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Interview

29.10.2020

Osram-Chef Berlien: Kein Personalabbau in Schwabmünchen geplant

Olaf Berlien, Chef der Münchner Firma Osram, blickt trotz Corona-Pandemie zuversichtlich in die Zukunft.
Bild: Marcus Merk

Plus Olaf Berlien ist Chef des Münchner Licht-Spezialisten, der vom österreichischen AMS-Konzern übernommen wurde. Der Manager erklärt, warum er trotz Corona-Krise zuversichtlich ist.

Herr Berlien, wie hart hat die Corona-Krise Osram getroffen?

Olaf Berlien: Wir haben sehr früh angefangen, uns auf die Corona-Pandemie einzustellen.

Wann haben Sie den Alarmknopf gedrückt?

Berlien: Schon im Januar nach den ersten Meldungen aus China. Dass wir so früh reagiert haben, liegt sicher an meinen bitteren Erfahrungen. Mit 58 Jahren habe ich als Manager schon viele Wirtschaftskrisen vor Corona durchlebt, von 1987 an bis zur Finanzmarktkrise der Jahre 2008 und 2009. Aus alldem habe ich Lehren gezogen. Die wichtigste Konsequenz ist für mich Schnelligkeit. 2008 habe ich, damals noch in Diensten von ThyssenKrupp, aus heutiger Sicht zu langsam reagiert.

Wie sind Sie bei Osram vorgegangen?

Berlien: Wir haben schon im Januar 100.000 Masken und im Februar Corona-Tests bestellt. Wir messen auch regelmäßig Fieber. Ich war früh ein Verfechter von Masken. Und wir haben schon Mitte Februar einen Corona-Krisenstab eingerichtet, der wöchentlich die Lage bespricht. Hier werden also etwa Stornierungen abgefragt.

Was hat all das gebracht?

Berlien: Wir verzeichnen weltweit bis heute bei 22.000 Mitarbeitern nur 74 Corona-Fälle – und das an rund 120 Standorten weltweit. Da sind Länder wie Brasilien mit hohen Fallzahlen und eine Fabrik in Mexiko dabei. Das ist der Erfolg eines extrem strengen Hygienekonzepts. So konnten alle Fabriken bis auf vorübergehend gesetzlich erzwungene Schließungen weiterlaufen. Doch wir konnten bei staatlich angeordneten Schließungen schnell nachweisen, dass Osram systemrelevant ist. Denn ohne unsere Lichter fahren keine Autos. So mussten wir Fabriken nur für wenige Tage schließen.

 

Wie stark ist das Osram-Geschäft dennoch durch Corona eingebrochen?

Berlien: Wir müssen Umsatzrückgänge von rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr verkraften, wir erwarten aber trotzdem eine operative Rendite von acht Prozent, während es im letzten Geschäftsjahr, in dem Corona noch kein Thema war, 8,9 Prozent waren. Wir konnten also durch hunderte Einzelmaßnahmen und klare Krisenführung das Ergebnis in etwa halten, obwohl wir Umsatz verloren haben.

Nach Steuern schreibt Osram aber nach wie vor rote, dicke rote Zahlen. So gut läuft es also doch nicht?

Berlien: Das ist unabhängig von Corona das Ergebnis des notwendigen Transformationsprozesses mit der Bereinigung bestimmter Bereiche: So lösen wir etwa das Gemeinschaftsunternehmen mit Continental im Automobilbereich wieder auf und gehen getrennte Wege. Derzeit ist aber nicht so sehr das Ergebnis nach Steuern, sondern das operative Ergebnis wichtig. Und das ist bei uns deutlich positiv. In der Corona-Krise kommt gerade auch der Liquidität, also dem Free Cashflow, besondere Bedeutung zu. Hier kommen wir aus der Krise mit einem ausgeglichenen Wert heraus.

Cash ist also King, wie auch Post-Chef Frank Appel beschwört.

Berlien: Zur Verdeutlichung: Wenn man Essen einkaufen will und hat einen hohen Buchwert, hilft einem das wenig, wenn man nicht flüssig ist. Das Wichtigste in einer Krise ist Cash – und sonst gar nichts. Das Ergebnis vor oder nach Steuern spielt in einer Krise eine untergeordnete Rolle. Ohne Cash wird man zu sehr von Banken abhängig und braucht staatliche Gelder. Wir haben bisher keine Kredite der staatlichen Förderbank KfW in Anspruch genommen.

Sie wirken sogar zuversichtlich, dass die Konjunktur bei allen Corona-Unwägbarkeiten wieder deutlicher anspringen könnte.

Berlien: Ich persönlich bin zuversichtlich, weil immer mehr Ampeln bei uns, die für die Entwicklung von Geschäftsfeldern stehen, nun von Rot auf Gelb springen. Es geht also derzeit aufwärts. Als Autozulieferer spüren wir früh, wenn es konjunkturell bergauf und bergab geht. So habe ich schon 2018 mehrfach vor einer deutlichen Eintrübung des Geschäfts gewarnt, vor anderen. Wir mussten Gewinnwarnungen veröffentlichen.

Wie geht es nun im kommenden Jahr wirtschaftlich weiter?

Berlien: Wenn ich zumindest für unser Geschäft nach vorne schaue, also auf November und Dezember, ja in den Jahresbeginn 2021 hinein, erkenne ich derzeit in der Auftragskurve einen typischen "U"-förmigen Verlauf. Ich bin also heute vorsichtig optimistisch, was das Jahr 2021 betrifft.

Haben wir bei dem "U" die Wanne nach dem Absturz wieder verlassen?

Berlien: Ja, seit Juli sind wir aus dem Badewannenboden raus und bewegen uns nach oben.

Dennoch wächst angesichts der deutlich steigenden Fallzahlen in Deutschland die Angst, dass es weiter bergab geht. Wie hart würde ein solcher zweiter Lockdown Osram treffen? (Das Gespräch entstand, bevor Bund und Länder am Mittwochabend scharfe Corona-Maßnahmen beschlossen haben.)

Berlien: Osram ist ein weltweit aufgestelltes Unternehmen. In China laufen unsere Geschäfte derzeit besser als im Vorjahr. Generell läuft Asien zurzeit exzellent, auch Südkorea und Japan. Selbst in Indien geht es jetzt trotz hoher Corona-Zahlen wieder spürbar aufwärts, besonders im Autobereich. Und auch in den USA machen wir gute Geschäfte. Hier zieht das Ersatzteilgeschäft etwa für Halogenlampen kräftig an. Die Amerikaner fliegen in der Corona-Krise weniger und fahren seltener Zug. Dafür sind mehr Bürger mit dem Auto unterwegs. Davon profitiert unser Ersatzteilgeschäft kräftig.

 

Doch mit Lockdowns kann sich die Lage rasch verdüstern.

Berlien: Selbst wenn es weltweit wieder Lockdowns gibt und die Menschen weniger neue Autos kaufen, profitieren wir weiter von der auch dann hohen Nachfrage nach Ersatzteilen. Und uns hilft natürlich, dass das Geschäft mit Smartphones, Tablets und Computern, für die wir Leuchtdioden liefern, während der ganzen Krise stabil geblieben ist. Osram profitiert also vom Trend zur Digitalisierung: Wir brauchen ja jetzt alle bessere elektronische Geräte. Weil wir im Auto-, Digital- und Industriegeschäft gut aufgestellt sind, sind wir gut durch die Krise gekommen. Meiner Erwartung nach bleibt das auch 2021 so.

Kann Osram sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen?

Berlien: Das ist mein Ziel. In der Krise reicht es nicht, seine Fixkosten runterzufahren, man muss auch wie Osram zuletzt im Autogeschäft Marktanteile gewinnen und neue Produkte wie unsere UV-C-Lampen zur Corona-Bekämpfung auf den Markt bringen.

Was verbirgt sich dahinter? Kann damit wirklich Corona bekämpft werden?

Berlien: Es handelt sich um spezielle Lampen für ultraviolettes Licht. Mit unserer in diesem Jahr international zugelassenen Technik lassen sich Luft und Oberflächen entkeimen. Wir können damit Viren und Bakterien mit einer Zuverlässigkeit von etwa 99,9 Prozent unschädlich machen. In Wuhan und Peking wurden die Systeme schon in Krankenhäusern eingesetzt. Auch an mehr als 10.000 chinesische Kindergärten haben wir unsere Systeme geliefert.

Aber hilft das wirklich?

Berlien: Mit UV-Licht kann man, das haben viele Studien bewiesen, Viren wirksam bekämpfen. In Krankenhäusern werden schon seit Jahren Operationssäle mit UV-Licht desinfiziert. Dazu werden große Lampen eingesetzt. Mit kompakten Leuchtdioden, die wir in diesem Jahr neu entwickeln, können diese Geräte zukünftig viel kleiner gebaut werden. Durch die Bestrahlung mit UV-C-Licht ist die Corona-Zelle nicht mehr in der Lage, sich zu vermehren und zu überleben. Unsere neuen Geräte auf UV-Licht-Basis kann man etwa während Meetings auf den Tisch stellen und ist ein wenig mehr geschützt.

Man ist also nicht vollständig geschützt?

Berlien: Nein, der Schutz ist natürlich nicht vollständig. Man ist nicht 100 Prozent sicher. Doch die Geräte saugen Aerosole, in denen ja auch Viren enthalten sein können, ein und zerstören sie nach unseren derzeitigen Erkenntnissen in bedeutsamem Umfang. Das funktioniert wie ein Luftreiniger, der aber mit Licht arbeitet.

Wann kommen diese Produkte auf den Markt und was sollen sie kosten?

Berlien: Das kleine Gerät soll in vier Wochen auf den Markt kommen, das größere vor Weihnachten. Die Geräte produzieren wir derzeit noch in Berlin und Garching bei München, künftig aber, um die Preise möglichst niedrig zu halten, in China. Das größere Gerät soll etwa 300 bis 400 Euro kosten, das kompaktere, das etwa so groß wie eine Flasche ist und Schutz in einem Umkreis von rund einem Meter bietet, soll etwa 150 bis 200 Euro kosten. Wir sind jetzt gerade dabei, die Serienproduktion anlaufen zu lassen. Und wir haben noch einen kleinen Luftreiniger in der Größe einer Zigarettenschachtel fürs Auto entwickelt, der sich auf die Lüftungslamellen stecken lässt. Er ist auf dem Markt und kostet 69 Euro.

Doch ist die Wirksamkeit solcher UV-C-Produkte auch wirklich wissenschaftlich fundiert belegt?

Berlien: Wir lassen gerade vom TÜV und wissenschaftlichen Instituten untersuchen, wie viel Kubikmeter Luft unsere UV-C-Geräte in Büros oder Schulen pro Stunde reinigen. Es geht also um die Frage, wann wir behaupten dürfen, dass ein Raum dank unserer neuen Technik beinahe frei von Coronaviren ist. Die Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Natürlich können es sich Schulen nicht leisten, alle Klassenzimmer mit solchen Licht-Luftreinigern auszustatten. Kann Osram als Sponsor auftreten?

Berlien: In dem einen oder anderen Fall kann ich mir das vorstellen. Wir können aber nicht ganz Deutschland mit Geschenken versorgen, sind doch zwei bis vier der großen Geräte pro Klassenraum erforderlich.

Wie zufrieden sind denn Ihre neuen Eigentümer des österreichischen Sensortechnik-Spezialisten AMS mit Osram? Verstehen Sie sich mit AMS-Chef Alexander Everke einigermaßen? Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, Osram könnte zerschlagen werden.

Berlien: Die Chemie zwischen Alexander Everke und mir ist sehr gut.

Wirklich?

Berlien: Ja, die Chemie ist wirklich gut. Wir befinden uns in engem Kontakt, ja telefonieren täglich. Wir duzen uns und gehen auch mal ein Bier zusammen trinken. Natürlich haben die AMS-Verantwortlichen mit Sorge gesehen, dass sie Osram während der Corona-Krise übernehmen. Umso erleichterter sind sie, dass wir die Krise gut managen, kein Cash verbrennen und auch neue Produkte entwickeln.

Doch noch einmal: Was ist an den Gerüchten dran, AMS könnte etwa die Autosparte von Osram abstoßen?

Berlien: Es sind reine Gerüchte. Und um diese Gerüchte zu entkräften, haben AMS und Osram, also Vorstand und Aufsichtsrat beider Partner, eine Zusammenschluss-Vereinbarung unterzeichnet, die fusionsbedingte Kündigungen ausschließt und vorsieht, dass wir etwa an der Autosparte festhalten. Die Autosparte wird also nicht verkauft. Über all das wacht eine neutrale Instanz, nämlich die frühere Siemens-Personalchefin Brigitte Ederer, eine Österreicherin, als Monitorin.

Und wie sieht es mit dem Standort in Schwabmünchen bei Augsburg aus? Bleibt er erhalten, nachdem Osram Augsburg endgültig dichtmacht?

Berlien: Die letzten Mitarbeiter in Augsburg werden bis Ende Juni 2021 gehen und nach Schwabmünchen wechseln. Dort beschäftigen wir aktuell unverändert rund 300 Mitarbeiter. Schwabmünchen ist ein gutes Beispiel für eine gelungene Transformation eines Werkes. Dort haben wir früher vorwiegend Glühdrähte hergestellt. Nach dem Glühlampenverbot sind Glühdrähte weniger nachgefragt. Deshalb haben wir in Schwabmünchen eine Fertigung für LED-Teile in einem Reinraum aufgebaut.

Wie geht es weiter mit Osram in Schwabmünchen?
Bild: Ulrich Wagner

Teilt AMS-Chef Everke Ihre Begeisterung für Schwabmünchen?

Berlien: Alexander Everke sagte mir gerade, wie begeistert er über die Materialkompetenz von Osram ist. Und das Werk in Schwabmünchen ist ein gutes Beispiel für unsere Materialkompetenz. Denn dort stellen wir Phosphor her. Der richtige Phosphor in der richtigen Mischung ist wesentlich für eine gute Leuchtdiode. Osram ist weltweit neben einem japanischen Anbieter die einzige Firma, die eigenen Phosphor produziert. Und unser einziger weltweiter Phosphor-Standort ist Schwabmünchen. So ist das Werk zusammen mit der dortigen LED-Fertigung gut aufgestellt. Zudem ist Schwabmünchen deutschlandweit unser einziger Standort, den wir auf die superschnelle 5G-Datenübertragungstechnik umstellen. Unsere Roboter fahren in Schwabmünchen mit 5G-Technologie.

Sichert all das Schwabmünchen langfristig ab?

Berlien: Ich bin immer sehr vorsichtig, langfristige Prognosen für Standorte abzugeben. Wer kann schon Entwicklungen bis 2025 vorhersehen? Ich jedenfalls nicht. Auf alle Fälle hat Schwabmünchen jetzt Produkte, die gefragt sind. Derzeit ist die Beschäftigungslage in Schwabmünchen mit 300 Mitarbeitern stabil. Es ist kein Personalabbau geplant. Was die Transformation von alten zu neuen Technologien betrifft, ist Schwabmünchen ein Leuchtturm-Werk.

Wie geht es für Sie im kommenden Jahr persönlich weiter? Bleiben Sie nach der Übernahme durch die Österreicher Osram-Chef oder gehen Sie?

Berlien: Mein Vertrag läuft noch zweieinhalb Jahre und ich sehe überhaupt keine Notwendigkeit, eine Veränderung herbeizuführen. Es gibt viel zu tun. Ich bin hoch motiviert. Ich habe tausend Ideen für Osram.

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29.10.2020

Ein zufriedener Manager - Talsohle durchschritten - weltweit aufgestellt - hohe Materialkompetenz - gutes Verhältnis zur neuen Mutter -
rundum Zufriedenheit mit der persönlichen Perspektive und der für die Anteilseigner.
Na denn - die entlassenen Mitarbeiter hier in Augsburg wirds freuen und die einst kostenlos überlassene jetzige Industriebrache an der Berliner Allee wird schon eine vernünftige Verwendung finden.

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