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Konjunktur
16.10.2018

Sieben Fakten: Wie es um die Konjunktur wirklich steht

In den vergangenen Jahren lief es für die Wirtschaft rund. Bleibt das so?
Foto: Peter Kneffel, dpa (Symbolfoto)

Selbst die Bundesregierung korrigiert ihre Wachstumsprognose nach unten. Ist der Aufschwung in Gefahr? Sieben Tatsachen.

1. Der deutsche Aufschwung verliert an Fahrt

Als Wirtschaftsminister Peter Altmaier in der vergangenen Woche vor die Presse trat, tat er etwas Ungewöhnliches. Er stellte nicht nur Zahlen zum Wirtschaftswachstum vor. Der stämmige CDU-Politiker forderte auch ein Aktionsprogramm, um die Unternehmen zu entlasten. Teil des Plans soll die komplette Abschaffung des Solidaritätszuschlags sein.

Im Normalfall stemmt die Politik solche Programme, um einer notleidenden Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Altmaier wollte zwar nicht über ein Krisenszenario sprechen und betonte, der Aufschwung sei intakt. Tatsache ist aber, dass die Bundesregierung ihre Wachstumserwartung gesenkt hat.

Peter Altmaier (CDU), Bundesminister für Wirtschaft und Energie, stellte jüngst in der Bundespressekonferenz die Konjunkturprognose der Bundesregierung vor.
Foto: Kay Nietfeld, dpa

Im Frühjahr hatte die Regierung für Deutschland in diesem Jahr noch 2,3 Prozent Wachstum erwartet. Nun sind es 1,8 Prozent. Für das kommende Jahr geht Berlin ebenfalls von 1,8 Prozent aus. Deutschlands führende Wirtschaftsinstitute hatten kurz zuvor ebenfalls die Erwartungen gesenkt – auf 1,7 Prozent in diesem Jahr. „Der Aufschwung verliert an Fahrt“, betitelten sie ihre Studie.

Besonders pessimistisch formulierte es EU-Kommissar Günther Oettinger: „Kamen wir noch im Spätsommer aus dem Urlaub und haben geglaubt, die Konjunktur brummt, die Zahl der Arbeitsplätze steigt, die Börse bleibt oben, wir hätten Stabilität – sehen wir jetzt, dass die Party zu Ende geht“, sagte er kürzlich. „Die besten, die leichteren Jahre, liegen hinter uns.“ Was ist von diesen Warnungen zu halten?

2. Die Weltwirtschaft schwächelt

Bei den Exportüberschüssen ist Deutschland Weltmeister. Doch zuletzt kommen aus dem wichtigen Bereich weniger Impulse: Von Juli auf August verringerten sich die Ausfuhren um 0,1 Prozent, es ist der zweite Rückgang in Folge. Das liegt nach Meinung von Experten daran, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft abschwächt. Der Internationale Währungsfonds hat seine Prognose auf 3,7 Prozent nach unten korrigiert.

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„Das weltwirtschaftliche Klima wird rauer“, heißt es auch im Herbstgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute. Gründe gibt es einige: der Protektionismus von US-Präsident Donald Trump, der näher rückende Brexit und die neue Regierung in Italien. Die Pläne in Rom für eine höhere Neuverschuldung schüren Ängste vor einer neuen Euro-Krise. Einer Euro-Krise 2.0.

Sieht noch keinen Grund für Panik: Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank.
Foto: Hermann, Deka Bank

Dazu kommt die schwierige Lage in einigen Schwellenländern, vor allem in Argentinien und der Türkei. Dort fließt viel Kapital ab. Eine krisenhafte Zuspitzung wie während der Asienkrise 1997/1998 sei aber „nicht zu erwarten“, schreiben die deutschen Wirtschaftsinstitute.

Und Chefvolkswirt Ulrich Kater von der Deka-Bank warnt vor Panik: „Bei aller negativer Marktentwicklung darf nicht vergessen werden, dass die Welt sich weiterhin in einem anhaltenden Aufschwung befindet“, sagt er. „Revisionen von Wachstumsprognosen lassen die Weltwirtschaft so schnell nicht in eine Rezession münden.“

3. Immobilienmarkt am Anschlag

Lenken wir den Blick nach Deutschland. Könnte hier eine Immobilienblase zur Gefahr für die deutsche Konjunktur werden? Die staatseigene KfW-Bank hat den deutschen Immobilienmarkt in einer neuen Studie ausgewertet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Preise für Häuser und Wohnungen seit Beginn des Jahrzehnts in Deutschland „rasant gestiegen“ seien.

Dies könnte sich durchaus plötzlich ändern: In den sieben größten deutschen Städten seien Immobilien nach Ansicht der Bundesbank bereits überbewertet – um 15 bis 30 Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier sieht trotz zunehmender Risiken einen stabilen Aufschwung in Deutschland.
Foto: Christian Charisius, dpa

Eine gefährliche Blasenbildung sieht die KfW-Bank aber nicht: Der deutsche Immobilien-Boom unterscheide sich von den Immobilienblasen in den USA, Spanien oder Irland: Die Verschuldung der deutschen Haushalte sei gering, außerdem mache der Bausektor nur rund ein Zehntel der deutschen Wirtschaftsleistung aus.

Dass aber zum Beispiel das neue Baukindergeld den Bau fördert, glauben zum Beispiel die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute im Herbstgutachten nicht. Der Bausektor arbeitet bereits am Anschlag und kann mehr Aufträge kaum entgegennehmen. Statt mehr Wohnraum erwarten die Institute einen „Mitnahmeeffekt“ und noch stärker steigende Kosten.

4. Autos auf Halde

Ein Kürzel dürfte derzeit vielen Managern der deutschen Autobauer Schauder über den Rücken jagen lassen: WLTP. Die Abkürzung steht für eine neue Norm, die realistischere Werte zum Beispiel beim Spritverbrauch von Neuwagen garantieren soll. Das Problem: Die Autobauer hinken bei der Zertifizierung ihrer Fahrzeuge hinterher.

Volkswagen hat deshalb Autos auf Halde produziert und am Berliner Flughafen geparkt, auch bei BMW hätte es besser laufen können. Audi verbuchte im September in Deutschland im Vergleich zum Vorjahresmonat einen Einbruch der Neuzulassungen um fast 78 Prozent, in Ingolstadt gab es Freischichten.

Die Forscher empfehlen der Bundesregierung, die Wachstumskräfte zu stärken mit einer Senkung der Abgabenbelastung und höheren Investitionen.
Foto: Oliver Berg, dpa (Symbolfoto)

Da die Autoindustrie aber in Deutschland eine Schlüsselindustrie ist, hat WLTP somit „sichtbare Spuren beim Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts hinterlassen“, heißt es im Herbstgutachten. Das Problem dürfte sich lösen, wenn alle Autos zertifiziert sind – wahrscheinlich im Winterhalbjahr.

5. Fachkräftemangel

Das Bild in Deutschland ist gemischt. Während einige Branchen wie der Bau boomen, machen die Autobauer eine schwierigere Zeit durch. Insgesamt aber stellen die Unternehmen tendenziell neue Mitarbeiter ein. Diese sind aber immer schwieriger zu finden. Der Arbeitsmarkt ist nicht mehr in der Lage, „die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften zu befriedigen“, schreiben die führenden Wirtschaftsinstitute im Herbstgutachten.

Der Stellenaufbau könnte sich damit abschwächen – von 590.000 Personen dieses Jahr auf 420.000 im nächsten Jahr, die Arbeitslosigkeit würde weiter sinken. In Bayerisch-Schwaben bezeichnet die Industrie- und Handelskammer den Fachkräftemangeln inzwischen sogar als das größte Problem für die Konjunktur: „Für die Ausführung der Aufträge fehlen schlicht und einfach die nötigen Fachkräfte“, sagte kürzlich IHK-Präsident Andreas Kopton.

In einer Umfrage unter schwäbischen Unternehmen aus Industrie und Handel sahen 67 Prozent der Befragten in den fehlenden Mitarbeitern ein Risiko für ihre weitere Entwicklung. „Von denjenigen, die aktuell auf Personensuche sind, haben mehr als drei Viertel große Probleme die Stellen zu besetzen, weil schlichtweg Bewerber fehlen“, berichtet Kopton.

6. Lust auf Konsum

Aus Sicht der Unternehmen mag die Lage am Arbeitsmarkt schwierig sein, weil Fachkräfte knapp werden. Aus Sicht der Arbeitnehmer hat sie ihr Gutes: Sie finden leichter einen neuen Job, im Schnitt legen zudem auch die Löhne zu. „Die tariflichen Monatsverdienste werden nach einem Plus von 2,6 Prozent in diesem Jahr in den Jahren 2019 und 2020 voraussichtlich um 2,7 Prozent angehoben“ – so erwarten es die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute im Herbstgutachten.

Das Ganze hilft auch der deutschen Konjunktur: Sollte der Außenhandel stagnieren, könnte der Konsum im Land zur Stütze der deutschen Wirtschaft werden. Herbstgutachten: Konsum und steigende Löhne stützen die Konjunktur.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute legten ihr Herbstgutachten vor.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Symbolfoto)

Dazu tragen den Forschern zufolge auch das Plus bei der Rente, die Ausweitung der Mütterrente oder die Reform der Krankenversicherung bei: Arbeitgeber und Arbeitnehmern sollen die Krankenversicherungsbeiträge ja wieder in gleicher Höhe bezahlen.

Der starke Konsum im Inland hat aber auch einen Nachteil: Die Inflation dürfte weiter steigen, erwarten die Forscher. Auch der Ölpreis hat zuletzt zum Leidwesen von Verbrauchern und Unternehmen stark zugelegt.

7. Starke Zahlen aus der Region

Insgesamt zeichnet sich damit ein recht gemischtes Bild ab. Die Weltwirtschaft verliert an Zugkraft, dazu kommen politische Risiken à la Trump, Brexit und Co. Der starke Konsum hält aber dagegen.

Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater ist deshalb nicht zu sehr beunruhigt: Die Konjunktur sei „stark genug, um die vielen Risikothemen zu verkraften“, meint er. „Wachstumsraten um die zwei Prozent für die Eurozone beziehungsweise 3,5 bis vier Prozent für die Weltwirtschaft sind definitiv kein Grund zum Klagen“, fügt Kater an.

Der Rückgang der Arbeitslosigkeit verleihe in Deutschland den privaten Konsumausgaben „hinreichende Dynamik“. Die politischen Risiken werden sich zwar nicht über Nacht auflösen. „Doch es besteht berechtigte Hoffnung, dass auch wieder positive Nachrichten kommen werden. Beispielsweise mit ersten Verhandlungsergebnissen für den Brexit oder moderateren finanzpolitischen Plänen der italienischen Regierung“, so Kater.

In unserer Region sagte IHK-Präsident Andreas Kopton, dass die Firmen lediglich „von Vollgas auf eine hohe Geschwindigkeit“ umschalten. Heimische Industrieunternehmen hätten zuletzt zwar stärkere „Bremseffekte“ hinnehmen müssen, die Bauwirtschaft sei aber ungebrochen der Gewinner der Hochkonjunktur.

Der Umfrage der Kammer zufolge beurteilen noch immer 63 Prozent der befragten Unternehmen aus Industrie und Handel ihre Geschäftslage als gut – ein hoher Wert. Und jede vierte von der IHK befragte Firma rechnet in den nächsten Monaten sogar noch mit einem Auftragsplus.

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