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Kükenschreddern ist nicht das einzige Tierschutz-Problem

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Kommentar Von Christina Heller
13.06.2019

Das massenhafte Töten männlicher Küken sollte längst verboten sein. Doch die Politik schläft, und zwar bei fast allen Tierschutz-Themen.

Ginge man auf die Straße und befragte willkürlich zehn Passanten, ob sie für oder gegen Kükenschreddern sind, das Urteil fiele vermutliche eindeutig dagegen aus. Und dennoch musste sich nun das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig mit der Frage befassen, ob Kükenschreddern zulässig ist. Das offenbart gleich mehrere Probleme, vor denen Deutschland steht, wenn es um Tiere und Landwirtschaft geht:

Die Politik ist beim Thema Tierschutz vollkommen unentschlossen

Das eine ist die völlig unentschlossene Politik des Landwirtschaftsministeriums. Kükenschreddern sollte eigentlich schon längst verboten sein. Schon der Vorgänger der jetzigen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner hatte Pläne, das massenhafte Töten der männlichen Küken zu verbieten. Es passierte aber nichts. Und auch Klöckner kündigte erst an, bis Mitte 2019 handeln zu wollen, verschob den Verbotstermin dann aber. Nun soll es voraussichtlich 2020 so weit sein. Diese Unentschlossenheit verhindert, dass Landwirte und Brütereien verlässlich planen können. Und sie zeigt sich nicht nur beim Kükenschreddern, sondern bei fast allen Tierschutz-Themen.

Die Ferkelkastration ohne Betäubung etwa sollte ebenfalls längst verboten sein, doch jetzt wird sie vermutlich erst in fünf Jahren unzulässig. Ähnlich ist es beim Abschneiden der Schwänze von Ferkeln. Das sogenannte Kupieren ist eigentlich nicht mehr gestattet. Doch die Regel wird nicht von allen eingehalten.

Der Grund: Die Schweine beißen aus Langeweile die Schwänze ihrer Artgenossen blutig. Aber statt es Landwirten finanziell zu ermöglichen, etwas gegen die Langeweile der Tiere zu unternehmen, wird einfach das Kupieren weiter geduldet. Womit schon fast der nächste Knackpunkt angesprochen ist: Verlässliche, gesetzliche Tierwohl-Kriterien lassen nach wie vor auf sich warten. Die Politik schläft und Landwirte und Verbraucher baden die Unsicherheit aus.

Das Töten von Millionen männlicher Küken ist weiterhin legal. Das urteilte das Bundesverwaltungsgericht. Das Land NRW hatte die Praxis stoppen wollen.
Video: dpa

Das zweite Problem ist eine falsches Verständnis davon, was Nutztierhaltung eigentlich heißt. Die meisten Bilder, die Verbraucher von Schweinen, Hühnern und Kühen sehen, sind romantisiert. Süße Ferkel halten ihre rosa Schnauzen in die Kamera, braun-weiß gescheckte Kühe stehen auf saftigen Wiesen vor blau-weißem Himmel, flauschig gelbe Küken tummeln sich im Stroh. So leben die wenigsten Nutztiere in Deutschland. Das ist nicht ideal, es ist aber auch kein Skandal. Die Tiere werden nicht gezüchtet, weil sie putzig aussehen. Sie werden gezüchtet, um geschlachtet zu werden. Um Milch zu geben, um Eier zu legen. Um mit ihnen Geld zu verdienen. Viele Landwirte würden sich wünschen, die Werbebilder wären für ihre Tiere Realitäten. Doch bislang ist das in den wenigsten Bereichen wirtschaftlich umsetzbar.

Aus Tierschutzgründen Vegetarier zu werden ist Unsinn

Und drittens verdrängen Fleischesser ganz gerne, was sie da eigentlich essen. Sprechen Sie mal einen schnitzelverzehrenden Kantinengänger darauf an, ob er glaubt, der Ringelschwanz des Schnitzel-Schweins sei abgeschnitten worden. Ein böser Blick wird eine milde Reaktion sein. Wenige Menschen wollen sich damit auseinandersetzen, dass ihr Schinken, ihr Leberkäs oder ihre Bratwurst mal ein lebendes Wesen war. Tun sie es doch, sind viele so entsetzt, dass sie lieber gleich darauf verzichten, Fleisch zu essen.

Aber aus Tierschutz-Gründen Vegetarier zu werden, ist der falsche Weg. Wer sich für Tierwohl interessiert, sollte Fleisch essen – aber bewusst. Damit verbunden ist etwa die Entscheidung, wie viel und welches Fleisch man kauft und isst. Beim Einkauf im Supermarkt kann man schon jetzt dafür sorgen, dass männliche Küken aufgezogen werden. Kunden haben die Wahl. Sie müssen sie aber nutzen.

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Die Diskussion ist geschlossen.

13.06.2019

Die Überschrift "Aus Tierschutzgründen Vegetarier zu werden ist Unsinn" oder die Textzeile "Aber aus Tierschutz-Gründen Vegetarier zu werden, ist der falsche Weg" sind vermutlich das dümmste, was man zu diesem Thema sagen kann. Selbstverständlich sollte derjenige, der sich für Tierwohl interessiert und nicht auf Fleisch verzichten will, Fleisch bewusst essen. Es sollte auch darauf verzichten die Billigprodukte diverser Discounter zu kaufen. Was könnte aber für den Tierschutz letztendlich besser sein, als Tiere nicht zu essen?

Wie dem auch sei: Man kann bereits heute davon ausgehen, dass die oberste Lobbyistin der Agrarwirtschaft und nebenberufliche Ministerin Klöckner 2020 den Verbotstermin für das Kükenshreddern weiter verschieben und dabei ihr unerträgliches Grinsen zeigen wird... Sie wird sich zweifellos auch weiterhin für die "Ferkelkastration ohne Betäubung" einsetzen.

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13.06.2019

"Die Politik ist beim Thema Tierschutz vollkommen unentschlossen"

Das könnte daran liegen, dass der "Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Deutschen Bundestages" fast vollständig aus Lobbyisten der Agrarwirtschaft besteht und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft unter der CDU-Ministerin Julia Klöckner zu einer Dependance des schweizerischen Nestlé-Konzerns umfunktioniert wurde.

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/report-hegen-und-pflegen-1.3668000

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13.06.2019

Den meisten Verbrauchern ist es doch egal wie Tiere gehalten werden, wichtig ist, dass es billig ist. Und wie bei allen Entscheidungen in diesem Ressort haben der Bauernverband und andere mächtige Institutionen das Sagen.

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