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Landwirtschaft

20.01.2020

Landwirte kritisieren Niedrigpreise - Handel wehrt sich gegen Vorwürfe

Der Handel sagt, die Lebensmittelpreise in Deutschland seien deutlich gestiegen. Auch die Verbraucher sind offenbar mittlerweile bereit, mehr für Lebensmittel zu bezahlen.
Bild: Sergey Ryzhov, Adobe Stock

Bauernpräsident Rukwied und Agrarministerin Klöckner kritisieren die Niedrigpreise für Lebensmittel. Jetzt reagieren die Verbände.

Auf den Protest folgt der Protest und dem der Protest gegen den Protest – die Situation in der deutschen Landwirtschaft ist unübersichtlich. Klar ist: Die Lage für die Bauern ist angespannt. Agrarministerin Julia Klöckner reagiert auf die Proteste mit Appellen zum Dialog, aber auch, wie jüngst auf der Grünen Woche, mit dem Aufruf an Handel und Verbraucher, höhere Preise für Lebensmittel zu bezahlen. „Wertschätzung und Wertschöpfung haben sich bei der Produktion von Lebensmitteln voneinander abgekoppelt“, sagte Klöckner bei ihrer Rede zur Eröffnung der Ernährungsmesse in Berlin. Die Bauern seien bei Verhandlungen oft nicht auf Augenhöhe mit den Handelsketten. Auf diese mehrfach auch von Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, geäußerte Kritik reagiert der Handel nun mit einem Schreiben an die Ministerin, das unserer Redaktion vorliegt.

Landwirte kritisieren Niedrigpreise für Lebensmittel - Handel wehrt sich gegen Vorwürfe

Darin weisen die Präsidenten des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Josef Sanktjohanser, und des Handelsverbandes Lebensmittel (BVLH), Friedhelm Dornseifer, die Vorwürfe deutlich zurück: „Die bestehenden strukturellen Probleme der Landwirtschaft hat der Handel nicht verursacht. Sie sind unter anderem Folge von Überkapazitäten sowie von Entwicklungen auf den globalen Weltmärkten“, schreiben sie. Zudem kauften Lebensmittelhändler nur in den seltensten Fällen direkt beim Erzeuger ein, sondern verhandelten mit der lebensmittelverarbeitenden Industrie oder bäuerlichen Genossenschaften.

Deutschland sei bei den Lebensmittelpreisen längst nicht mehr der günstigste Markt. Die Preise für Lebensmittel seien im Vergleich zu den Verbraucherpreisen in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. „Allein seit 2015 wurden Nahrungsmittel knapp acht Prozent teurer“, schreiben die Handelsvertreter. Hinzu komme, dass deutlich weniger als die Hälfte der von der Landwirtschaft angebotenen Menge an den Lebensmittelhandel geht. Bei Fleisch zum Beispiel sei es nur rund ein Drittel. Der überwiegende Rest gehe in die verarbeitende Industrie, die Gastronomie oder in den Export.

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Die bestehenden strukturellen Probleme der Landwirtschaft hat der Handel nicht verursacht. So wehren sich die Chefs der Handelsverbände gegen Kritik von Agrarministerin Julia Klöckner.
Bild: Adobe Stock

Handelsvertreter sagen: Verbraucher sind bereit mehr zu bezahlen

Was die Handelsvertreter ausdrücklich auch sagen, ist, dass Verbraucher bereit sind, für mehr Qualität auch mehr zu bezahlen. Das zeige auch der wachsende Anteil von Bio- oder Fair-Trade-Waren.

Auch bei einem anderen Thema reagiert der Handel auf Kritik. Seit Monaten schon kündigt Klöckner ein staatliches Siegel für Tierwohl an. Dieses soll nun erst einmal nur für Schweine gelten und bis Mitte des Jahres beschlossen werden. Ein freiwilliges Siegel, das Auskunft über die Haltungsbedingungen gibt, existiert bereits von der von Handel und Unternehmen der Land- und Fleischwirtschaft getragen Initiative Tierwohl (ITW). Im Vorfeld der Grünen Woche kündigte ihr Geschäftsführer Alexander Hinrichs eine Verlängerung und Ausweitung des Programms an.

Ab dem Jahr 2021 sollen Verbraucher neben Geflügelprodukten auch große Teile des Schweinefleisch-Sortiments im Handel am ITW-Produktsiegel erkennen können. Teilnehmende Schweinemäster erhalten dann einen Aufschlag von 5,28 Euro pro Mastschwein. Diesen Aufpreis zahlen die Schlachtunternehmen an die Mäster. Anschließend verhandeln die Schlachter mit dem Lebensmitteleinzelhandel oder anderen Abnehmern die nötigen Aufschläge. Ob und inwieweit die Aufschläge dann beim Verbraucher ankommen, liegt also bei den Handelsketten oder der Gastronomie.

Freiwilliges Siegel der Initiative Tierwohl: Auch die Gastronomie soll jetzt folgen

Der Lebensmitteleinzelhandel habe sich verpflichtet, große Sortimentsbereiche auf Ware mit Tierwohl-Siegel umzustellen, so Hinrichs. „Wir sind zuversichtlich, dass dieses Modell Verbraucherpreise ermöglicht, die sich ein Großteil der Verbraucher leisten kann und wird“, so Hinrichs, und weiter: „Uns geht es nicht darum, Tierwohl so teuer zu machen, dass das ausschließlich Bio-Eliten bezahlen können.“

Am Zug seien nun aber auch die Systemgastronomie und große Kantinenbetreiber. Der künftige Kriterienkatalog für Schweinehalter beinhaltet etwa Tageslichteinfall, zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und Maßnahmen zur Tiergesundheit. Zudem wird Raufutter zur Pflicht. Bei Geflügel sollen sich die Kriterien nicht ändern, aber die Finanzierung umgestellt werden.

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Die Diskussion ist geschlossen.

21.01.2020

Liebe Politiker, führt doch endlich eine ordentliche Fleischkenzeichnung ein wie beim Ei, gesetzlich verpflichtend!
Im Supermarkt und auch beim Metzger ist nicht ersichtlich ob das teurere Fleisch, auch dem Tierwohl und dem Bauer zu gute kommt.
1 Bio
2Kleinbäuerliche Landwirtschaft mit Auslauf im Freien
3 Stallhaltung mit Tageslicht ohne Auslauf im Freien
4 Massentierhaltung, kein Tageslicht, kein Auslauf

Warum entwirft der Bauernverband keine solchen Vorschläge und unterbreitet sie der Politik?
Das würde die Preise erhöhen, siehe Eier und auch das Vertrauen der Bürger.

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