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Konjunktur
10.11.2021

Die vierte Corona-Welle kann den Wirtschaftsaufschwung nicht brechen

Ranklotzen für den Aufschwung - ein Bauarbeiter in der Morgensonne.
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Stürzt Deutschland wegen der sich mächtig auftürmenden Neu-Ansteckungen mit dem Coronavirus wieder in den Abschwung? Nein, sagen die Wirtschaftsweisen.

Wie die Infektionszahlen steigen in diesen Tagen wieder ungute Gefühle nach oben. Steht uns ein zweiter Winter bevor, in denen Geschäfte, Kinos, Kneipen und Schulen dichtgemacht werden? Und würde das die wirtschaftliche Aufholjagd jäh abwürgen?

Die Wirtschaftsweisen sagen Nein. Deutschland steht vor einem kräftigen Aufschwung. Die vier Ökonomen – zwei Frauen, zwei Männer – sagen für nächstes Jahr ein Wachstum von 4,6 Prozent voraus. Es wäre das stärkste seit der Wiedervereinigung. "Wir sehen nicht eine erneute Rezession“, sagt Volker Wieland von der Uni Frankfurt.

Flächendeckendes 2G könnte sogar ein Wachstumsbeschleuniger sein

Wegen der relativ hohen Impfquote rechnen er und seine Kollegen nicht damit, dass Bund und Länder wieder gesamte Branchen in den Zwangsstillstand versetzen. Wieland geht sogar so weit, dass durch eine flächendeckende 2G-Regel, die Ungeimpfte vom öffentlichen Leben weitgehend ausschließen würde, das Wachstum sogar an Fahrt gewinnen könnte, weil Geimpfte und Genesene ohne allzu große Bedenken ausgehen könnten.

Die vierte Corona-Welle mit möglichen Beschränkungen im Winter wird das Wachstum kaum bremsen, sagen die Wirtschaftsweisen.
Foto: Thorsten Jordan (Archivfoto)

Für die Bewertung der vier Forscher, die die Bundesregierung beraten, spricht der Plan der Ampelparteien SPD, Grüne und FDP, dass es keinen Lockdown mehr geben soll. Schon kommende Woche soll das Infektionsschutzgesetz dahingehend geändert werden. Für die Prognose spricht auch, dass die vierte Welle nach dem Winter auslaufen dürfte, weil sich das Leben wieder stärker nach draußen verlagert.

Dagegen spricht, dass sich die Intensivstationen so rasch füllen, dass Bund und Länder doch noch zu drastischen Mitteln greifen werden und zum Beispiel Schulen und Kindergärten schließen. Oder dass es selbst Geimpften angesichts der täglichen Corona-Nachrichten zu mulmig wird, um sich in Restaurants zu setzen oder zum Friseur zu gehen.

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Die Unternehmen und der Staat stellen ein

Wenn die Vorhersagen der Wirtschaftsweisen aber Bestand haben, werden im nächsten Jahr 400.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Profitieren wird die Konjunktur dann davon, dass der Mangel bei Computerchips schrittweise beseitigt und dadurch die Industrie wieder voll durchstarten kann.

Die Wirtschaftsweisen Volker Wieland (3.vr), Veronika Grimm (2.vr), Achim Truger (r.) und Monika Schnitzer (2.vl) überreichen Kanzlerin Angela Merkel ihr Gutachten.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Weil die Verbraucherinnen und Verbraucher in diesem Jahr weniger oft Essen gehen oder in den Urlaub fahren konnten, haben sie viel Geld gespart. Die Sparquote liegt bei 16 Prozent und damit sehr hoch. Wenn davon 2022 ein Teil – es handelt sich um Milliarden – für das Verreisen oder ein neues Auto ausgegeben wird, beflügelt das die Nachfrage.

Trotz des Aufschwungs wird wohl der Inflationsdruck nachlassen. Wird die Teuerung auf das Gesamtjahr gerechnet heuer wohl 3,1 Prozent betragen, dürfte sie nächstes Jahr auf 2,6 Prozent zurückgehen. Die vier Ökonomen schränken aber selbst ein, dass die Verbraucherpreisprognose mit Unsicherheit behaftet ist. Wenn die Lieferengpässe in der Industrie anhalten, könnten die Preise auch schneller steigen.

Mehr Schulden oder nicht? Die Weisen sind sich auch nicht eins

Für die nächste Bundesregierung, die wahrscheinlich aus SPD, Grünen und Liberalen gebildet wird, ist das Herbstgutachten der Konjunkturdeuter eine gute Nachricht. Ein hohes Wachstum bedeutet mehr Stellen, mehr Einnahmen und damit mehr Spielraum, den versprochenen Aufschwung zu gestalten. Einen Streitpunkt konnten die Regierungsberater aber nicht auflösen, der auch die drei Parteien trennt.

Denn auch unter den Experten ist umstritten, ob sich der Staat für Investitionen in Straßen, Schienen, Schulen und den Klimaschutz stärker verschulden sollte, als es die Schuldenbremse des Grundgesetzes vorsieht. Zwei Wirtschaftsweise plädieren dafür, zwei dagegen. Volker Wieland zum Beispiel hält es für angezeigt, dass sich die Bundesregierung mehr Geld verschafft, indem zum Beispiel der geringere Steuersatz auf Diesel abgeschafft wird.

Sein Kollege Achim Truger von der Uni Duisburg-Essen glaubt, dass der Bedarf bei der Modernisierung so groß ist, dass er ohne neue Schulden nicht gedeckt werden kann. Die Berater bieten also beiden Lagern Futter – der FDP für sparsames Haushalten, Grünen und SPD für ein höheres Defizit.

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11.11.2021

Die Aussagen der Wirtschaftsweisen gehen an der Realität schon ein wenig vorbei. Wie oft haben sie sich in letzter Zeit nach unten korrigieren müssen? Sie verbreiten Hoffnung - nicht mehr, denn in einer Zeit der Unsicherheit wie dieser, sind keine halbwegs gesicherten Vorhersagen möglich.

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