1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Krisenjet 737 Max: Kann das Boeing-Debakel Airbus helfen?

Produktion gestoppt

17.12.2019

Krisenjet 737 Max: Kann das Boeing-Debakel Airbus helfen?

Boeing hat die Produktion der 737 Max gestoppt.
Bild: Ted S. Warren, AP/dpa (Archiv)

Plus Der amerikanische Flugzeughersteller Boeing stoppt vorübergehend die Produktion seines Krisenjets 737 Max. Es ist eine folgenreiche Entscheidung.

Boeing gegen Airbus. Erzrivalen. Die Konkurrenz ist episch und treibt die Luftfahrtbranche. Zuletzt besonders im Fokus des jahrzehntelangen Ringens: die Mittelstrecken-Flieger. 737 Max gegen A320. Und dazu nun diese folgenreiche Meldung: Nach Spannungen mit der US-Aufsicht FAA stoppt Boeing vorübergehend die Fertigung des Krisenjets.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

  • Zugriff auf mehr als 200 neue Plus+Artikel pro Woche
  • Zugang zu lokalen Inhalten, die älter als 30 Tage sind
  • Artikel kommentieren und Newsletter verwalten
  • Jederzeit monatlich kündbar
Jetzt für nur 0,99 € testen

Die Modellreihe ist wegen zweier Abstürze mit hunderten Toten seit März weltweit mit Startverboten belegt. Vorstandschef Dennis Muilenburg hatte seit Juli wiederholt gewarnt, dass die 737-Produktion weiter gedrosselt oder ganz ausgesetzt werden könnte, falls sich die Wiederzulassung der Modellreihe länger als erwartet hinzieht. Die Entscheidung des Unternehmens war daher nicht unbedingt eine Überraschung. Aber was bedeutet sie nun? Für das Unternehmen selbst, für die Zulieferer und vor allem für den Rivalen Airbus? Profitiert er?

Der größte europäische Flugzeughersteller wollte sich auf Anfrage nicht zu den Entscheidungen von Boeing äußern. Wie ein Sprecher allerdings erklärte, seien Flugzeugbestellungen „grundsätzlich ein sehr langfristig angelegter Prozess“. So lägen beispielsweise für die A320neo-Familie Stand Ende November noch rund 6193 Aufträge vor. Die aktuelle Fertigungsrate liegt bei 60 Flugzeugen pro Monat. Damit sei man „mehrere Jahre ausgelastet“.

Krisenjet 737 Max: Kann das Boeing-Debakel Airbus helfen?

Luftfahrt-Experte: Kurzfristig keine Auswirkungen für Airbus

Ein Luftfahrtexperte sagt es unserer Redaktion auf Anfrage so: „Airbus ist auf der Produktionslinie ausverkauft.“ Heißt: Kurzfristig hätten die Probleme von Boeing keine Auswirkungen auf Airbus, weil schlicht die Kapazitäten fehlten. Langfristig allerdings könne sich das vorläufige Ende für die 737 Max schon auswirken. Denn Airbus könnte irgendwann höhere Preise für seine A320 verlangen, sollte die direkte Konkurrenz ihren Flieger tatsächlich dauerhaft nicht mehr an die Kunden liefern können.

Und was bedeutet – angesichts der Ungewissheit um eine Wiederzulassung – die Entscheidung zum Produktionsstopp für Boeing selbst?

Es ist eine drastische Maßnahme. Der Firmenparkplatz von Boeing in Renton nahe Seattle ist zum Symbol der Krise geworden. Dort stehen nagelneue 737-Max-Jets, so weit das Auge reicht. Rund 400 Flugzeuge wurden auf Halde produziert und mussten zuletzt zwischengelagert werden. Das kostet. Wann die 737-Produktion wieder anlaufen könnte, dazu gab der Hersteller zunächst keinerlei Hinweise. „Wir werden weitere Finanzinformationen hinsichtlich der Fertigungsaussetzung in Verbindung mit unserem Quartalsbericht Ende Januar veröffentlichen“, hieß es lediglich.

Zum Hintergrund der Entscheidung: Die Abstürze des Modells in Indonesien und Äthiopien, bei denen im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen, haben den Flugzeugbauer tief getroffen. Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Hersteller weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt.

Im Zentrum der Boeing-Krise steht das Steuerungsprogramm MCAS

Im Zentrum der Krise steht das für die 737 Max entwickelte Steuerungsprogramm MCAS, das laut Untersuchungsberichten eine entscheidende Rolle bei den Abstürzen gespielt hat. Boeing hatte bereits nach dem Unglück in Indonesien versprochen, die MCAS-Probleme per Software-Update zu beheben. Wenig später kam es zum Absturz in Äthiopien.

Das Update hat noch immer keine Zulassung der FAA. Denn in den letzten Tagen wurde immer deutlicher, wie angespannt das Verhältnis zwischen dem Flugzeugbauer und der US-Luftfahrtaufsicht FAA ist. Der Geduldsfaden der Regulierer scheint arg strapaziert, vergangene Woche wies FAA-Chef Steve Dickson Boeing sogar öffentlich zurecht. Er äußerte nicht nur Bedenken, dass der Konzern bei der 737 Max einen „unrealistischen“ Zeitplan verfolge, sondern verbat sich auch weitere Statements von Boeing, die dazu angetan seien, den Druck auf seine Behörde beim Wiederzulassungsverfahren zu erhöhen.

Boeing-Debakel belastet die US-Wirtschaft

Doch das Debakel ist nicht nur für den Hersteller eine große Belastung, die immense Kosten und Imageschäden sowie Ermittlungen von Aufsichtsbehörden und hohe Klagerisiken verursacht hat. Da es um Boeings bestverkauftes Modell geht, für das es tausende Bestellungen gibt, ächzt die gesamte Luftfahrtindustrie. Airlines müssen wegen des Ausfalls zahlreiche Flüge streichen. Allein für Entschädigungen dürfte Boeing nach Schätzung von Jefferies-Expertin Sheila Kahyaoglu schon mehr als elf Milliarden Dollar aufwenden müssen.

Auch für die US-Wirtschaft ist Boeings Krise eine Belastung. Die Probleme der 737 Max haben das Wachstum in den vergangenen Quartalen spürbar gedämpft und könnten die Konjunktur noch stärker bremsen, warnen Experten. An Boeing hängen ja auch etliche Zulieferer, Airlines und andere Unternehmen, die die Schwäche des Flugzeugbauers zu spüren bekommen – es geht um zahlreiche Arbeitsplätze und viel Wirtschaftskraft. Boeing betonte jedoch in seiner Mitteilung, dass zunächst keine Mitarbeiter entlassen oder beurlaubt würden. Vor allem den rund 12.000 Beschäftigten des 737-Hauptwerks bleibt damit – zumindest vorerst – ein Horrorszenario erspart. (dpa, kuepp)

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren