschaft letztes Jahr 5% Lohnerhöhung erzielt hat um die diesjährige Inflation von 5% auszugleichen. Vielmehr haben die Gewerkschaften letztes Jahr darauf geachtet um im Tarifvertrag Flexibilität unterzubringen um die stellen zu erhalten.
Vielmehr ist seit Jahren zu beobachten dass die Reallöhne sinken. Und die Preissteigerung galoppiert, siehe zum Beispiel Sprit/Öl Preise und Mieten die regelmäßig bezahlt werden müssen da fällt ein Fernseher denn ich alle 10 Jahre kaufe und im Preis nicht gestiegen ist doch gar nicht ins Gewicht. Dieser Wahrenkorb zur Inflationsrate Bestimmung ist absurd. Wenn die mieten wie auch die AZ schreibt Innern letzten Jahren um 30% gestiegen sind und dies ein Großteil der Haushaltsausgaben ausmachen dann kann ich um einen angebliche Inflation von 1; 2 oder auch drei Prozent nur lachen.
Warum geht denn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aus einander? Doch weil die Firmen Eigentümer Dennhals nicht voll genug kriegen und das zulasten der einfachen Arbeiter. Wer soll den die teuren Artikel Dank Inflation noch kaufen können wenn die Gehälter nicht entsprechen steigen. Man könnte natürlich Preissteigerung und Gehaltserhöhungen verbieten aber das ist Utopie.

Nichts desto trotz finde ich die Bahnstreiks nicht in Ordnung da sie einen großen Teil der Bevölkerung betreffen und darunter leiden müssen und auf die Bahn angewiesen sind da sie zum Beispiel kein Auto haben. Ich empfände es gerechtfertigt wenn die Gehälter einfach entsprechend der andern Tarifverträge steigen. Genauso finden ich es verwerflich wenn die Pilotenvereinigung Cockpit mit Vorliebe in der Fernferienzeit streikt.

Permalink