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Börse

23.06.2020

Krimi um Wirecard: Der mysteriöse Herr Braun und der Bilanzskandal

Täter oder Opfer? Markus Braun hat Wirecard nach oben gebracht. Jetzt steht er im Mittelpunkt eines beispiellosen Skandals.
Bild: FrankHoermann, Sven Simon

Plus Der Bezahldienstleister Wirecard ist in einen Milliardenbetrug verwickelt. Der Ex-Firmenchef Markus Braun wird verhaftet und kommt gegen eine Kaution frei. Was wusste er?

Wenn sich Markus Braun warm geredet hat, wirkt er wie ein Prediger. Er breitet die Hände aus, sein Kopf wackelt hin und her. Zum Anzug trägt der schlanke Mann mit dem schütteren Haar und der randlosen Brille schon mal einen dunklen Rollkragen-Pullover. Der sonst weltabgewandt erscheinende Manager lächelt in solchen Momenten sogar kurz, scheint er doch den festen Vorsatz zu verspüren, seine Zuhörer von sich einnehmen zu wollen.

Braun doziert gerne langatmig, am liebsten über die Chancen der Digitalisierung. Als gebürtiger Wiener sagt er „quästion“ statt „question“, wenn er das englische Wort für „Frage“ benutzt. Manchmal schließt der 1969 geborene Internet-Profi die Augen, senkt den Kopf und scheint in sich hineinzureden.

Dabei ist Braun ein seltsamer Prediger. Denn eigentlich tritt der tief gefallene einstige Wirecard-Chef ungern öffentlich auf und mag es nicht, wenn er sich selbst reden hört. Bei einer Bilanzpressekonferenz, also an einem Tag, an dem die Kommunikationsgeschicke des Vorstandschefs einer Aktiengesellschaft vorrangig gefragt sind, blickt Braun minutenlang mit gefalteten Händen in den Saal, nur gelegentlich sparsam lächelnd, als meditiere er, ehe sein Auftritt vor Journalisten bevorsteht. Dann bekennt er: „Ich bin kein Freund von Pulten.“ Braun redet nun frei, tänzelt dabei hin und her. Schließlich lässt der Unternehmer die Reporter wissen, er müsse sich erst einmal an die mediale Aufmerksamkeit gewöhnen.

Krimi um Wirecard: Der mysteriöse Herr Braun und der Bilanzskandal

Ex-Wirecard-Chef stellt sich den Behörden und kommt nach einer Nacht im Gefängnis frei

Davon wird Braun nun mehr als genug zuteil. Denn der von ihm entscheidend mitaufgebaute Online-Bezahlabwickler Wirecard ist zu einer Skandal-Maschine mutiert, die ihn selbst überrollt hat. Erst trat er nach massivem Druck und langen Beharrungsversuchen zurück, dann muss der Österreicher wohl von dem Haftbefehl gegen ihn Wind bekommen haben. Braun reiste aus Wien nach München, stellte sich den Behörden, wurde festgenommen und gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro nach einer Nacht im Gefängnis am Dienstag wieder freigelassen. Das ist zumindest der bisherige dramatische Höhepunkt einer für den Ex-Wirecard-Boss zuletzt an Tiefpunkten denkbar überreichen Geschichte.

Dabei war der Wirtschaftsinformatiker und promovierte Sozialwissenschaftler, der als zäher und zur Eigenbrötelei neigender Technik-Freak gilt, lange vom Erfolg verwöhnt. Denn es gelang ihm, Wirecard von einem Schmuddelkind in ein Mitglied des altehrwürdigen Vereins der 30 Werte des Deutschen Aktienindex zu verwandeln. Die Ironie der Finanzgeschichte wollte es, dass ausgerechnet die Commerzbank für die Emporkömmlinge aus einem Gewerbegebiet aus Aschheim bei München im Dax weichen musste. Zu Glanzzeiten verfügte Wirecard auch noch über einen höheren Börsenwert als die seit 150 Jahren bestehende Deutsche Bank.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun.
Bild: Lino Mirgeler, dpa

Die Verwunderung über die Blitzkarriere des Unternehmens um den für viele undurchschaubaren Braun war groß. Entsteht hier nach SAP, dem weltweit erfolgreichen Anbieter von Software für Firmen, endlich ein zweiter neuer deutscher Champion von globaler Statur? Oder liegen die hartnäckigen Rechercheure der Financial Times richtig, die große Zweifel am neuen deutschen Börsenwunder hegen und immer wieder unverdrossen über frisierte Bilanzen in Asien berichten? Ist also das von Braun gebaute schön angestrichene Haus doch nur ein Gebilde aus Lug und Trug? Lange trat der Manager solchen Verdächtigungen entgegen, versuchte dank wohlklingender Kunden wie der Fluggesellschaft KLM das Bild eines seriösen Fintech-Unternehmens in der Öffentlichkeit zu zeichnen, das die Welt der Finanzen und der Technik, also des Geldes und ausgeklügelter Software, auf geniale Weise verbindet.

Braun wirkte, als habe er den Stein der Weisen des Internet-Zeitalters gefunden

Braun rühmte das clevere Geschäftsmodell, mit dem sich hunderte Millionen Euro verdient lassen. Aktionäre freuten sich vor dem jetzigen Aktien-Desaster über Kurse von in der Spitze über 190 Euro. Der so mysteriöse Informatik-Guru trat dem Eindruck nicht entgegen, als habe er einen Stein der Weisen des Internet-Zeitalters gefunden, in dem Wirecard bei vielen digitalen Geschäften rund um den Globus oft mit Cent-Beiträgen mitverdient. Doch Kleinvieh macht gerade bei einem erfolgreichen digitalen Geschäftsmodell reichlich Mist, wenn ein Unternehmen in der Lage ist, Kunden weltweit zu finden.

Ökonomen nennen hier das Zauberwort der Skalierbarkeit, also der Eroberung von immer mehr Menschen, an denen die Bayern ganz im Stillen, ohne dass ein Verbraucher, der in Asien bei einer Suppenküche oder einem Handwerker digital seine Rechnungen begleicht, dies merkt. Braun betrachtet die ganze Welt als Markt. Das ist seine Religion. Die Möglichkeit, ähnlich wie der Versand-Riese Amazon oder der Software-Gigant Microsoft Land um Land aufzurollen und mehr und noch mehr Geld zu verdienen, fasziniert den Manager.

Mit dem zunehmenden Erfolg, zumindest auf dem Papier, geriet in Vergessenheit, welchen anrüchigen Geschäften Wirecard den Aufstieg zu verdanken hat: Die Firma ermöglichte es nämlich Porno- und Glücksspielanbietern, mit gut funktionierenden technischen Lösungen, im Internet diskret Zahlungen abzuwickeln. Darüber reden die Verantwortlichen bei Wirecard nicht gerne und verweisen bei entsprechenden Nachfragen nur darauf, dass Geschäfte mit solch relativ krisenrobusten Branchen nur noch im „einstelligen Prozentbereich“ des Gesamtumsatzes lägen.

Ist Braun Teil des Betrugs oder selbst ein Betrogener?

Fest steht, dass Wirecard allein mit dem Kleinvieh-Machen im Schatten des digitalen Porno- und Glücksspielgeschäfts nicht derart groß und gewinnträchtig geworden wäre. Die Spuren zum Aufstieg und Fall des Unternehmens führen vor allem nach Asien. Dort wähnte die Wirecard-Truppe den größten Reibach, zahlen die Menschen doch bereitwilliger digital, also auch per Handy, als etwa deutsche Bargeld-Freunde. So predigte der Bargeld-Abschaffer Braun die Eroberung des asiatischen Kontinents. Hier haben die Wirecard-Manager, wie sich immer mehr herausschält, im Überschwang des einträglichen Geschäftsmodells ihrem zu großen Hunger nach Expansion allzu bereitwillig nachgegeben. Denn das Unternehmen muss sich, weil es in vielen asiatischen Staaten keine eigene Bank-Lizenz besitzt, auf Treuhänder, also meist Rechtsanwälte verlassen, die dem deutschen Unternehmen hier als Drittanbieter behilflich sind.

Nun beginnt in Asien das weite Feld, welches Ermittler in den nächsten Jahren beackern müssen. Denn der Wirecard-Vorstand geht selbst davon aus, dass ein Betrag von rund 1,9 Milliarden Euro, also etwa ein Viertel der Bilanzsumme, womöglich nicht existiert. Wusste Braun davon? Ist er Teil des Betrugs oder selbst ein Betrogener, wie er kürzlich gemutmaßt hat? Finanziell leidet der Manager unter dem Wirecard-Skandal, schließlich hält er über seine Beteiligungsgesellschaft gut sieben Prozent Aktien an der Firma und soll jüngst auch noch zugekauft haben. Braun-Kritiker mutmaßen, er habe sein Wirecard-Depot nur weiter aufgestockt, um auch als Geschädigter dazustehen und damit Verdächtigungen gegen sich zu entkräften. Wie am Dienstagabend bekannt wurde, hat er sich zuletzt überraschend von einen großen Teil seiner Aktien getrennt.

Eine Kreditkarte des Bezahldienstleister Wirecard in einem Showroom des Unternehmens.
Bild: Sven Hoppe, dpa

Braun scheint jedenfalls, anders als es sein Image als schrulliger Computer-Nerd, mit dem keiner gerne ein Bier trinken geht und der in der Oper schon mal weint, durchaus auch abgebrüht zu sein. So klingt ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, er habe eine geschäftliche Verbindung von Wirecard mit der angeschlagenen Deutschen Bank in Erwägung gezogen, durchaus glaubhaft. Die dann doch nicht zustande gekommene Aktion soll den Raubtier-Tarnnamen „Panther“ getragen haben. Die Deutsche Bank ist immerhin an der Börse nun wieder mehr wert als die Absturz-Firma Wirecard.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger will sich mit Blick auf die laufenden Ermittlungen nicht zu den Vorkommnissen bei Wirecard und deren Auswirkungen auf die bayerische Finanzwirtschaft äußern. Derzeit könne noch keine „abschließende Bewertung“ vorgenommen werden, teilte eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage mit. Die Aktienkultur in Deutschland werde durch den Fall Wirecard allerdings „nicht befördert“.

Für das Ministerium hat das Wirecard-Callcenter jüngst in mittlerer vierstelliger Anzahl die Digitalisierung von Anträgen auf Soforthilfe übernommen. Abgesehen davon unterhalte das Ministerium keine weiteren Geschäftsbeziehungen zu dem Finanzdienstleister, heißt es. In die Auszahlung von Soforthilfen sei Wirecard „in keiner Weise“ involviert gewesen.

Fraglich ist, wie es für die Wirecard-Aktionäre weitergeht

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, ist vom Schicksal Brauns nicht überrascht: „Das habe ich erwartet.“ Er fordert nun „eine vollständige juristische Aufarbeitung des Wirecard-Falls“ und warnt davor, ähnlich wie noch im VW-Abgasbetrug die Sache nicht bis zum letzten Glied juristisch aufzuklären. Tüngler ist es wichtig, „dass die Wirecard-Akte nicht im Nebulösen bleibt“. Hier solle auch die Rolle des Wirtschaftsprüfers EY (Ernst & Young) kritisch aufgearbeitet werden. Der Aktionärsschützer fragt sich, warum die Experten frühere Wirecard-Bilanzen testiert, also genehmigt hätten, aber dies dem Zahlenwerk für 2019 versagt haben. Auch auf EY rollen nun Klagen zu. Dabei hält es Robert Peres, Vorstandsvorsitzender der Initiative Minderheitsaktionäre, „für aussichtsreicher, gegen EY zu klagen“.

Denn wenn Wirecard zum Insolvenzfall würde, könnte es für Aktionäre des Unternehmens schwieriger werden, finanzielle Wiedergutmachung zu erlangen. Doch noch kämpfen die Wirecard-Chefs gegen den Fall in den Abgrund. Auf Braun wartet ein juristischer Marathon. Der Manager soll neben Abhandlungen über Künstliche Intelligenz auch ein Faible für philosophische Schriften haben. Vielleicht ist „Der Trost der Philosophie“ des römischen Autors Boethius die geeignete Lektüre für ihn. Dort findet sich das Klagelied eines Mannes, der sich vom Glück verlassen fühlt. Doch das Zwiegespräch mit der Philosophie schafft Linderung. Und der Mut zur Wahrheit soll ja Zentnerlasten von den Schultern wuchten.

Ob Braun sich dazu durchringt? Er führte bisher ein Leben in Fragezeichen. Ein Ausrufezeichen wäre mal einen Versuch wert. (mit kuepp)

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Und auch den Kommentar: Der Rücktritt des Wirecard-Chefs war überfällig

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