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Augsburg

25.11.2018

Kuka-Chef Reuter verhandelt mit Chinesen über vorzeitigen Abtritt

Kuka-Chef Till Reuter (rechts) berät offenbar mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Andy Gu (links) über eine vorzeitige Auflösung seines Vertrags.
Bild: Ulrich Wagner

Till Reuter hat den Augsburger Roboterbauer Kuka wieder profitabel gemacht. Nun könnte seine Zeit an der Konzernspitze früher als gedacht zu Ende gehen.

Wer Kuka-Chef Till Reuter auf Twitter folgt, bekommt einen kleinen Einblick in den Alltag des Spitzenmanagers. Die Bilder, die Reuter dort veröffentlicht, zeigen ihn mal in Anzug und orangefarbener Krawatte neben der Bundeskanzlerin, mal in kurzen Hosen und Turnschuhen beim Augsburger Firmenlauf. In den vergangenen Tagen ist es auf Twitter jedoch ruhig geworden um den Vorstandschef des Roboterbauers. Vermutlich hat Reuter aktuell anderes zu tun.

Hinter den Kulissen des Unternehmens wird gerade über die Zukunft des Managers verhandelt. Rund zweieinhalb Jahre nach der Übernahme durch den chinesischen Haushaltsgerätekonzern Midea geht es in den Gesprächen offenbar um eine vorzeitige Auflösung seines noch bis 2022 laufenden Vertrags. Weil Kuka ein börsennotiertes Unternehmen ist, müssen derartige Insiderinformationen sofort veröffentlicht werden, Börsenexperten sprechen in dem Fall von einer Adhoc-Meldung.

Till Reuter ist seit 2009 Kuka-Chef

Eine solche Pflichtmitteilung lief am Freitag kurz vor Mitternacht über die Nachrichtenticker. Die Entscheidung kommt sowohl für Beobachter als auch Mitarbeiter überraschend. Auf Anfrage wollte sich Kuka nicht zu den möglichen Gründen äußern. Es zeichnet sich aber ab, dass die chinesischen Eigner mehr Einfluss auf das tagesaktuelle Geschäft nehmen wollen.

Reuter ist seit 2009 Kuka-Chef. Sein Vertrag läuft eigentlich noch bis 2022.
Bild: Ulrich Wagner

Reuter ist seit 2009 Vorstandschef des Traditionsunternehmens. Vorher war er Berater des damaligen Kuka-Großaktionärs Grenzebach. Bei seinem Antritt bezeichnete sich der Jurist selbst nur als „Interimslösung“ an der Unternehmensspitze, kurz darauf unterschrieb er jedoch einen Vertrag mit langfristiger Laufzeit. Vor dem Einstieg des neuen Chefs war das Unternehmen in Schieflage geraten, schrieb lange rote Zahlen. Im Krisenjahr 2009 mussten 1000 Mitarbeiter in Augsburg und Gersthofen in Kurzarbeit gehen, der Umsatz rutschte um 30 Prozent ab.

Reuter, der zuvor als Investmentbanker für Morgan Stanley, die Deutsche Bank und Lehman Brothers gearbeitet hatte, schaffte die Wende. Zwei Jahre später war Kuka zurück in den schwarzen Zahlen, seitdem ging es stetig aufwärts. Reuter präsentierte Jahr um Jahr glänzende Bilanzen. Zuletzt machte der Konzern ein Umsatzplus von gut 18 Prozent, insgesamt setzte der Roboterbauer im vergangenen Jahr 3,48 Milliarden Euro um. Nach Steuern und Abzügen blieben etwa 88,2 Millionen Euro Gewinn übrig.

In diesem Jahr korrigierte Kuka seine Gewinnprognose

Für das aktuelle Jahr korrigierte der Konzern zuletzt jedoch seine Gewinnaussichten – Grund dafür war unter anderem der Handelsstreit zwischen China und den USA. Zuvor hatten mehrere Zulieferer und Autohersteller ebenfalls ihre Prognosen heruntergesetzt. Kuka ist Weltmarktführer für automatisierte Fertigungsstraßen in der Autoindustrie. Das ist Fluch und Segen zugleich – geht es der Branche gut, profitiert auch Kuka. Geht es ihr schlecht, schlägt sich das sofort in den Unternehmensbilanzen nieder. Der Konzern erwartet nach der Korrektur nun einen Umsatz von rund 3,3 statt der zuvor angepeilten 3,5 Milliarden Euro.

Stefan Söhn beobachtet den Konzern seit Jahrzehnten, war einst selbst hochrangiger Kuka-Manager. Mittlerweile berät er mit seiner Firma MultiTrust Capital Partners Unternehmen, die Geschäfte mit China machen wollen. Der chinesische Mutterkonzern Midea, betont Söhn, sei aus seinem Heimatmarkt noch einmal deutlich höhere Wachstumsraten als die von Kuka gewöhnt. Generell glaubt der Experte aber, dass der Konzern mit dem Roboterbauer noch „große Dinge“ vorhabe. Natürlich dürfe man den Investoren gegenüber nicht blauäugig sein. Söhn betont aber, er habe bisher noch nicht erlebt, dass chinesische Investoren – wie oftmals befürchtet – Firmen nur kaufen, um das Know-how abzusaugen. „Ist ein Unternehmen erfolgreich, lassen die Chinesen es meist unbehindert weiterarbeiten.“

Midea zahlte 115 Euro pro Kuka-Aktie

Vor zweieinhalb Jahren hatte die Übernahme durch Midea deutschlandweit Schlagzeilen gemacht. Vorstandschef Reuter nannte das Jahr 2016 einmal „eines der ereignisreichsten Jahre“ der immerhin 120 Jahre andauernden Unternehmensgeschichte. Der Haushaltsgeräte-Riese aus China hat im Mai 2016 ein Übernahmeangebot über 4,6 Milliarden Euro beziehungsweise 115 Euro pro Aktie vorgelegt. Von dem Angebot ließ sich auch der bisherige Ankeraktionär, der Maschinenbauer Voith, ködern.

Midea sicherte sich so fast 95 Prozent der Kuka-Aktien. Politiker aus Brüssel und Berlin schalteten sich damals in den Übernahmekampf ein, aus Angst, dass deutsche Hochtechnologie unwiederbringlich in chinesische Hände fallen könnte. Der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bemühte sich aktiv, europäische Investoren für Kuka zu finden – am Ende ohne Erfolg.

Standort und Arbeitsplätze sind bis 2023 sicher

Mittlerweile ist die China-Kritik leiser geworden, Arbeitnehmervertreter vor Ort in Augsburg zeigten sich immer wieder zufrieden über den Vertrag, der mit den neuen Eigentümern geschlossen worden war und Standort und Arbeitsplätze bis 2023 sichert. Vor allem der noch amtierende Chef Till Reuter war es, der stets für die Beteiligung der Chinesen geworben hatte. „Wir können aus Kuka noch viel mehr machen“, sagte der Spitzenmanager noch vergangenes Jahr im Interview mit unserer Redaktion. „Wir sollten nicht ängstlich in die Zukunft schauen, sondern die Zukunft gestalten.“ Wie viel Anteil Reuter selbst an der Kuka-Zukunft hat, werden die nächsten Tage zeigen.

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25.11.2018

Auch wenn die Hintergründe zu den Spekulationen über Reuters Zukunft unklar sind:
Der Vorgang könnte die Diskussion um die Übernahme deutscher Industrieperlen durch chinesische Unternehmen wiederbeleben.

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