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Augsburg

08.12.2020

Manroland: Es drohen herbe finanzielle Einschnitte

Den Beschäftigten des Augsburger Unternehmens Manroland web production droht ab kommendem Jahr unbezahlte Mehrarbeit und der Verlust des Weihnachts- sowie Urlaubsgeldes. Doch noch stehen Verhandlungen darüber an.
Bild: Michael Hochgemuth

Plus In Augsburg sind bei einem Ex-Manroland-Betrieb die knapp 1000 Jobs noch sicher, einem Teil der Mitarbeiter droht aber etwa der Verlust des Urlaubsgelds.

Die Druckmaschinen-Branche ist lange vor der Corona-Pandemie in eine tiefe Krise geraten. So musste die Führung der einstigen Augsburger Manroland AG mit damals noch etwa 6500 Beschäftigten am 25. November 2011 Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen. Es war damals die größte Pleite in Deutschland seit rund zwei Jahren. Vor Weihnachten spielte sich in Augsburg ein Drama ab. Nachdem die Firma schon nach der Jahrtausendwende als Folge der sich beschleunigenden Digitalisierung zu schwächeln begann, setzte sich die Talfahrt bis zur Insolvenz hin fort.

Die Manroland-Pleite stellt bis heute eine der großen Wunden in der jüngeren bayerischen Industriegeschichte dar. Nachdem aber die Lübecker Possehl-Gruppe den Rollen-, also den Zeitungs- und Illustrationsdruckbereich in Augsburg übernommen hat, kehrte mit deutlich reduzierter Mannschaft Stabilität ein. Von den zu Glanzzeiten mehr als 3000 Beschäftigten in Augsburg sind noch knapp 1000 Mitarbeiter nach Jahren der Umstrukturierung in drei Firmen übrig geblieben.

Dabei sollte 2020 ein Erfolgsjahr werden. Nach einem 2018 erfolgten Zusammengehen mit dem US-Konkurrenten Goss und der Eroberung neuer Geschäftsbereiche wie dem Verpackungsdruck schienen bessere Zeiten bevorzustehen. Doch dann kam der Corona-Nackenschlag.

Manroland web production rechnet mit roten Zahlen

Dennoch peilt das Manroland Goss web systems heißende größte der drei Unternehmen mit rund 650 Mitarbeitern schwarze Zahlen für dieses Jahr an, was zusammen mit zwei neuen Aufträgen für Zeitungsdruckmaschinen ein Erfolg angesichts der Wirtschaftslage ist. Die Firma ist für Konstruktion, Software, die Endmontage und vor allem den Service der Anlagen zuständig. Die Bauteile für Druckmaschinen kommen ebenfalls aus Augsburg von der kleineren Firma Manroland web production. Die etwa 230 Beschäftigten des Unternehmens fertigen im Auftrag des größeren Schwesterbetriebs Komponenten für Druckmaschinen. Weil sie hier nicht nur für Manroland Goss, sondern auch für andere Maschinenbauer in Deutschland tätig sind, ist das Unternehmen in die Krise gerutscht. Geschäftsführer Franz Gumpp rechnet deshalb mit roten Zahlen für 2020.

 

Der Betrieb ist wie andere Lohnfertiger in der Corona-Krise unter Druck geraten, da Maschinenbauer verstärkt Produktion wieder ins Haus holen, um im eigenen Betrieb Arbeitsplätze zu sichern. Der Fall Manroland web production zeigt exemplarisch die Folgen der Entwicklung auf: Die Geschäftsleitung muss angesichts schrumpfender Aufträge und Erträge gegensteuern, also Kosten senken. Weil Sach- und Fixkosten im Zuge von einer Umorganisation kräftig heruntergeschraubt wurden, geht es an die Personalkosten.

Manroland: Betriebsräte sprechen von "Katalog der Frechheiten"

Die Arbeitnehmerseite um den Betriebsratsvorsitzenden Sascha Hübner wiederum pocht auf die Einhaltung des Beschäftigungssicherungsvertrages, der bis Mitte 2023 gilt. Die Job-Garantie stellt das Management nicht infrage und sucht einen Ausweg, um die noch etwa 230 festen Arbeitsplätze zu erhalten, wurden doch schon 40 für Leiharbeiter und befristete Beschäftigte gestrichen. Der Ausweg hat es in sich, ja empört die Arbeitnehmervertreter.

Aus einem Schreiben des Betriebsrats, das unserer Redaktion vorliegt, geht die Strategie der Firmenleitung hervor: Demnach soll die wöchentliche Arbeitszeit von 37,5 auf 40 Stunden – und das ohne Lohnausgleich – erhöht werden. Ab 2021 würde nach den Vorstellungen der Unternehmensvertreter zudem Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. In den Genuss von Tariferhöhungen und einer im Tarifvertrag enthaltenen Sonderzahlung, die nach Berechnungen des Betriebsrats etwa im Schnitt pro Mitarbeiter 1000 Euro ausmacht, kämen die Beschäftigten auch nicht mehr.

Der „Katalog der Frechheiten“, wie ihn Betriebsräte nennen, würde demnach drei Jahre gelten. In dem Schreiben kritisieren die Fürsprecher der Beschäftigten: „Wieder einmal sollen wir als Belegschaft für die Fehler und Unfähigkeit der Geschäftsführung die Rechnung bezahlen.“ Dabei sehe die Geschäftsleitung als einzige Alternative zu den genannten Forderungen den Austritt aus dem Arbeitgeberverband und die Beendigung des Beschäftigungssicherungsvertrages mit Kündigungen oder sogar die Insolvenz an. Doch obwohl die Wünsche der Arbeitgeberseite aus Sicht des Betriebsrates „fast schon an Erpressung“ grenzten, unterstützen die Betriebsräte die Verhandlungen der IG Metall mit dem Unternehmen. Es gehe einzig darum, möglichst vielen Kolleginnen und Kollegen einen Arbeitsplatz und ein akzeptables Einkommen zu erhalten. Dem Vernehmen starten bald die Gespräche zwischen der Arbeitnehmer- und Unternehmensseite. Vielleicht gebe es noch vor Weihnachten einen Kompromiss, heißt es.

Firma will Jobs in Augsburg erhalten

Geschäftsführer Gumpp bestätigt die in dem Schreiben aufgelisteten Forderungen des Unternehmens. Für ihn ist es aber wichtig: „Wir wollen in diesen schwierigen Corona-Zeiten die Arbeitsplätze erhalten. Deswegen bitten wir um Gespräche und Verhandlungen.“ Das Unternehmen bekomme sowohl von der größeren Manroland-Schwesterfirma als auch von anderen Betrieben weniger Aufträge.

Corona hat uns hier kräftig in die Suppe gespuckt“, sagt Gumpp. Nun drückten die Personalkosten auf das Ergebnis. Der Manager setzt auf die Solidarität der Belegschaft. Um die Mitarbeiter dafür zu gewinnen, geht das Unternehmen einen ungewöhnlichen Weg: Wenn die Beschäftigten für drei Jahre auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Tariferhöhungen verzichten, werden sie am Gewinn der Firma beteiligt, sind also eine Art Mit-Unternehmer.

Franz Gumpp will Arbeitsplätze in Augsburg erhalten.
Bild: Silvio Wyszengrad

Sollte also Manroland web production positive Zahlen schreiben, wird die Hälfte der Summe an die Beschäftigten ausgeschüttet. Betriebsratsvorsitzender Hübner lehnt den Forderungskatalog der Gegenseite als „nicht akzeptabel“ ab. Die Stimmung unter den Beschäftigten sei inzwischen in den Keller gerutscht. Viele wirken frustriert, drohen doch nach Kurzarbeit finanzielle Einschnitte. Geschäftsführer Gumpp lässt indes keinen Zweifel daran: „Wenn wir in den Verhandlungen nicht erfolgreich sind, dann stehen auch Arbeitsplätze und die Fortführung des Unternehmens in jetziger Form auf dem Spiel.“

Manroland-Konkurrenten bauen Jobs ab

Wie angespannt die Lage des Wirtschaftszweigs ist, zeigt das Beispiel eines anderen deutschen Druckmaschinenherstellers, nämlich Koenig & Bauer aus Würzburg. Das Unternehmen ist in die roten Zahlen abgeglitten und will kräftig Kosten einsparen. Folglich sollen 700 bis 900 von zuletzt noch rund 5800 Arbeitsplätzen kurz- bis mittelfristig wegfallen. Auch der dritte deutsche Anbieter, die Heidelberger Druckmaschinen AG, streicht bei leichten Verlusten, aber wieder anziehenden Geschäften weltweit rund 1600 von noch gut 11.000 Stellen.

Koenig & Bauer und die Heidelberger Druckmaschinen AG wollen sich weiter gesundschrumpfen. Einstmals gab es Pläne für eine Art Deutsche Druckmaschinen AG. Doch 2009 wurden die Verhandlungen über eine Fusion von Manroland und dem Rivalen aus Heidelberg abgeblasen. Mancher Branchenkenner sieht das bis heute als Fehler an.

Lesen Sie dazu auch: Manroland Goss will mit neuen Ideen durch die Corona-Krise

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