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Container-Betrug

25.04.2019

P&R-Pleite: Wie betrogene Anleger noch Geld zurückbekommen könnten

Rund 54.000 Anleger verloren Geld, das sie in Container der Münchner Firma P&R investierten.
Bild: Matthias Balk, dpa (Archiv)

Plus Tausende Anleger steckten ihr Erspartes in Container der Firma P&R und wurden Opfer eines Schneeballsystems. Ein Urteil macht ihnen Hoffnung.

Es könnte der bisher größte Anlagebetrug der bundesdeutschen Geschichte sein. Rund 54.000 Anleger hatten ihr Geld dem Unternehmen P&R aus München-Grünwald anvertraut. Dieses investierte das Kapital in Frachtcontainer und vermarktete diese. Die Privatanleger bekamen eine jährliche Ausschüttung und am Ende der Laufzeit eine Rückzahlung. P&R war jahrzehntelang am Markt und sammelte gigantische 3,5 Milliarden Euro ein. Das Problem: Viele Container gab es nur auf dem Papier. In Wirklichkeit existierten sie nicht.

 Verbraucherschützern zufolge hatte P&R am Ende ein Schnellballsystem aufgebaut. Ein Urteil macht Anlegern jetzt Hoffnung, dass sie auf dem Klageweg mehr Geld als bisher erwartet zurückbekommen können. Geplant ist zudem ein Musterverfahren, das die Interessen vieler Betroffener bündelt.

Denn inzwischen ist P&R längst pleite. Die Geschädigten konnten ihre Ansprüche zwar bei Insolvenzverwalter Michael Jaffé geltend machen. Ob sie aber einen großen Teil ihres Geldes wieder sehen werden, sei fraglich, meint die Münchner Rechtsanwältin Daniela Bergdolt im Gespräch mit unserer Redaktion, die auch stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz ist. Bergdolt rät jetzt, sich damit nicht zufrieden zu geben und weitere Optionen zu prüfen. Eine Chance sei, Schadenersatzansprüche gegen die Vermittler der Geldanlage, Wirtschaftsprüfer und Rating-Agenturen zu prüfen, welche die Risiken der Anlage offenbar falsch eingeschätzt haben.

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Schneeballsystem: 54.000 Anleger steckten hohe Summen in die P&R-Container

Meist waren es ältere Herrschaften, oft über 70 Jahre, die in das Finanzprodukt investierten, berichtet Bergdolt. „Alle hatten den Eindruck, in etwas Grundsolides zu investieren“, meint die Anwältin. Der Börse trauten viele nach schlechten Erfahrungen nicht mehr. Eine Geldanlage in Container erschein dagegen als etwas Reales. Im Notfall könne man „seinen“ Container sogar anschauen, dies sei die Vorstellung gewesen. Doch die Vorstellung stellte sich nicht als ganz richtig heraus. Als Insolvenzverwalter Jaffé nach der Insolvenz eine Bestandsaufnahme machte, fand er statt 1,6 Millionen Containern nur rund 600.000.

Nicht selten, berichtet Bergdolt, hätten die Anleger ihre komplette Altersvorsorge investiert. Dabei handelte es sich um wohlhabendere Kunden, die hohe Beträge mitbrachten: Häufig fünfstellige Summen – bis hin in die Millionen. Lange Zeit lief die Anlage auch gut. Dann kam das böse Erwachen. Wie die Verbraucherzentrale Hamburg berichtet, hatte P&R am Ende offenbar ein klassisches Schneeball-System aufgebaut: Fällige Auszahlungen wurden mit Neuanlagegeld bezahlt – bis das System zusammenbrach.

Heute sitzt P&R-Firmengründer Heinz Roth in Untersuchungshaft. Gegen ihn ist Anklage erhoben worden. Zu einer Gläubigerversammlung in München kamen vergangenes Jahr viele Anleger. Berichten zufolge können sie damit rechnen, am Ende vielleicht 30 Prozent der angelegten Summe zurückzubekommen. Rechtsanwältin Daniela Bergdolt rät aber Geschädigten, auch abseits des Insolvenzverfahrens aktiv zu werden. Gegebenenfalls könnte man nämlich Ansprüche gegen Dritte durchsetzen.

Anlegerschützerin kritisiert Wirtschaftsprüfer wegen P&R-Betrug

„Es gibt Wirtschaftsprüfer, die jahrzehntelang P&R testiert haben“, sagt Bergdolt. Hier stellt sich die Frage, ob diese wirklich ihrer Verantwortung gerecht wurden. Die gleiche Frage stelle sich bei den Rating-Agenturen, die „bis kurz vor dem Zusammenbruch die P&R-Anlagen mit guten Noten versehen haben“, sagt Bergdolt. Und schließlich gebe es Vermittler, welche den Anlegern die P&R-Produkte verkauft haben – darunter befänden sich Banken, Sparkassen, aber auch private Finanzdienstleister und Vermögensverwalter. „Viele von ihnen rieten ihren Kunden, das P&R-Produkt fast standardmäßig ins Portfolio aufzunehmen“, schildert es Bergdolt.

P&R-Pleite: Erfurter Landgericht billigte Klägern Schadenersatz zu

In Erfurt waren Kläger bereits erfolgreich: Das Landgericht dort verurteilte unlängst eine Vermittlungsfirma zu 120.000 Euro Schadenersatz gegenüber dem Anleger. Zur Begründung hieß es, die Vermittler hätten ihre Auskunftspflichten gegenüber den Anlegern verletzt. In einer Plausibilitätsprüfung hätten sie erkennen müssen, dass es viel weitergehende Risiken gibt, als im Prospekt dargestellt, berichtet die Verbraucherzentrale Hamburg.

Rechtsanwältin Daniela Bergdolt plant zudem, dieses Jahr – ähnlich wie bei der Telekom oder in der VW-Diesel-Affäre – ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren anzustrengen, kurz: KapMuG-Verfahren. „Der Vorteil ist, dass nicht jeder der 54.000 betroffenen P&R-Anleger einzeln vor Gericht ziehen muss“, erklärt Bergdolt. Statt dessen könnten sie sich einer gemeinsamen Klage anschließen. Das Gericht greift dann aus der Vielzahl gleicher Fälle einen heraus und fällt ein Musterurteil.

Die Anleger müssen zwar anschließend nochmals einzeln ihre Ansprüche durchsetzen. Das Musterurteil dient aber als Blaupause. „Der Vorteil sind wesentlich geringere Kosten, als wenn man seine Interessen ganz alleine verfolgt“, erklärt Bergdolt. Bisher habe sie eine dreistellige Zahl an Mandanten für solch eine Klage versammelt. (dpa)

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