Newsticker

Bund und Länder einigen sich auf Kontaktbeschränkungen bis zum 29. Juni
  1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Nach Gefangenen-Vergleich: Bioladen-Chef rudert zurück

Rapunzel Naturkost

18.05.2020

Nach Gefangenen-Vergleich: Bioladen-Chef rudert zurück

Der Unternehmer Joseph Wilhelm steht in der Kritik.
Bild: Rapunzel

Der Gründer des Bio-Lebensmittelherstellers Rapunzel bezeichnet Schutzmasken als "demütigend" - und wird angefeindet. Wie er sich verteidigt.

Mit einem Alter von „60 plus“ gehört Joseph Wilhelm, 66, eigentlich zur Corona-Risikogruppe. Doch der Gründer des Bio-Lebensmittelherstellers Rapunzel Naturkost GmbH mit Sitz in Legau (Unterallgäu) sieht sich selbst „null komma null“ gefährdet. „Gesund und fit zu leben, ist der beste Schutz. Deshalb mach ich mir überhaupt keine Sorgen. Da lasse ich mich von niemanden beeinflussen“, sagt der streitbare Unternehmer, der mit seinen jüngsten Äußerungen gegen Impfpflicht und Maskenzwang in den sozialen Netzwerken kritisiert wird.

Joseph Wilhelm bezeichnet Tragen von Masken als Demütigung

In einem Beitrag auf der Rapunzel-Internetseite hatte er das Tragen von Masken, über deren Wirksamkeit seit Wochen diskutiert wird, als „die höchste Form von Demütigung“ bezeichnet. „So mussten in australischen Gefängnissen die Gefangenen außerhalb ihrer Zelle Masken tragen. Sie mussten sich unterwerfen und es war sichergestellt, dass sie ,brav‘ blieben und nicht aufbegehrten“, zog er einen historischen Vergleich. Eine vermeintliche Impfpflicht wertete er als „Androhung“: „Dann bekommt man halt einfach eine Spritze verabreicht. Ich seh schon vor meinem geistigen Auge Jagdkommandos, die widerstrebige Impfgegner einfangen und zwangsimpfen, um so das Überleben unserer Rasse sicherzustellen.“

Unternehmen warb für die Rezepte des umstrittenen Kochs Attila Hildmann

Sätze wie diese lassen den Bio-Pionier in den Augen seiner Kritiker in die geistige Nähe zu Verschwörungstheoretikern rücken. Dieser Eindruck verschärfte sich, da bis vor kurzem Kochrezepte des umstrittenen Vegan-Kochs Attila Hildmann auf der Rapunzel-Internetseite zu finden waren. Hildmann glaubt, dass böse, geheime Kräfte eine neue Weltordnung installieren wollen, und ruft zum Widerstand auf. Anfang Mai postete er auf Facebook: „Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes.“

Bioladen Rapunzel distanziert sich von Verschwörungsszene

Doch was hat dieser neue Frontmann der Verschwörungsszene mit Rapunzel und seinen 380 Mitarbeitern zu tun? „Gar nichts mehr“, betont Wilhelm. Zwar habe Rapunzel früher mit Hildmann kooperiert. Doch vor fünf Jahren habe Rapunzel die Zusammenarbeit beendet. „Sein angeberisches und martialisches Gehabe passte einfach nicht mehr zu unserer Philosophie. Er schießt mittlerweile eindeutig übers Ziel hinaus“, sagt Wilhelm. Dennoch habe man seine Rezepte nicht von der Rapunzel-Seite gelöscht. „Der Inhalt eines tollen Kochbuchs verändert sich ja nicht, nur weil sich der Koch verändert.“

Dass nun auch Wilhelm selbst in der Kritik steht, überrascht ihn nicht: „Man darf heute nichts Kritisches mehr sagen, ohne niedergemacht und die rechte Ecke gestellt zu werden.“ Vorwürfe, die er mit Verweis auf seine alternative Vita als absurd empfindet. Dennoch wird ihm auf Twitter beispielsweise „Sozialdarwinismus“ vorgeworfen.

Wilhelm vermutet kommerzielle Gründe hinter Hygienemaßnahmen

Wilhelm hatte in einer seiner Wochenbotschaften mit Blick auf die „Corona-Hysterie“ (Wilhelm) formuliert: „Oder sind es gar unterschwellige kommerzielle Gründe, mit denen sich angesichts geschürter Todesangst hervorragend Geschäfte machen lassen. Dass wir vor allem in ,modernen‘ Gesellschaften mit rund 12 Millionen offizieller Abtreibungen Leben verhindern, wird gleichzeitig als Errungenschaft dargestellt. Was macht den Unterschied zwischen Leben, das sich verabschieden will, und Leben, das kommen will?“

Will er damit sagen, dass sich Not leidende Corona-Patienten lieber „verabschieden“ wollen, als dass ihnen geholfen wird? Im Gespräch mit unserer Redaktion relativiert Wilhelm seine Aussagen. „Ich hatte speziell sehr alte Menschen vor Augen. Sie sehen sich teils selbst am Lebensweg angekommen und sagen das auch so.“ Selbstverständlich müsse man Menschen helfen.

Unternehmer Wilhelm bereut umstrittene Aussagen

Seine umstrittenen Aussagen würde er heute „so wohl nicht mehr treffen“, sagt er. „Ich wollte Menschen aufrütteln.“ In erster Linie sei es ihm um ein Signal für Eigenverantwortung und gegen die Corona-Impfpflicht gegangen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung für Deutschland als Möglichkeit im Raum stand. Mittlerweile hat deren Einführung Kanzleramts-Chef Helge Braun abgelehnt.

Bei seiner Impf-Abneigung fühlt sich Wilhelm eigenen Angaben zufolge nicht von Verschwörungstheoretikern gestärkt, sondern von „guten, alten Ärzte, die das genau so kritisch sehen.“

Besitzer fühlt sich von Ärztemeinungen gestärkt

Die Bundesregierung hat am Montag unabhängig vom konkreten Fall eindringlich vor Fehlinformationen in der Corona-Krise gewarnt. Diese könnten „lebensbedrohliche Auswirkungen“ haben, sagte Regierungssprecherin Ulrike Demmer am Montag in Berlin. Im Internet, in Messenger-Gruppen kursierten viele Unwahrheiten, Verschwörungstheorien, falsche Gesundheitstipps und Aufrufe zu Verstößen gegen die Schutzmaßnahmen oder die öffentliche Ordnung. „Dadurch werden Menschenleben in Gefahr gebracht, und das darf nicht sein.“ Demmer betonte erneut: „Es wird keine Impfpflicht gegen das Coronavirus geben.“

Am Abend gab Rapunzel eine Pressemitteilung heraus, in der es sich erneut von Attila Hildmann distanzierte. Zugleich bedauerte Wilhelm „Äußerungen und Ausdrucksweisen in meinen ,Wochenend-Botschaften’ (die ursprünglich nur für intern gedacht waren), welche rückwirkend überzogen erscheinen, auch mir.“ (mit dpa)

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

19.05.2020

Das Tragen von Masken ist nicht demütigend - es ist reine Schikane. Es ist doch eindeutige nachgewiesen, daß die Masken keinen, höchstens kaum Schutz bieten. Ich empfehle jedem Raucher (und auch ausnahmsweise Nichtrauacher) folgenden kleinen Test: Rauchware anzünden, einen tiefen Zug, Maske auf und ausatmen => dann bekommt man einen Eindruck wie sich Aerosole auch beim Tragen einer Maske noch verbreiten (können).

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren