Lehrstellenoffensive

18.04.2016

Mit Abitur in die Schreinerei

Tobias Müller kann auch Abiturienten empfehlen, eine Lehre zu machen. Seine Schreinerausbildung hilft ihm beim Studium. Längst hat er seine Begeisterung für Baustatistik entdeckt und arbeitet in dem Kemptener Ingenieurbüro Dr. Schütz.
Bild: Ralf Lienert

Tobias Müller hat sich seinen Kindheitswunsch erfüllt. In der Ausbildung kam der Türkheimer rund um die Welt und spürte, was er beruflich wirklich will.

Mit dem Abitur in der Tasche ins Handwerk? Für viele ist das noch ein Widerspruch. Für Tobias Müller nicht. 2008 machte er in seinem Heimatort Türkheim im Unterallgäu Abitur. Und während es die meisten Klassenkameraden danach in die Universitätsstädte zog, blieb er und machte seinen Kindheitswunsch wahr: Er wurde Schreiner. „Als Kind war das für mich immer klar. Und kurz vor dem Abi kam ich dann wieder drauf.“ Müller hatte den Kunst-Leistungskurs besucht, interessierte sich für Innenarchitektur. Aber gleich studieren? „Ich dachte, dass eine Schreinerlehre vorher ganz praktisch wäre.“

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Denn nach der Ausbildung bei der Möbelmanufaktur Wagner in Mindelheim hatte der 27-Jährige seine Pläne, Innenarchitekt zu werden, aufgegeben. Wagner liefert seine maßgeschneiderte Einrichtung in die ganze Welt. Müller flog zur Montage unter anderem in die USA, in die Schweiz und nach Osteuropa. Diese gesammelten Erfahrungen möchte er nicht missen.

Praktische Erfahrung vor dem Studium

Denn die praktischen Erfahrungen konnte er bei seinem anschließenden Studium gut gebrauchen. Nach zwei Lehr- und zwei Gesellenjahren ging Müller an die Fachhochschule (FH) in Rosenheim. Das Fach: Holzbau. In der Stadt am Inn traf er auf Gleichgesinnte: „An der FH sind Studenten mit einer Ausbildung stark vertreten. Viele studieren auch auf dem zweiten Bildungsweg, also ohne Abitur. Ohne praktische Erfahrung versteht man den Werkstoff Holz nur schwer.“ Immer wieder konnte er sein Wissen im Studium nutzen. Im Fach Maschinenkunde etwa brauchte er nicht viel zu lernen. Schließlich hatte er viele Geräte tagtäglich benutzt.

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Im Laufe der Studienzeit entdeckte er die Baustatik für sich. Seit April arbeitet er daher für das Kemptener Ingenieurbüro Dr. Schütz. Dort plane und koordiniere er verschiedene Bau- und Sanierungsprojekte, arbeite oft mit Handwerkern zusammen. Auch da hilft ihm seine Zeit als Schreiner.

Und mit seinem Bildungsweg ist Müller nicht allein: Etwa jeder fünfzehnte Abiturient hat im vergangenen Jahr in Schwaben eine Handwerksausbildung angefangen. Das belegen Zahlen der Handwerkskammer für Schwaben und des Bayerischen Landesamts für Statistik. Insgesamt 320 der gut 4000 neuen Lehrlinge haben die Hochschulreife. Die Chancen auf eine Stelle sind nach Einschätzung von Müller besser denn je, viele Betriebe suchen Nachwuchs. Und die lange Schulbildung verspreche eine sorgenfreiere Berufsschulzeit. Müller konnte nicht nur die Lehrzeit um ein Jahr verkürzen, sondern profitierte auch vom vertieften Wissen, das im Gymnasium etwa in den Naturwissenschaften vermittelt wird. „Man sollte die Berufsschule nicht unterschätzen. Aber ich hatte es natürlich leichter als manch anderer.“

Müller sieht sich auch nach acht Jahren noch nicht am Ende seiner Ausbildung. Ein Masterstudium zum Bauingenieur soll noch folgen. Erst einmal möchte er aber arbeiten und Praxiserfahrung sammeln. Das hat schließlich schon einmal gut funktioniert.

Hürden sind dazu da, überwunden zu werden. Das gilt gerade auch beim Berufseinstieg. Mit der Lehrstellenoffensive unserer Zeitung wollen wir junge Menschen auf dem Weg in den Beruf unterstützen. Es ist eine gemeinsame Aktion mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben, der Handwerkskammer für Schwaben sowie den Arbeitsagenturen der Region. Alle Informationen zur Lehrstellenoffensive gibt es unter www.leo-bayern.de.

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