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Interview

19.08.2020

Kulturgeograf Bätzing: "Das Land braucht wieder mehr Freiheiten"

Sieht von oben doch ziemlich heimelig aus – doch welche Zukunft hat das Land in Zeiten der Globalisierung? 
Bild: Marcus Merk (Archiv)

Überalterung, fehlende Jobs, verödete Dorfkerne: Warum der Kulturgeograf Werner Bätzing den ländlichen Raum als Verlierer der Globalisierung bezeichnet.

Herr Bätzing, seit einigen Jahren wird in einschlägigen Zeitschriften das Hohelied auf das Landleben gesungen. Ist das nur eine Fiktion oder entdecken die Deutschen den ländlichen Raum neu?

Werner Bätzing: Diese Zeitschriften vermitteln nach meiner Ansicht eine Fiktion, weil sie ein Bild des Landlebens zeichnen, das mit der Realität wenig zu tun hat. Das Land wird als Idylle für ein „Schöner leben“ gezeichnet. Aber die Probleme und Konflikte, die mit dem Landleben verbunden sind, werden vollständig ausgeblendet.

Mit welchen Problemen haben wir es im ländlichen Raum zu tun?

Bätzing: Das sind drei Punkte: Demografie, Wirtschaft und Infrastruktur. Zunächst verliert das Land schon seit vielen Jahren Einwohner, je weiter entfernt von einer Großstadt, desto mehr. Das Land überaltert, weil vor allem die jungen Menschen wegziehen. Die Sterbezahlen auf dem Land sind teilweise so hoch, dass es eine deutliche Zuwanderung von Jüngeren bräuchte, um den Abgang der Alten auszugleichen. Da das aber nicht passiert, leben auf dem Land immer weniger Menschen. Dadurch verschärfen sich die Probleme bei Wirtschaft und Infrastruktur.

Was passiert mit der Wirtschaft auf dem Land?

Bätzing: Das Land hat seit den 1960er-Jahren viele Arbeitsplätze verloren, und nach 1990 gab es durch die neoliberale Politik einen zusätzlichen Schub. Früher war Deutschland ganz klar ein Sozialstaat, und dieser hat sich ganz bewusst um den Erhalt auch von Arbeitsplätzen auf dem Land bemüht. Das wurde im Zuge der deutschen Einheit und vor dem Hintergrund der Globalisierung aufgegeben. Es verschwanden die Gastwirtschaften, Läden, Metzger und die kleinen Schlachthöfe.

Werner Bätzing sagt: Das Land ist ins Hintertreffen geraten.
Bild: Uli Ertle

Was klein ist, kommt unter die Räder?

Bätzing: Ja, die großen Betriebe dominieren das Feld. Die sind entweder in den Städten oder – wenn sie im ländlichen Raum angesiedelt sind – in den Gewerbegebieten und nicht in den Ortszentren. Das heißt: Ohne Auto für die Einwohner schlecht erreichbar.

Von welchen Ausmaßen sprechen wir?

Bätzing: Es gibt keine offiziellen Zahlen. Ich stütze mich auf Zahlen ausgewählter Gebiete im ländlichen Raum Frankens. Demnach sind seit 1960 mindestens 50 Prozent der Arbeitsplätze auf dem Land weggefallen.

Der Rückgang der Jobs in der Landwirtschaft steckt da mit drin?

Bätzing: Sicher, aber dort ist die Lage noch viel dramatischer. Seit 1949 ging die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze um 90 Prozent zurück. Im Prinzip hält das bis heute an. Betroffen sind ja auch die Stellen, die eng mit der Landwirtschaft verbunden waren, wie die Landmaschinentechnik und der Handel mit diesen Geräten.

Stichwort „Produkte aus der Region“. Kann das nicht helfen, verlorene Jobs zurückzugewinnen?

Bätzing: Das Bedürfnis der Menschen, regionale Produkte zu kaufen, entstand Mitte der 1990er-Jahre und war damals ganz neu. Theoretisch ist das für den ländlichen Raum eine große Chance. Denn viele Menschen werden gegenüber dem Angebot der großen Agrarfabriken zu Recht skeptisch. Bei jedem neuen Lebensmittelskandal gab es da einen Schub für die Regionalprodukte, die ja anfangs in einer Nische entstanden.

Dann wurde das zu einem Selbstläufer.

Bätzing: 70 bis 80 Prozent der Menschen sagen heute, dass sie auf regionale Produkte Wert legen. Aber diese Absichtserklärungen darf man nicht für bare Münze nehmen. Im Supermarkt kaufen die Leute meist doch das billigere Produkt. Dennoch: Regionale Produkte bergen die Chance, dass auf dem Land dezentrale Arbeitsplätze gestärkt werden, vor allem dann, wenn sie umwelt- und sozial verträglich hergestellt werden.

Buergerrecherche 

Was bremst diesen Prozess?

Bätzing:  Dass der Lebensmittel-Großhandel zwar darauf eingestiegen ist, aber den Ansatz in seinem Sinne verdreht hat. Unter dem Label von Eigenmarken werden Produkte hergestellt, die von den großen Ketten wie etwa Aldi oder Netto als regional verkauft werden, aber nicht regional sind. Ein guter Gedanke wird so unterlaufen. Unter dem Label „Regionalfenster“ wird mit staatlicher Hilfe Regionalität bei Obst, Gemüse, Fleisch oder Milchprodukten nur vorgegaukelt und fingiert. Es handelt sich aber um agroindustrielle Ware, die mit dem Angebot kleiner Vermarkter nichts zu tun hat.

Eine Fehlsteuerung also?

Bätzing: Ja, genau. Die Politik setzt mit dem „Regionalfenster“ einen Rahmen, der sich zulasten des ländlichen Raums auswirkt. Auch die Agrarsubventionen, die von der Europäischen Union zur Verfügung gestellt werden, nutzen vor allem den Großbetrieben, nicht aber dem ländlichen Raum. Immer detailliertere Hygiene-Auflagen, die nur Großbetriebe technisch erfüllen können, haben dazu beigetragen, dass viele kleine Schlachthöfe kaputtgemacht worden sind. Gesetzte Massenstandards gehen zulasten der Qualität.

Die Grünen haben kürzlich den Vorschlag formuliert, man solle Stadtbewohner hinaus aufs Land locken. Was halten Sie davon?

Bätzing: Der Appell bleibt so lange eine Fiktion, wie keine entsprechenden Arbeitsplätze auf dem Land verfügbar sind – und keine Infrastruktur wie Schulen, Kitas, Verwaltung, Medizinversorgung. Das alles ist ja im Rahmen des neoliberalen Umbaukonzepts sehr stark in den Städten zentralisiert worden. Leitidee: Nur große Einheiten sind kostengünstig zu betreiben. Das begann mit dem Sterben der Dorfschule und dem gemeinsamen Unterricht der Klassen eins bis vier. Das gilt heute als menschenunwürdig, war aber gar nicht so schlecht.

Wie meinen Sie das?

Bätzing: Schule ist zu einem abstrakten System geworden. Man erfährt viel darüber, wie man sich in einer globalisierten Welt bewegen kann und soll. Wie man im Dorf lebt und den ländlichen Raum aufwertet, lernt man nicht. Es dominiert überall die städtische Logik. Deshalb sind die Qualitätsangebote etwa im medizinischen Bereich nur noch in der Stadt zu finden. Das betrifft auch die Kultur, die Bibliotheken, die Bildung und Ausbildung. Das Land ist dagegen in der Fläche entwertet worden.

Sind die gut an die Städte angebundenen Gemeinden der Speck- und Grüngürtel eine Alternative?

Bätzing: Nein. Wir sprechen vom Phänomen der Suburbanisierung. Das ist die Ausbildung einer Zwischenstadt, die weder Stadt noch Land ist. Sie ist in meinen Augen besonders problematisch und umweltbelastend durch sehr starken Verkehr, extreme Siedlungsvergrößerung und Flächenverbrauch. Wirtschaftlich sind diese Konstrukte nicht lebensfähig, weil die Menschen woanders arbeiten. Auch sozial ist das problematisch. Denn die Bewohner identifizieren sich mit ihrer Parzelle, ihrem Haus, kennen aber den Nachbarn nicht. Es gibt keine soziale und keine regionale Identität.

Werden Dörfer in Stadtnähe zu reinen Vehikeln für Neubaugebiete?

Bätzing: Richtig. Wir sehen auch hier die Entwicklung zur Zwischenstadt. Das Dorf lebt nicht mehr vom Dorfkern, sondern lebt von seiner Peripherie her. Da wird nur gewohnt, gearbeitet und eingekauft wird woanders. Die Freizeit wird auch nicht ortsnah, sondern in Freizeitzentren verbracht. Das ist eine negative Entwicklung, die zurückgebaut werden muss.

Ist im ländlichen Raum denn alles auf dem absteigenden Ast?

Bätzing: Nein, das ist nicht der Fall. Das Tief der Entwicklung wurde Ende der 1970er-Jahre erreicht. Da sah es in ganz Europa so aus, als ginge es mit dem Land immer weiter bergab und die Traditionen gingen zugrunde. Das ist aber nicht passiert. Dann wurde das Land wieder aufgewertet – durch viele guteImpulse von unten: die Regionalinitiativen mit ihren Produkten etwa. Leider wird das von oben durch die Politik abgewürgt und es fehlt die Vernetzung.

Was ist Ihre Hoffnung?

Bätzing: Es braucht einen großen Politikwandel, der dem ländlichen Raum wieder mehr Freiheiten lässt. Dann würde sich von unten her etwas tun, denn die Menschen und Ideen sind da. Das muss sich aber entfalten können. Diesen Wandel sehe ich spontan aber nicht. Denn Politik und Verbraucher sind trotz der Corona-Krise so stark in ihrem Verhalten verwurzelt, dass eine einzige Krise nicht ausreicht, um das zu ändern.

 

Und wenn die Krise anhält?

Bätzing: Dann könnte der ländliche Raum zur Basis werden, die die Städte mit Qualitätsprodukten versorgt – von Lebensmitteln über Handwerksprodukte bis zu Dienstleistungen. Das wäre ein System, das ein Stück weit von den Verwerfungen des globalen Markts unabhängig wäre und eine größere Resilienz als die Städte besäße. Da hätte man einen Puffer und damit mehr Sicherheit. Aber um das zu realisieren, braucht es eine längere Krisenperiode.

Zur Person Werner Bätzing, 71, wuchs auf dem Land auf, studierte Theologie und Philosophie, später Geografie. Er lehrte als Professor an der Uni Erlangen und befasst sich mit den Alpen und dem ländlichen Raum.

Lesetipp Werner Bätzings neues Buch „Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ ist im Verlag C.H. Beck erschienen, hat 302 Seiten und kostet 26 Euro.

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