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Rocketeer-Festival

05.05.2019

Michael Brecht weiß, was Gründer für den Erfolg brauchen

Vom Gründer zum Startup-Förderer: Michael Brecht spricht auf dem Rocketeer-Festival in Augsburg.
Bild: Peter Fastl

Früher war er selbst Gründer, heute unterstützt er Start-ups: Michael Brecht weiß, wie man mit Ideen Geld verdient. Ein Interview vor dem Rocketeer-Festival.

Was war denn die coolste Idee, die Sie jemals zu Geld gemacht haben?

Michael Brecht: Ich hatte ja das Glück, dass ich schon viele Ideen und Themen in meinem Leben begleiten durfte. Dabei bin ich durch unterschiedliche Phasen gelaufen. Das waren zum einen coole Ideen von anderen Menschen, die ich mit umsetzen durfte, so wie bei CompuNet Anfang der 90er Jahre. Das andere waren eigene Ideen wie bei Urbia - der digitalen Familienplattform, die wir aus dem Nichts heraus entwickeln konnten. Und das dritte war Doodle, wo es gelungen ist, ein Tool zweier sehr junger Gründer aus Zürich in ein großes Medienhaus zu integrieren, global auszurollen und nachhaltig zu monetarisieren.

Viele Gründer scheitern aber auch in Deutschland. Warum?

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Brecht: Ich würde nicht sagen, dass es so viele sind. Außerdem gehört das ein Stück weit zur Startup-Kultur dazu. Wir sind in Deutschland sehr konservativ, was das Thema Scheitern angeht. Andere Nationen wie die USA gehen damit viel offener um. Sie sehen eher eine Lernkurve. Manchmal ist es nicht schlecht, wenn man sich durchbeißen oder noch eine Schleife drehen muss. Auch das Wagniskapital wird in den USA übrigens zu einem bestimmten Prozentsatz in dem Wissen ausgegeben, dass es zu einem Scheitern kommen kann.

Haben wir genug Kapital in Deutschland, haben wir genug Ideen?

Brecht: Ideen haben wir eine ganze Menge. Wir sind ein innovatives Land, was die Anzahl an Patentanmeldungen belegt. Was uns tatsächlich fehlt, ist Wagniskapital im wahrsten Sinne des Wortes: Wagnis. Was die Risikofreudigkeit des hiesigen Finanzsystems betrifft, rangieren wir deutlich hinter anderen Nationen. Das liegt sicher auch an einer gewissen Skepsis gegenüber neuen Ideen.

Sind wir Deutschen Digitalisierungs-Muffel? Es gibt Vorbehalte, viele sehen sich eher als Verlierer der Digitalisierung, nicht als Gewinner.

Brecht: Ich glaube, das ist eine Altersfrage. Wir haben selbst vier Kinder. Die gehen mit der Digitalisierung ganz anders um als meine Generation. Sie sehen eher die Chancen. Wir haben aber gerade in den traditionelleren Industrien schon die Sorge, dass dort Arbeitsplätze abgebaut werden können, etwa im Automobil- oder im Logistik-Sektor.

Nehmen wir mal Ihre eigene Erwerbsbiografie. Sie haben mal eine Banklehre gemacht, waren Vorstandsmitglied, sind selbst Gründer, Berater, Gesellschafter, Finanzier. Muss man heutzutage wirklich alles tun, um nicht den Anschluss zu verpassen?

"Es gehört auch ein bisschen Glück dazu"

Brecht: Ich habe tatsächlich viele unterschiedliche Themen machen können, und dafür bin ich auch sehr dankbar. Das passt gut zu meinem Rocketeer-Auftritt, bei dem ich zum Thema Mut zur Innovation, Mut zur Veränderung spreche. Natürlich war das in früheren Generationen anders, als man zum Beispiel 30 Jahre für die gleiche Bank gearbeitet hat. Für die heutige Jugend ist das aber nicht ganz untypisch. Ich erinnere mich, dass ich am 1. November 1989 in Berlin begonnen habe. Neun Tage später fiel die Mauer. Es gehört manchmal ein bisschen Glück dazu, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Was gehört noch zur DNA eines erfolgreichen Gründers?

Brecht: Erfolgreiche Gründer von heute haben nicht nur selber den Elan, Innovation anzugehen. Sondern sie sind auch Menschen, die richtig gut zuhören können. Es geht heute sehr stark darum, dass sich Gründer im Team ergänzen. Es müssen nicht alle von der gleichen Hochschule kommen oder das gleiche Wissen haben. Es muss einen geben, der etwas sehr gut kann, und einen anderen, der etwas anderes sehr gut kann. Ich sehe in Deutschland eine Gründergeneration, die genau das mitbringt: sensibel dafür zu sein, was ich mit meinen Kollegen zusammen entwickeln kann und gleichzeitig mit einer exzellenten eigenen Ausbildung Innovator zu sein.

Also sollten Gründer nicht allein arbeiten?

Brecht: Nein, und ich rate übrigens auch davon ab, dass ein Pärchen zum Gründerpärchen wird. Das finde ich nicht sehr spannend. Es sollte ein Team sein, und es sollte komplementär aufgestellt sein.

Was sind die Trends, die für Gründer derzeit besonders attraktiv sind?

Brecht: Ich bin selbst seit einigen Jahren im Bereich neue Mobilität unterwegs. Da passiert eine Menge, vom autonomen Fahren über die E-Mobilität bis zur Logistik. Eine der größten Zukunftsfragen wird sein, wie wir uns in den Städten von morgen überhaupt noch bewegen können.

"Ich bin ein großer Fan des E-Scooters"

Sie sprechen jetzt von E-Scootern und Flugtaxis?

Brecht: Das hat beides seine Berechtigung. Ich bin ein großer Fan des E-Scooters und traue mich die Wette einzugehen, dass ich in Augsburg jedes Auto mit meinem E-Scooter zeitlich auf der letzten Meile schlage. Das liegt nicht nur an der schwierigen Situation für Autofahrer, sondern an der großartigen Effizienz dieser elektrischen Scooter. Bei den Flugtaxis müssen wir differenzieren. Hier reden wir nicht von Augsburg, sondern von Sao Paolo, also letztlich von 30 Megacities, in denen es beispielsweise vier Stunden dauert, vom Büro in der Innenstadt zum Flughafen zu kommen.

Sie haben auf vielen Kontinenten gelebt und gearbeitet. Warum hat es Sie ausgerechnet nach Augsburg verschlagen?

Brecht: Ich habe mit meiner Familie sechs Jahre in Australien verbracht und bin dort im Weingeschäft tätig gewesen. Australien ist ein sehr erfolgreicher Weinexporteur. Ich bin dann damals gebeten worden, einen digitalen Shoppingclub für Wein aufzubauen. Der Standort sollte München sein. Da meine Frau und ich jedoch lieber in einer kleineren, persönlicheren Stadt leben, haben wir uns für Augsburg entschieden. So fanden wir zurück nach Europa.

"Wir haben hier einen großartigen Standort"

Wie sehen Sie die Gründerszene in unserer Region?

Brecht: Wir haben hier einen großartigen Standort. Das müssen wir alle noch viel stärker herausstellen. Deshalb mag ich die Rocketeer-Thematik so. Das eröffnet uns die Möglichkeit, diese Menschen, die Gründer sind, oder die Gründer fördern wollen oder die generell an Innovation interessiert sind, auf eine Bühne zu bekommen. Dieses Netzwerk bietet wahnsinnig viel Wert. Früher hatten wir die Thematik, dass viele Augsburger nach München abgewandert sind. Heute bleiben viele, und das ist gut so!

Mal angenommen, junge Gründer wollen Sie als Investor gewinnen. Wie lassen Sie sich überzeugen?

Brecht: Den Michael Brecht zu überzeugen, ist nicht so ganz einfach, weil ich nicht in dieser ganz frühen Phase von Gründungen unterwegs bin. Sondern weil ich mich mit meinem Team und den Venture Partnern auf reifere Startups stütze. Da ist der Kapitalbedarf immens hoch. Das heißt, wir sind nicht der Ansprechpartner für diejenigen, die frisch von der Universität kommen.

Wer kann dann denen helfen?

Brecht: Ich kann verweisen auf Institutionen in Augsburg, die hier zuständig sind, zum Beispiel der Hörsaal der Löwen an der Hochschule in Augsburg oder das Augsburg Center of Entrepreneurship an der Universität Augsburg. Beide bieten eine hervorragende Grundlagen-Ausbildung, um zum Beispiel zu lernen, wie man einen Businessplan schreibt, wie man ein Team zusammen stellt, wie man eine Finanzierung plant.

Das heißt: Auch in der digitalen Innovation steckt eine Menge gutes altes Unternehmer-Handwerk?

Brecht: Ja. Nicht alles ist Magie, die aus irgendeiner Cloud heraus fällt. Ich glaube daran, dass man als Startup-Gründer viel Handwerk erlernen muss. Da kann sich im Idealfall auch ein externer, erfahrener Partner mit seiner Expertise einbringen. So machen wir das ja auch bei den Mobilitäts-Startups, die wir betreuen.

Was machen Sie in fünf Jahren?

Brecht: Ich bin ja schon seit einigen Jahren nicht mehr selbst Gründer, sondern versuche, Gründer zu begleiten. Das heißt: von diesem täglichen Pizzakarton-Vernichten am Abend habe ich mich verabschiedet. Ich bin gerne mit Rat und Tat dabei, vermittle Partnerschaften und helfe bei den Investments. Ich bin aber nicht mehr im Tagesgeschäft - das machen die Gründer selbst. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht dramatisch ändern. Ich stelle eine Schnittstelle dar zwischen Startups, größerem Mittelstand und Großunternehmen, um Potenziale zu finden.

Das Modell Doodle.

Brecht: Ja. Da hatten wir die unglaubliche Chance, ein sehr kleines Schweizer Unternehmen mit einer ganz klaren Lösung – nämlich Termine für Gruppen effizient zu organisieren– zu einem Weltmarktführer auszubauen. Heute nutzen jeden Monat Millionen Menschen in 20 Sprachen Doodle. Darauf kommt es an: die jungen Wilden zu integrieren in die Welt der traditionellen Unternehmen. Die großen Unternehmen haben einen riesigen Bedarf, Innovationspotenzial von außen zu heben.

Könnten so auch der regionale Mittelstand und die Gründerszene voneinander profitieren?

Brecht: Keine Frage. Wir sind hier in der Gegend von vielen Hidden Champions umgeben, für die das genauso gilt.

"Morgens nicht als erstes die Emails checken"

Sie haben mal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Productivity Book“. Was steht denn drin?

Brecht: Wir haben Doodle immer als Produktivitätssoftware positioniert: Gruppen können ihre Termine damit im Schnitt 15 Minuten schneller vereinbaren als auf herkömmlichem Weg. Im Zuge dessen habe ich mit 30 internationalen Produktivitäts-Experten gesprochen. Da geht es um Fragen wie: Wie organisiere ich mich, wie meinen Arbeitstag, was mache ich idealerweise am Abend, was am Morgen, was löse ich digital, was mit Block und Stift. Insofern ist das ein Ratgeber aus dem Munde von 30 Spezialisten.

Haben Sie einen konkreten Tipp daraus?

Brecht: Ja. Morgens nicht gleich als erstes die Emails checken, sondern wenn das Gehirn noch frisch ist, lieber die Energie in kreative Aufgaben stecken.

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